Helmut
Schmidtke und ich, wir lernten uns erst im Mai 1996 in Hannover auf einem der
seit 1956 jährlich einmal stattfindenden „Kimpersaier Treffen“ kennen,
obwohl wir uns im Kimpersaier Lager sicher schon oft begegnet waren. Er bat mich
um eines der ersten sechs Exemplare meiner Erzählung, die ich zum Treffen
mitgebracht hatte, und versprach mir, zu schreiben. Sein Versprechen hat er auf
eine beeindruckende Weise gehalten:
Dresden, 26.5.96
Lieber Manfred!
Versprochen ist versprochen. Auch wenn es etwas länger gedauert hat, so will ich Dir heute nochmals Dank sagen für Deinen Bericht über die Jahre in Kimpersai. Er hat mich sehr bewegt, und ich habe viel Zeit gebraucht, um mich nochmals intensiv mit diesen Jahren zu beschäftigen. Jeder von uns hat diese Jahre wohl auch anders erlebt. In jeder Baracke, in jeder Brigade gab es andere Erlebnisse. So habe ich mich daran gesetzt und eine Ergänzung Deines Berichtes geschrieben. Schon deshalb auch, weil Du zum Schluss erwähnst, daß 150 Kameraden in andere Lager abtransportiert wurden und ihr Schicksal bisher verborgen blieb. Ich zähle dazu, und so soll meine Ergänzung vom Schicksal dieser Kameraden berichten
Du hast mit Deinem Bericht so viel Erinnerungen geweckt und ich bin sicher, dass Du damit vielen von uns die Erlebnisse dieser Jahre, die wir schon abgelegt, abgehakt und vergessen glaubten, nochmals sehr eindeutig vor Augen geführt hast.
Beim nächsten Treffen hoffe ich auf ein Wiedersehen und auf weiteren Austausch unserer Erinnerungen. Man sollte sie nicht vergessen.
Mit freundlichem Gruß
Helmut Schmidtke

„Sechzehnjährig
im Gulag“, mit diesem Titel hat Manfred Peters seinen Bericht über die
Jahre seiner Gefangenschaft oder "Internierung" in Kasachstan
im Lager Kimpersai überschrieben. Ich bin ihm dankbar für diesen Bericht, hat
er mich damit gleichzeitig animiert, diese Zeit nochmals etwas intensiver zu
durchdenken und aus der Vergessenheit oder besser Verdrängung zu holen.
Manfred
schreibt zum Schluß seines Berichtes: "Etwa einhundertfünfzig waren in
andere Lager abtransportiert worden. Ihr Schicksal blieb uns verborgen." Da
ich zu diesen gehörte, will ich deren Schicksal aus meiner Sicht schildern.
Ich kann mir Erlebnisse von der Festnahme, den Weg über
das Stadtgut Zoppot, Schießstange und Graudenz bis nach Kimpersei sparen, da
Manfred ja ausführlich diese geschildert hat und wir wohl alle den gleichen Weg
gegangen sind. So beginne ich mit dem August 1945.
Wieder kamen wir von einer Nachtschicht aus der Grube
nach "Hause". Unsere Brigade arbeitete in der Grube beim Beschlacken
der Waggons, die den Abraum zur Halde transportierten.
„Beschlacken“ heißt, die Waggons wurden mit
einer dünnen Schicht Kohlen– oder Nickelschlacke bestreut, damit der Abraum
beim Abkippen an der Halde nicht auf den Waggons kleben blieb.
Auch hier an der Halde war ein Teil unserer Brigade
beschäftigt. Wir standen am Abgrund der Halde und hatten die Aufgabe, den
Abraum, der beim Abkippen in den Waggons hängen blieb, mit langen Stangen zu lösen.
Heute frage ich mich, wie es kam, daß keiner von uns von den Brocken in den
Abgrund gerissen wurde.
Wir waren nach Schichtschluß ins Lager zurückgekehrt
und dabei, unsere Abendsuppe zu essen, als es plötzlich hieß: "Es geht
ein Transport mit ca. einhundert Kameraden nach Hause" – , und ich sollte
dabei sein.
