Micaela
Helemann, geb. Loewens
(gekürzte
Fassung)
Als ich am 28. März 1945 um die Mittagszeit einen
letzten Blick auf unser schönes Haus warf, das für mich den Inbegriff von
Geborgenheit und Harmonie bedeutete und noch bedeutet, ahnte ich gottlob
nicht, dass das Kapitel meiner glücklichen Jugend nun endgültig
abgeschlossen war.
Auf der Treppe vor der großen Haustür stand meine
Großmutter, die das Entsetzliche unserer Situation gar nicht begriffen hatte,
und rief: „Komm sofort zurück, wo willst du denn hin?“
Der russische Posten und der rothaarige Kommissar,
die uns, meinen Vater mit vieren seiner Töchter, begleiteten, hatten uns nach
einigen kurzen Verhören versichert, wir müssten für zwei Stunden von zu
Hause fort, um unsere Papiere in Ordnung zu bringen. Wir kannten die
russischen Versprechungen nicht, und darum glaubten wir ihnen. Nicht einmal
ein Stück Brot durften wir einstecken. So, wie wir gingen und standen, verließen
wir das Haus, das wie durch ein Wunder von Bomben und Artilleriebeschuss fast
völlig verschont geblieben war. Meine Mutter mit den beiden jüngsten Kindern
blieb allein zurück.
In den Straßen liefen Pferde herum, um die sich
niemand kümmerte. Wenn sie tot waren, lagen sie mit aufgequollenen Bäuchen,
alle Viere anklagend zum Himmel gestreckt, auf dem Rücken. Trotz alledem
hatten wir unseren Galgenhumor nicht verloren und hofften, dass alles doch
noch ein gutes Ende nehmen werde.
Mein Vater war Kaufmann und besaß drei Textilgeschäfte
in Danzig. Nachdem wir im Radio gehört hatten, dass Danzigs Lage aussichtslos
sei, beschlossen wir als echte Töchter Evas, uns noch etwas recht Hübsches
zum Anziehen zu holen, nun natürlich ohne Bezugsschein.
Ich besinne mich noch an eine blaue, seidene Bluse
mit kleinen, weißen Kirschen darauf, die mir ganz besonders gefiel und die
ich voller Freude nach Hause brachte, um sie auch nicht ein einziges Mal
anziehen zu können.
Die schönen Linden vor unserem Haus wurden
abgeschlagen und zu Panzersperren verarbeitet. Ich musste weinen, als ich das
sah, denn gerade diese Linden, die im Sommer so herrlich dufteten und von
Bienen umsummt waren, liebte ich so sehr.
Ich war Luftschutzwart, denn ich hatte einen
Luftschutzkursus absolviert. Ab und an ging ich nach oben, um zu sehen, ob
alles in Ordnung sei. Ehrlich gesagt, tat ich das nur aus Neugier. Meine
Mutter schwebte in Todesängsten, wenn ich aus dem Keller entschwand, um das
Geschehene von oben aus zu beobachten. Wenn wirklich eine Bombe gefallen wäre,
hätte ich außer Hilferufen nichts Bemerkenswertes von mir geben können.
Am Tage der unentwegte Beschuss der russischen
Artillerie, nachts die Bombenangriffe, wir waren langsam mürbe geworden und
irgendwie erleichtert, als in der Nacht zum 28. März brüllende Lautsprecher
in deutscher Sprache verkündeten, dass die Russen in Danzig seien.
Nun war die unabwendbare Entscheidung gefallen, und
das Schicksal nahm seinen Lauf. Die Tage vorher hatten die Russen rosafarbene
Flugblätter fallen gelassen, die Überschrift trugen "Eintrittskarte ins
Paradies". Was für ein Paradies das war, sollten wir bald erfahren.
Es war auf einmal ganz still geworden. Eine wirkliche
Totenstille an diesem warmen Vorfrühlingstag im März, den ich in meinem
ganzen Leben nie vergessen werde. Innerhalb von Stunden war die Stadt überschwemmt
von den gedrungenen, graubraunen Gestalten, die jeder Selbstverständlichkeit
unserer Zivilisation so hilflos gegenüber standen wie ein Baby einem
Radioapparat. Sie drehten an den Lichtschaltern mit einer Vorsicht, als ob sie
mit Dynamit geladen seien. Meine kleine Reiseschreibmaschine wurde auf alle Fälle
erst einmal zertrampelt. Meine Mutter sollte die in die Holzverkleidung der Wände
eingearbeiteten Wandschränke, von denen man nur das Schlüsselloch sah,
sofort aufmachen. Als ihr das, ihre Hände zitterten, nicht gleich gelang,
wurde das schöne Holz mit dem Gewehrkolben zerschlagen. Dass das
Rosenthal-Porzellan, das in den Schränken stand, gleich mit kaputt ging,
spielte keine Rolle.
