3.3.
Kimpersaier
Russlanddeutsche
Seit Ende 2003 geschieht etwas, womit ich nicht gerechnet habe: Zahlreiche Russlanddeutsche, die aus Kimpersai stammen, aber inzwischen in die Bundesrepublik Deutschland ausgesiedelt sind, stellen den Kontakt zu mir her. Sie haben mich als Zeitzeugen in den beiden Dokumentarfilmen von Ingeborg Jacobs, „Verschleppt und verloren“ und Guido Knopp, „Schlimmer als die Hölle“ gesehen oder meine Homepage im Internet entdeckt. Einige sind inzwischen älter als achtzig Jahre und waren von Stalin bereits im Herbst 1941 nach Kimpersai deportiert worden, gehörten zu jenen Schicksalsgefährten, auf die wir verwundert stießen, als wir am 06. Mai 1945 unseren Transportzug verlassen mussten. Andere sind später in die kärgliche Welt dort hineingeboren worden, als wir, die wir überlebt hatten, längst wieder im geteilten Deutschland der Nachkriegszeit angekommen waren. Ihre Eltern hatten ihnen, als sie Kinder waren, von den Deutschen erzählt, die nach Kimpersai deportiert worden waren, dort Zwangsarbeit leisten mussten und von denen die meisten in der Steppe nahe dem Ort ihre letzte Ruhestätte hatten finden müssen.. Die Gespräche darüber waren für die Eltern immer noch voller Risiken.
Inzwischen waren sie nach Deutschland ausgesiedelt, und einzelne hatten einen der Deutschen entdeckt, die damals in dem Lager waren, das in ihren Gedanken herumspukte und worüber sie gern Genaueres wissen wollten.
Die Informationen, die ich in den Filmen vermittelt
hatte, reichten aus, um meine Adresse und Telefonnummer herauszufinden.
Ich selbst war freudig überrascht. Seitdem sind
einige dieser Kontakte enger geworden, und ständig rufen mich neue „Kimpersaier“
an
oder schreiben mir sehr interessante Briefe. Im Folgenden lasse ich den Leser
meiner Homepage
daran teilhaben.
Das im Süduralgebiet gelegene Kimpersai gehört
inzwischen zu Kasachstan, einem der GUS-Staaten, und heißt Batamscha.
Frau Helene Littig ist eine von den jüngeren Russlanddeutschen, zu denen ich in sehr engem, vor allem telefonischem Kontakt stehe. Sie stand bisher vor der Frage: Wer waren die Deutschen, die in dem Lager lebten und die in der Steppe vergraben wurden? Sie bedankt sich bei mir für alles, was wir Deutschen in Kimpersai geleistet haben und was sie selbst in sehr guter Erinnerung haben konnte, weil es die Grundlage schuf für eine trotz der widrigen Umstände aufblühende kleine Stadt dort im Norden Kasachstans.
Unsere Gespräche sind sehr problemreich. Von ihr erhalte Fotos aus Batamscha (Kimpersai), Literatur und Videos. Zu meinem 70 Geburtstag überraschte sie mich, in Bezug auf eine Episode zu meinem 17. Geburtstag in Kimpersai, mit ein Paar selbstgestrickten wollenen Strümpfen, die ich natürlich, wie damals die Strümpfe in Kimpersai, die ein fanatisierter Hauptmann des NKWD vor meinen Augen verbrannte, als wertvolles Erinnerungsstück aufbewahre.

Helene Littigig
Liebe Frau Littig,
zunächst bedanke ich mich sehr herzlich für das
Buch von David und Helene Pauls!
Von besonderem Interesse sind für mich die erschütternden
Erlebnisse dieser beiden in schrecklicher Zeit, musste doch auch ich vieles
davon erleiden, so dass ich mich deutlich in alles hineinversetzen konnte.
Manches war auch für mich neu, denn die „Ukrainer“ von damals hüteten sich
aus Angst vor dem NKWD, mit uns darüber zu sprechen. Auch ihre Religiösität
ist mir damals so nicht bewusst geworden, denn auch das ließen sie aus dem
gleichen Grund nach außen hin verständlicherweise nicht erkennen. Nun, Sie
wissen, liebe Frau Littig, ich vermag nicht, für das, was im Namen einer
entarteten Ideologie den Menschen damals angetan wurde, irgendwem dankbar zu
sein, sondern verurteile das alles uneingeschränkt als schweres Verbrechen
gegen die Menschlichkeit, für das es Täter gibt, die sich dafür bis heute in
Russland nicht verantworten müssen. Das empfinde ich als großes Unrecht. Die
deutschen Naziverbrecher verurteile ich ebenso. Etliche von ihnen mussten zu
Recht dafür büßen. Das wurde möglich, weil Hitlerdeutschland den Krieg
verloren hat. Dem russischen Volk hat der Sieg damals auf Dauer kaum einen
Nutzen gebracht. Das ist jedoch ein anderes Thema.