Schon in den ersten Augusttagen waren zwei Gruppen
von jeweils ca. 30 bis 40 Gefangenen auf "Heimtransport" gegangen. Die
meisten von ihnen waren Kranke, aber ob sie wirklich heimfuhren, haben wir nicht
erfahren. Jetzt sollte der dritte Transport nach Hause gehen, und ich war dabei.
Nicht krank, nicht schwach, und auch die anderen Aufgerufenen gehörten
mindestens zur Kategorie 2, d. h., sie waren voll arbeitsfähig.
Es vergingen die Tage. Neben unserer Arbeit in der
Grube im Dreischichtbetrieb durften wir Jüngeren noch nach der zweiten Schicht
das "Leichenkommando“ verstärken. Manfred hat die Arbeit dieses
Kommandos ausführlich geschildert. Von unserem Transport hörten wir nichts.
Anfang Oktober sickerte dann durch: Das Lager Kimpersai ist unter Quarantäne
gestellt, da im vorhergehenden Transport Ruhr und Typhus aufgetreten waren und
weitere Transporte vorerst nicht erfolgen dürfen.
So blieben wir in Kimpersai. Den Jahreswechsel 45/46
erlebte ich bei einer Nachtschicht in der Grube. Von 23.50 bis 0.10 Uhr war
Pause.
Das Frühjahr kam, und in den ersten Maitagen 46
wurde der Transport erneut aufgerufen. Erwartungsvoll versammelten wir uns am
Haupttor des Lagers. Der Lagerkommandant ließ nochmals alle Namen verlesen,
dann wünschte er uns eine gute Fahrt und ein frohes Wiedersehen mit unseren
Angehörigen in der Heimat.
Ab ging es Richtung Eisenbahnstrecke. Irgendwie kam
uns alles etwas ungewöhnlich vor. Zur Arbeit gingen wir schon lange ohne
Posten, nur der Brigadier holte uns an der Wache ab. Jetzt waren wir von Posten
umgeben. Sollte das die Heimfahrt sein?
Mitten auf freier Strecke standen drei Waggons mit
einer Lok unter Dampf. Zu je vierzig wurden wir auf die Waggons verteilt. Es war
nicht anders als auf der Fahrt von Graudenz nach Kimpersai. Auf jedem Waggon
mehrere Posten und die Waggons verschlossen. Kaum waren wir alle untergekommen,
setzte sich der Konvoi in Bewegung. Es ging nordwärts – nicht westwärts.
Unsere Hoffnung und unsere Freude waren schnell verflogen.
Nach drei Tagen waren wir am Ziel. Das war das Gebiet
Swerdlowsk (Jekaterinenburg) bei der kleinen Stadt Resch. Jekaterinenburg ist
jetzt wieder auch in Deutschland bekannt, da dort der jetzige Präsident Rußlands,
Jelzin, lange Jahre Vorsitzender des Bezirkskomitees der KPdSU war.
Nach einem längeren Marsch, ca. 10 km, durch Wald
und Wiesen, erreichten wir unser neues Zuhause. Es war stärker bewacht als
Kimpersai und war durch einen drei Meter hohen festen Bretterzaun
eingeschlossen.
Als sich das Lagertor hinter uns schloß, erlebten
wir eine neue Überraschung. Im Lager waren ca. 400 Gefangene untergebracht. Mit
uns waren es jetzt also ca. 500 Gefangene. Wir Neuankömmlinge waren die ersten
Deutschen. Die alten Insassen setzten sich vor allem aus Polen (angeblich alles
Anhänger der Exilregierung Andersen), aus Ukrainern (überwiegend
Wlassowarmisten) und in kleineren Gruppen Ungarn, Rumänen zusammen, ja es war
sogar ein Holländer dabei.