Als erstes waren natürlich die Uhren fort. Wir
durften das Haus, das am Stadtrand lag, nach kurzer Zeit nicht mehr verlassen.
Ein Posten mit geschultertem Gewehr stand davor und ließ niemand heraus. Ein
Kommissar war aufgetaucht und begann sofort mit den Verhören. Die Grundfrage
war die, ob wir Parteigenossen und Kapitalistenschweine seien oder nicht Dass
wir zu letzteren gehörten, war nicht zu übersehen, dass wir ersteres nicht
waren, ließ sich nicht beweisen.
In der Küche ging es hoch her. Muttis mühsam
gesparte Vorräte wurden dort in großen Töpfen verarbeitet. Wir bekamen natürlich
nichts. Vor Aufregung hätten wir auch nichts essen können. Kurze Zeit darauf
fuhren Lastwagen vor und luden alles Transportable auf, in Tischtücher
gewickelt.
Als wir das Haus verließen, die Sonne schien an
diesem Tag warm vom Himmel, erhielten wir nicht einmal die Erlaubnis, uns zu
verabschieden. Erst später bemerkte meine Mutter, dass wir fort waren. Wir
gingen, der Posten mit schussbereitem Gewehr hinter uns, über die Eisenbahnbrücke
von Petershagen in Richtung Ohra.
Überall lagen tote Menschen und tote Tiere. Ab und
zu pfiff etwas durch die Luft, ich glaube, es waren Artilleriegeschosse. Die
Russen warfen sich hin.
Uns drang die Ahnung einer Gefahr gar nicht ins
Bewusstsein. Wir hatten von einem Augenblick zum anderen schon zu viel
verloren, da war die Angst einfach nicht mehr da. Unser trübseliger Zug vergrößerte
sich langsam, andere Menschen und andere Posten kamen dazu. Die Russen, die überall
herumliefen, suchten nach Uhren und nach Stiefeln und wollten Mädchen aus
unseren Reihen herauszerren.
Wie staunte ich da über unseren hässlichen,
rothaarigen Kommissar, den ich bei uns im Haus beobachtet hatte, wie er sich
vor einem großen Spiegel hin und her drehte, Gesichter schnitt und von seinem
eigenen Anblick anscheinend ganz entzückt war. Er bewachte uns fürsorglich,
Wahrscheinlich musste er eine bestimmte Anzahl Menschen abliefern und jagte
alle Soldaten fort, die sich an uns heranmachen wollten.
Mein Vater ging am Ende des Zuges, und so oft es
ging, liefen wir Schwestern nach hinten, um ihn zu sehen, Am Abend kamen wir
in ein Haus, das von seinen Bewohnern verlassen war.
Zerschlagene Möbel, zerbrochene Fensterscheiben, Wäsche
im Schmutz: Überall das gleiche Bild der Zerstörung. Zuerst mussten wir uns
im Kreis aufstellen und die Arme hochheben. Ich war fest überzeugt, dass sie
uns jetzt zusammenschießen würden. Aber die durchsuchten nur noch einmal
alle Taschen. Was sie zu finden hofften, weiß ich nicht. Später hockten wir
dichtgedrängt beieinander in einem kleinen Raum. Liegen konnte man nicht, so
gern wir es getan hätten.
Man hatte Männer und Frauen getrennt. Mein Vater
mogelte sich, mit einem Tuch um den Kopf als Frau verkleidet, bei uns ein. Als
es Nacht war, fingen wieder die Verhöre an. Ab und an tauchte ein Russe mit
einer Taschenlampe in der Hand bei uns auf, um sich Frauen und Mädchen zu
holen, deren furchtbares Geschrei man dann aus den Nebenräumen hören konnte.
Ich wagte während der Nacht nicht einmal mit dem Kopf unter einem Tuch
hervorzukommen und hatte nur Sorge, dass ich mich durch das Zittern meines
ganzen Körpers doch noch verraten könnte.
Oft regnete es, wir froren und hungerten. Am
schlimmsten war der Durst, die Sorge um die Mutter, die zu Hause geblieben
war, und die Angst, nachts auch einmal von diesen unmenschlichen Kreaturen
herausgezerrt zu werden. Wie durch ein Wunder ist mir dieser schrecklichste
der Schrecken während der vier einhalb Jahre meiner Gefangenschaft erspart
geblieben.