Nochmals recht herzlichen Dank für das mich sehr
bewegende Buch! Wenn es Ihnen möglich ist, dann bestellen Sie bitte Frau Helene
Pauls meine besten Grüße und Wünsche für ihr Leben jetzt in Deutschland! Sie
ist eine sehr tapfere und starke Frau!
...
Wir werden uns demnächst wieder am Telefon über
alles unterhalten können.
...
Herzliche Grüße sendet und alles Gute wünscht Ihnen
Ihr Manfred Peters

Lebensmittelladen in Batamscha (Kimpersai). Davor steht Helene Littig.
Zu unserer Zeit gab es kein Geschäft in Kimpersai.
(Foto: Littig)
Von Gerhard Dürksen erhielt ich zahlreiche Fotos und sehr interessante Informationen über das Schicksal der Russlanddeutschen. Er hat an dem Gräberfeld gearbeitet, das der Volksbund für Deutsche Kriegsgräberfürsorge bei Batamscha errichten ließ, dort, wo unsere Toten ihre Ruhestätte einst finden mussten. Seit einigen Jahren lebt er mit seiner Familie in Minden.

Blick auf das heutige Batamscha, ehem. Kimpersai.
(Foto G. Dürksen)
Briefe
von Otto Möllmann:
Auszüge
Sehr geehrter
Herr Dr. Peters,
...
Ich hatte die
Gelegenheit, Ihr Buch „Sechzehnjährig im Gulag“ zu lesen. Da Sie etliche
Orte nannten, die mir sehr bekannt sind und an meine Jugendjahre erinnern und
wir das gleiche Schicksal erleben mussten, Not Hunger Kälte, schwere Arbeit,
misshandelt wurden, fühle ich mich etwas verbunden mit Ihnen.
Mein Name ist
Otto Möllmann, geb. d. 10. Mai 1920 in der Ukraine, Dorf Nikolaifeld.
Als der Krieg
1941 anfing, wurden die deutschen Männer, darunter auch ich, den 3. September
zusammengetrieben, mehrere hundert Kilometer unter strenger Wache, mit Hund und
Waffe, zu Fuß getrieben, bis zu einem kleinen Bahnhof. Am 24. September hieß
es in Waggons einsteigen, zweistöckige Bretterlagen, die Türen zugeschlossen.
Wohin wusste keiner.
Am 24. Oktober
kamen wir in Nickeltau an, mussten aussteigen, noch mehrere Kilometer zu Fuß
gehen durch eine Steppe, so weit das Auge sah, kein Haus, kein Baum. Hier sollte
unser Wohnort sein. Auf Grund der langen Fahrt, Hunger, Ungeziefer konnten viele
kaum noch gehen. Wir mussten dann selbst den Stacheldraht um uns ziehen, Gruben
ausgraben, die mit Zelten zugedeckt wurden. Das waren unsere Wohnungen. Bei 30
bis 400 Kälte, dazu nackt, denn wir gingen im Sommer von zu Hause.

1945, als der
Krieg zu Ende war, wurde das Tor aufgemacht. Frei! Und doch nicht frei, mussten
wir die Unterschrift geben, 20 Jahre den Ort nicht zu verlassen, mussten uns
alle Monate bis zum Jahre 1956 anmelden.
Wir waren auch über
2 000 Mann im kimpersaischen Lager. Aber bis wir etwas freier wurden, lebte über
die Hälfte von uns nicht mehr-
Ich arbeitete
auch auf der Einsenbahn, in der Grube, wo wir mit Ihren Männern und Frauen
zusammen kamen. Ich arbeitete dort auf der Eisenbahn bis zur Rente 1080.
Kimpersai wurde später umbenannt in Batamschinsk. Es war ein schönes großen
Dorf mit acht- bis neuntausend Einwohnern. Viele Häuser waren zwei bis fünfstöckig,
ein großes Krankenhaus, zwei große Schulen bis zur zehnten Klasse. Das Dorf
war grün geworden mir Bäumen und Blumen, so dass K9persai zweiundfünfzig
Jahre lang meine Heimat wurde. Kimpersai, Taikent,
Orsk. Ackermannowka
waren mir bekannt. 1948 traf ich in Orrsk-Nickel noch einmal einige von Ihren
Leuten.