Unterkunft und Verpflegung waren nicht besser als in
Kimpersai. Schon am nächsten Tag durften wir zur Arbeit gehen. Wir wurden
bereits bestehenden Brigaden zugeteilt, was für uns nicht einfach war: Wer von
uns sprach Polnisch oder Russisch? Oder wer sprach von den anderen Gefangenen
Deutsch?
Unsere Arbeitsaufgabe bestand darin, mitten im Wald,
ca. 4 km vom Lager entfernt, eine neue Fabrik aufzubauen. Das Gelände war in
mehrere Sperrgebiete eingeteilt, die wir nicht alle betreten durften. Es hieß:
Hier entsteht eine Munitionsfabrik.
Wir gewöhnten uns schnell. an die neue Umgebung, an
die Arbeit und auch an die neuen wenn auch fremden Kameraden. Nach und nach
wurde die Verständigung auch besser.
Wenn wir am Abend von unserem Arbeitsplatz zum Lager
zurückmarschierten, meistens mit Gesang, die Wachposten hatten ihre Freude
daran, kamen wir an Holzeinschlagstellen mit gestapelten Holzkloben vorbei. Dann
hieß es: Jeder nimmt einen Kloben, aber keiner läßt sich erwischen, und jeder
Dritte kann seinen Kloben ins Lager mitnehmen für Heizung in der Baracke, die
anderen gehen an die Wachmannschaft.
So ging es bis zum September 46.
Eines Abends im September wurde ich mit fünf
polnischen Kameraden aufgerufen zum Transport. Der Arbeitsdirektor des Lagers,
Pole bis 39, dann Volksdeutscher bis 45, jetzt wieder Pole, hatte uns sechs
ausgewählt, da wir wohl etwas zu offen über ihn und andere polnische
Direktoren gesprochen hatten.
Wir wurden mit einem LKW zum etwa 60 km entfernten
Lager Samoswjiet gebracht. Dort erwarteten uns bereits weitere fünfzig
polnische Gefangene. Ich war einziger Deutscher unter all den Polen. Es war ein
kleines Nebenlager vom Lager Resch. Hier erwartete uns ein völlig neues
Aufgabengebiet.
Neben dem Lager befand sich ein Kohlenschacht. Es
waren Versuchsstrecken gefahren und viel Steinkohle gefunden worden. Also ging
es jetzt in den Schacht. Jeder erhielt eine Grubenlampe, d. h. eine Lampe, deren
offene Flamme uns das nötige Licht zur Arbeit liefern sollte. Der Stollen lag
60m unter der Erde. Der Aufzug konnte oder durfte nur die Waggons oder Hunde mit
der Kohle transportieren, die Arbeitskräfte durften die Leitern benutzen. Es
wurde nur die Kohle geschlagen, Abraum wurde nur dann gefördert, wenn es keine
andere Möglichkeit gab, an die Kohle heranzukommen. So gab es einen
Hauptstollen, von dem viele kleine Gänge oder Schlupflöcher abgingen. Ich
durfte durch so ein Schlupfloch, ca. 60 cm hoch und breit und ca. 5 m tief,
kriechen und erreichte dann ein großes Flöz, aus dem ich die Kohle brechen
sollte. Als Arbeitszeug standen nur ein Vorschlaghammer, eine Brechstange und
eine Schaufel mit 50 cm langem Stiel zur Verfügung. Die Kohle mußte geschlagen
und durch das Schlupfloch zum Hauptstollen geschaufelt werden. Hier war ich
allein mit meinem Licht. Der polnische Brigadier kam alle Stunde kontrollieren,
ob ich auch wirklich arbeitete. Er setzte sich auf den Kohleberg und dann: „Dawai,
dawai, UgIe (Kohle), Ugle!“ Er verstand nur Deutsch, wenn er etwas von mir
wollte. Übrigens erging es mir mit den anderen Polen in der ersten Zeit nicht
anders. Aber gleiche Not verbindet, und so wurden mit der Zeit auch unsere
Beziehungen enger.
Es wurde Herbst, und auch der Winter kam. Mit ihm
kamen auch weitere Kameraden aus dem Lager Resch, und mein Dasein als einziger
Deutscher hatte ein Ende.