In Matzkau war schon ein ganzer Haufen von
Elendsgestalten, wie wir es waren, versammelt. In dem Raum, in den wir
gesteckt wurden, war so viel Platz vorhanden, dass wir uns hinlegen konnten,
und das fanden wir beinahe komfortabel. Um das Lager war ein Zaun mit
elektrisch geladenen Drähten, der zwar an einigen Stellen kaputt war, dort
aber von russischen Posten bewacht wurde.
Trotzdem ist es meinem Vater später gelungen, von
dort auszurücken, einige Tage nachdem man Helga und mich nach Graudenz
abtransportiert hatte. Für uns war ein Ausrücken sinnlos, denn die ganze
Gegend wimmelte von russischen Soldaten. Hier im Lager hatten wir doch einen
gewissen Schutz, denn wenn nachts das berüchtigte „Frau komm mit“ ertönte,
schrieen wir so fürchterlich um Hilfe, dass die Russen es vorzogen, wieder zu
verschwinden. Anscheinend war das Vergewaltigen hier offiziell untersagt. Was
inoffiziell geschah, das steht auf einem anderen Blatt.
Wir bekamen Messer in die klammen Hände gedrückt,
und ich schälte, bis ich Blasen an den Fingern hatte. Der Koch, ein Pole,
vermittelte für Zigaretten Mädchen an die russischen Offiziere. Der Handel
wurde ganz offen vor unseren Augen ausgetragen. Er bekam die Zigaretten in die
Hand gedrückt und suchte ohne Zögern seine Opfer aus, die er zur Tür zerrte
und in die Nacht hinausstieß, wo sie von den Russen in Empfang genommen
wurden. Die sanitären Verhältnisse waren grauenvoll. Ein paar Gruben, darüber
Bretter, stellten die Klos dar. Nach allen Seiten freie Sicht, Frauen und Männer
durcheinander. Niemand konnte es sich leisten, schamhaft zu sein. Viele
hungerten, viele hatten Durchfall. Die Zuckerkranken starben am Fehlen von
Insulin. Man war so gleichgültig geworden dem Tod gegenüber. Wenigstens gab
es Wasser, um sich zu waschen.
Jeden Morgen trafen wir uns mit meinem Vater an dem
kaputten Brunnen, aus dem wir uns das Wasser in Blechbüchsen herausholten.
Dann wurde Helga krank. Sie bekam furchtbaren
Durchfall, und ich brachte sie in das eben eingerichtete Lazarett, das aus ein
paar Betten und aus einem russischen Arzt bestand. Dieser kümmerte sich auf
mein Flehen hin um meine Schwester. Ihr Herz war sehr schwach, und ich hatte
große Angst, dass sie sterben könnte.
Es gelang ihm, sich zu meiner Mutter nach Danzig
durchzuschlagen. Die Jahre einer russischen Gefangenschaft hätte er nicht
lebend überstanden. Als ich ihn das letzte Mal sah, war er nur noch ein
Schatten seiner selbst.
Mit dem Mädchen, es war vielmehr eine junge Frau,
war ich auch in Russland noch öfter zusammen. Sie trug die Stiefel ihres
Mannes. In Russland lagen wir beide mit Flecktyphus im Lazarett. Sie musste -
oder durfte - sterben, während ich noch harte Jahre durchzustehen hatte. Nach
meiner Heimkehr wurde ich die Frau des Mannes, dessen Stiefel sie in jener
Nacht so erfolgreich versteckt hatte.
Im Gefängnishof gab es mittags einen Teller mit
Wassersuppe, in der ein paar Graupen schwammen, und ein Stückchen
Schwarzbrot. Nach dem Essen führte uns ein Posten mit dem Gewehr im Anschlag
zu einem Graben, damit wir unsere Bedürfnisse verrichten konnten. Zuerst
konnte ich nicht, später, es blieb uns ja nichts anderes übrig, gewöhnten
wir uns auch daran. In dem Raum, in dem wir untergebracht waren, gab es einen
Eimer, der entsetzlich stank, der für die Durchfallkranken aber unentbehrlich
war.
Ebenso plötzlich wie unsere Abfahrt aus Matzkau, die
Russen machen alles plötzlich und möglichst in der Nacht, vielleicht ist das
eine Taktik von ihnen, ging es fort von Graudenz zu einem schwer bewaffneten Güterzug.