1993 hatte ich
die Möglichkeit, mit meiner Familie nach Deutschland auszuwandern. Am 8.
September kamen wir in Hannover an. Endlich waren wir von aller Verfolgung als
Deutscher frei!
...
Mit vielen Grüßen
Otto Möllmann
Elsfleth,
den 17.11.2004
Sehr geehrter
Herr Manfred Peters.
Vor allem möchte
ich ein herzliches Dankeschön sagen, dass Sie sich soviel Mühe und Zeit
nehmen, um auf meinen Brief zu antworten. Es freut mich, dass es Menschen gibt,
die uns verstehen und glauben, was wir durchlebt haben. Sie und wir haben ja
vieles gemeinsam durchlebt
Ich will Ihnen
aber jetzt einen kleinen Einblick geben, in das, was wir Russlanddeutschen bis
zum Jahr 1941 alles durchleben mussten.
...
wir waren vier
Geschwister, ich war der Älteste, die Mutter war kränklich.
1941, als der
Krieg anfing, bekam ich einen Befehl vom Gewehrdienstamt, mit mir noch 21 Mann,
dass wir uns am 3. September um 12 Uhr im Gewehrdienstamt einfinden müssen. Wir
wurden namentlich aufgerufen, ob auch keiner fehlt. Dann wurden wir hinter
Stacheldraht getrieben, strenge Wache mit Gewehr und Hunden. Die Sachen wurden
durchsucht, Messer, Nadel, alles wurde abgenommen, unsere Ausweise,
Geburtsurkunden, alle wertvollen Papiere wurden uns abgenommnen. Am nächsten
Tag ging es zu Fuß los in die weite Ungewissheit. Das weitere Leben von mir
beschrieb ich ja im vorigen Brief. Die Frauen Mütter und Kinder wurden auch wie
wir am 28. September in Viehwaggons eingeladen und verschickt. Meine Mutter mit
meinen drei Schwestern kam nach Sibirien, wo meine Mutter am 16. September 1942
verstarb. Die Schwestern wurden im Jahre 1943 in die Arbeitsarmee eingezogen und
kamen in die Kohlengruben St. Kiselowsk, Gebiet Kemerowsk. Die Mutter meiner
Frau kam mit ihren vier Kindern nach Kasachstan, Gebiet Kustonai, wo sie und ihr
Sohn im März 1943 starben. Die meisten Menschen starben wegen Hunger und Kälte.
Übrig geblieben waren drei Schwestern. Nach dem Tod ihrer Mutter nahm sie die
Tante zu sich. Ihr Vater war im Lager Kimpersai. 1947 ließ er die Kinder nach
Kimpersai kommen, wo ich dann mit meiner Frau bekannt wurde.
Auch die
Nachkriegsjahre waren eine schwere Zeit für die Russlanddeutschen, denn wir
mussten ja mit nichts ganz von vorn anfangen. Sie (die deutschen Deportierten -
M.P.) durften nach all den schweren Jahren wieder nach Deutschland zurück. Wir
aber waren heimatlos und werden es auch bleiben. Unsere Kinder und Enkel werden
sich vielleicht hier in Deutschland zu Hause fühlen. Wir sind ja froh und
dankbar, dass Deutschland uns aufgenommen hat. Auch die Menschen sind gut zu
uns, haben uns die erste Zeit viel geholfen. Und doch fühle ich mich nicht zu
Hause hier.
Jetzt noch mal
ein wenig von Batamscha/Kimpersai. Es war bis Anfang der achtziger Jahre eine
schöne blühende kleine Stadt. Dann fingen viele Deutsche an, nach Südkasachstan
zu ziehen, die meisten wegen der Verfolgung ihres Glaubens. (Die meisten
Russlanddeutschen sind Mennonieten. –M.P.) Dann fing auch die Auswanderung
nach Deutschland an. Die Deutschen wurden immer weniger, die Russen fingen an,
nach Russland zu ziehen, und kamen immer mehr. Jetzt ist von Batamscha nur noch
ein Schutthaufen geblieben. Viele Straßen existieren überhaupt nicht mehr, die
Häuser sind zusammengefallen, das Holz wurde zum Heizen genommen, die Bäume
ebenfalls, in den Gärten wächst hohes Unkraut. Nur das Zentrum ist noch
geblieben. Der Nickelerzvorrat ist ausgeschöpft, so dass keine Arbeit mehr da
ist.
...
Ich wünsche
Ihnen und Ihrer Familie alles Gute und die beste Gesundheit!
Mit vielen Grüßen
Otto Möllmann
mit Familie