Die Arbeit war hart, die Norm erfüllte keiner. Es
war auch nicht verwunderlich, denn wie oft ging uns die Öllampe aus: Eine
ungeschickte Bewegung mit der Schaufel, und der Luftzug verlöschte das Licht.
Also mußte man den nächsten Kameraden suchen, um sein Licht wieder leuchten zu
lassen, und das kostete Zeit. So konnte es dann schnell passieren, daß man am
Abend wegen schlechter Arbeitsleistung im Karzer landete, d. h., man mußte vom
Tor aus gleich in den Karzer und erhielt nur die halbe Portion Essen. Wenn das
mehrere Tage eintraf, war der ständige Hunger noch größer.
Eines Tages wurde ich nach dem morgendlichen Appell
nicht mehr in die Grube gelassen, sondern einer "leichteren Arbeit"
zugeteilt. Es war bereits Dezember, der Schnee lag mehr als einen Meter hoch. Da
durfte ich in den Wald zum Holzfällen mit Axt und Messer - ohne Säge. Die
Temperaturen lagen weit unter Minus zwanzig Grad.
Um uns zu wärmen, brannte ein kleines Feuer, an dem
wir uns versammelten. Die Filzstiefel wärmten die Füße nicht mehr. Am Feuer
tauten die gefrorenen Stiefel auf, und es dauerte nur wenige Tage, da war die
Brigade nicht mehr arbeitsfähig, weil die meisten erhebliche Erfrierungen an
den Füßen hatten.
Zwischenzeitlich war ich von der Kategorie 2 in die 3
und dann sogar in die Gruppe der Dystrophiker gerutscht. Ich wog damals noch 47
kg.
Wir durften in der Küche arbeiten, Kartoffeln schälen.
Die Kartoffeln waren tiefgefroren. Wir saßen im Kreis um eine Schüssel mit heißem
Wasser, tauchten die Kartoffeln ein und konnten sie dann schälen wie
Pellkartoffeln.
Eine gefrorene Kartoffel schmeckte uns wie Marzipan.
Sie ist. ja süß, und Hunger macht aus jedem noch so schlechten Essen ein pompöses
Mahl.
Die Wirkung allerdings war verheerend. Magen und Darm revoltierten. So ging es mit der Gesundheit schnell bergab.
Im Januar 47 war eine große Untersuchung angesagt.
Morgens mußten alle Gefangenen am Tor antreten, eine russische Ärztekommission
ging die Reihen durch, sortierte Schwache und Kranke aus, und nur noch wenige
durften das Lager zur Arbeit verlassen.
Wir erhielten einen deutschen Arzt, der die russische
Ärztin unterstützen sollte. Die "Marzipankartoffeln“ hatten bei mir
ihre Wirkung hinterlassen, so daß mich die russische Ärztin ins Lazarett
einwies. Ab Ende Januar 47 begann eine neue Zeit, mein Allgemeinbefinden
besserte sich, aber die Ärzte waren nicht zufrieden, da meine ständig erhöhte
Temperatur sie beunruhigte. Vor Seuchen und Infektionskrankheiten hatte man große
Angst, und wo so etwas im Anzug war, wurde schnell geschaltet.
Anfang
April wurden alle Kranken nach Resch zurückgebracht. Eine Röntgenuntersuchung
im Krankenhaus bestätigte den Befund: Lungen-Tbc. Jetzt wurde es ernst.
Wir waren acht Schwerkranke mit einer
Lungeninfektion. Unser Essen wurde wesentlich besser. Alles war bemüht, uns
schnell wieder auf die Beine zu bringen. Arzneimittel gab es kaum. Da machte
sich der behandelnde russische Arzt auf eine Betteltour und erreichte neben
einer Verbesserung unserer Verpflegung die Bereitstellung von Calcium, So
erhielten wir fast täglich eine Calciumspritze, die, davon bin ich noch heute
überzeugt, meine Genesung, auch wenn sie erst 58 endgültig erreicht wurde,
wesentlich beeinflußte. Aber nicht alle wurden gesund, nicht alle konnten
wieder nach Hause fahren.
Im Laufe des Jahres 47 wurden die Nebenlager von
Resch aufgelöst, die Kameraden, die mit mir Kimpersai verließen, kehrten auch
wieder nach Resch zurück.
Es war keine einfache Zeit. Wenn jetzt auch der
Anteil der deutschen Lagerinsassen auf fast 50% stieg, waren die Funktionen im
Lager, vom Koch über den Küchenverwalter oder Leiter der Werkstätten und
Leiter größerer Arbeitsgruppen, mit Ukrainern und Polen besetzt. Die deutschen
Internierten waren die Arbeitssklaven. Nur unsere Frauen fanden vereinzelt in
den Werkstätten oder in sonstigen Lageraufgaben noch einen Platz.
Zum Jahreswechsel 48 ging das Gerücht, die
Schwerkranken fahren noch Hause. Es sollte aber noch etwas dauern.
Wir waren fünfzehn Kranke, davon zehn Deutsche und fünf
Polen, die in den ersten Tagen des Jahren 48 auf Reisen geschickt wurden.
Unsere kleine Gruppe fuhr mit den öffentlichen
Verkehrsmitteln wie Bus und Bahn von einem Lager zum anderen, es wollte uns wohl
keiner so richtig haben.
So kamen wir auch für vier Tage in ein
Kriegsgefangenenlager mit ausschließlich Deutschen Insassen. Ein Teil dieses
Lagers war für Offiziere eingerichtet, die selbst Ihre Burschen und Adjutanten
behalten hatten. Diese mußten nun Platz für uns schaffen. Recht war es ihnen
nicht, und so waren sie, wie wir übrigens auch, sicher erleichtert, als wir
wieder weiterfuhren.
Nach drei Wochen Irrfahrt landeten wir einige hundert
Kilometer nördlich von Swerdlowsk
am Rande der sich neu entwickelnden Industriestadt Nishni Tagil. Ein großes
Kriegsgefangenenlager mit mehreren Lazarettbaracken nahm uns auf. Die
Internationalität dieses Lagers war noch umfangreicher als in Resch. Neben
deutschen Kriegsgefangenen bestand die größte Gruppe aus Japanern.
Ordnung und Disziplin waren bei ihnen groß
geschrieben. Ihr Zusammengehörigkeitsgefühl war bewundernswert. So erlebten
wir einen japanischen Streik. Einer der Wachposten hatte einen Japaner etwas
derb behandelt, als er nicht schnell genug seinen Platz am Tor zum Abmarsch für
den Arbeitseinsatz einnahm. Die Japaner verständigten sich nur durch einige
Blicke und standen wie ein Mann. Kein Geschrei der Posten, keine Warnschüsse
brachten die Gruppe der Japaner in Bewegung. Sie forderten die Entschuldigung
durch den Posten und seine Ablösung. Nach vier Stunden hatten sie ihre
Forderung durchgesetzt.
In Deutschland, besonders in der DDR, wurde
geleugnet, daß es sogenannte Schweigelager in der UdSSR gegeben hat. Wir hatten
1945 in Kimpersai einmal Gelegenheit gehabt, eine Nachricht nach Hause zu
senden. Diese Möglichkeit bot sich erst im Februar 48 für mich wieder.
Waren Kimpersai 45/46 und Resch mit den Nebenlagern keine Schweigelager?
Wir konnten keine Nachricht in die Heimat senden und auch von dort keine
Nachricht empfangen.
Von hier in Nishni Tagil ging nach fast drei Jahren
ein erster Gruß nach Hause. Kann man sich vorstellen, welche Freude wir hatten,
als uns in den ersten Apriltagen die Rückantwort erreichte? Ich habe wohl in
den ganzen Jahren der Gefangenschaft niemals so viel Tränen vergossen wie in
dem Augenblick, als ich die erste Nachricht aus der Heimat in den Händen hielt.
In Nishni Tagil, das Lager hatte ca. 2000 Insassen,
wurden wir Neuankömmlinge in einer großen Lazarettbaracke untergebracht, die
in drei Abteilungen zu je 70 Patienten unterteilt war. Alle Nationen waren auf
diesen Stationen vertreten. Deutsche Ärzte waren verantwortlich eingesetzt. Da
es mir gesundheitlich besser ging, versuchte ich mich nützlich zu machen und
wurde bald vom Stationsarzt gebeten, als Stationssanitäter zu arbeiten. Es
handelte sich bei den Patienten in jedem Fall um Tuberkulosekranke, die überwiegend
hochinfektiös waren. Da ich aber diese Krankheit auch hatte, setzte ich mich
keiner großen Infektionsgefahr aus.
In der Zeit von April 48 bis Anfang Juli 48 habe ich
als Sani gearbeitet. Von meinen betreuten Kameraden und Freunden habe ich in
dieser Zeit mehr als fünfzig an den Tod hergeben müssen. Allein am
Pfingstsonntag starben auf der von mir betreuten Station sechs Patienten, und
zwar zwei Japaner. zwei Deutsche, ein Ungar, ein Ukrainer.
Jeder Verstorbene wurde durch russische Ärzte in
Anwesenheit des behandelnden deutschen Arztes obduziert. Der Sani war
verpflichtet, Hilfestellung und Handlangerdienste zu leisten. Mit dieser
Obduktion wurde der Arzt offiziell entlastet und seine Diagnose bestätigt.
Als Sani war man privilegiert. Dies drückte sich
schon darin aus, daß wir unser Haar nicht mehr opfern mußten.
Anfang Juli kam ein Transporttermin nach Hause, und
ich war dabei. Bedingung war: Haare müssen wieder runter. Für die Heimkehr war
das wohl nur ein kleines Opfer. Wir wurden in ein Heimkehrerlager gebracht, ärztlich
nochmals untersucht, und dann konnte die Reise losgehen. Offene Waggons, keine
Posten, nur dreißig Personen in einem Waggon. .Wir saßen in der Tür und ließen
die Beine baumeln. Über Swerdlowsk, Ufa und Moskau ging es nach Brest.
Umsteigen in andere Waggons, weiter über Warschau nach Frankfurt/Gronenfelde.
Ankunft: 26.7.48 nachmittags. Meine Eltern fand ich Dank der Post vom April in
Erfurt. Die Stadt Erfurt betrat ich am 28. 7., früh 6 Uhr.
Wir waren sechs Thüringer, die ein Vertreter der
Landesregierung begrüßte. Jedem wurden sieben Zigaretten Sorte I als Geschenk
überreicht. Wir waren zu Hause.
In den folgenden Jahren hatte ich mich gesundheitlich
und beruflich etwas eingelebt, hatte Postverbindung nach Nishni Tagil, als im
September 53 an meinem Arbeitsplatz ein Besucher für Aufregung sorgte. Es war
mein Kamerad Karl Zettmacher, der erst jetzt nach Hause kam und auf seiner Fahrt
zu seiner Familie in Erfurt einen kurzen Aufenthalt einlegte. Es gab viel zu erzählen,
und die Freude war groß. Meine Zeit in Kasachstan und im Ural dauerte drei
Jahre und vier Monate. Karl war acht Jahre und sechs Monate nicht bei seiner
Familie gewesen. Wir meldeten ihn telefonisch bei seiner Familie an.
Leider
habe ich von ihm keine weitere Nachricht erhalten. Was mag wohl in dieser Zeit
mit der Familie geschehen sein?
Dresden, Mai 1996
Helmut Schmidtke schrieb mir am 20.11.1996: „Der Ural hat mich wieder eingeholt. Meine alte TBC ist aufgebrochen und hat mich erwischt.“
Am 12.Juni 200ß ist Helmut Schmidtke in Dresden verstorben. (M.P.)