Gottlob kam ich mit Helga zusammen in einen Waggon. In Graudenz waren wir
getrennt gewesen. Wir wurden in einen Viehwaggon verfrachtet, in dem in halber
Höhe Bretter als Schlafstellen angebracht waren. In der Mitte war ein kleiner
freier Raum, in dem ein Öfchen stand. Geheizt wurde aber nie. Wir waren
vielleicht vierzig Mädchen und Frauen in diesem Waggon. Es war natürlich
furchtbar eng, aber die Posten meinten, wenn unterwegs welche stürben, hätten
wir mehr Platz, womit sie vollkommen recht hatten. Nun begann die
schrecklichste Fahrt meines Lebens.
Ich litt sehr unter der Kälte. Durch alle Ritzen des
Waggons pfiff der Wind, und wir besaßen weder Tücher noch Decken, um uns zu
wärmen. Unser WC bestand aus einer Blechrinne, die nach draußen führte.
Dort herrschte ein fürchterlicher Gestank, so dass niemand in der Nähe
schlafen wollte. Weil aber der Platz so eng war, musste immer einer
abwechselnd daran glauben. Später legten wir ein Mädchen dorthin, das während
der Fahrt den Verstand verloren hatte und gar nicht merkte, wo es sich
eigentlich befand. Das klingt grausam, war aber in unserer Situation das
Gegebene.
„Frau kapuut?“ Das war unsere ärztliche
Betreuung. Gegebenenfalls wurde die Leiche herausgeholt und auf den Bahndamm
geworfen.
Zu
Ende der Fahrt hin, ich glaube wir fuhren drei Wochen, wurde Gisela krank. Ich
weiß bis heute nicht, was für eine merkwürdige Krankheit sie hatte. Sie
erbrach unentwegt Schleim, und da wir keine Gefäße hatten, spuckte sie in
ihre sämtlichen Kleidungsstücke, die nach und nach den ganzen Rucksack füllten.
Kurz nach Ankunft in Kasachstan im Mai ging Giselas ·Wunsch in Erfüllung,
und sie konnte zu ihrer Mutter, die wohl schon längst von ihren Leiden erlöst
war. Ich hockte fast immer an meiner Waggonritze und ließ die endlos weite,
trostlose Landschaft an mir vorüberziehen.
Je
weiter wir nach Osten kamen, um so trostloser sah es aus. Oft lag noch Schnee,
und überall sah man die Verwüstung des Krieges. Dass es nach Russland ging,
war jetzt selbst den größten Optimisten klargeworden.
Von
dem ständigen Hocken und Sitzen in der frischen Luft, hin- und hergehen
durften wir während der ganzen Fahrt nur ein einziges Mal, waren die Beine
ganz steif geworden. Manchmal hielten wir an kleinen Bahnhöfen, aber immer
nur nachts.
In
einer Nacht hieß es plötzlich, wir hätten Moskau erreicht. Sehen konnte ich
bis auf einen von ein paar Glühbirnen schwach erleuchteten Güterbahnhof
nichts. Die Posten rissen die Türen auf und schrieen: „Alles aussteigen“,
mit dem üblichen „Dawei, Dawei“ und „Bistra, Bistra“. Wir waren
erschrocken, wusste man bei der Unberechenbarkeit der Russen doch nie, was
einem blühte. Dann stellte sich heraus, dass wir zum Baden und Entlausen
gehen sollten.
Nötig
war es bestimmt, denn während der ganzen Zeit in Graudenz und auch während
der Fahrt hatten wir uns nicht ein einziges Mal waschen können. Das Wasser
reichte nicht einmal aus zum Trinken. Die Badeanstalt war grau, groß und
kalt. Jede von uns bekam ein winziges Stückchen Seife in die Hand gedrückt,
das mehr Sand als Seife enthielt, denn es schäumte überhaupt nicht. Wir
mussten uns ausziehen und die Kleider zum Entlausen abgeben. Nun standen wir
frierend in dem kalten Baderaum und mussten eine Stunde warten, ehe das Wasser
angestellt wurde. Erst einmal kamen die russischen Offiziere, um unsere
elenden Gestalten zu begutachten. Abschätzend betrachteten sie uns von oben
bis unten; vielleicht meinten sie, die deutschen Frauen seien anders gebaut
als die russischen. Wie froh waren wir, als endlich das Wasser kam und wir uns
einmal richtig waschen konnten. Leider wurde das Wasser nach kurzer Zeit
wieder abgestellt. Jeder suchte seine Sachen. Wer noch anständige Kleider
besessen hatte, bekam sie nicht wieder zurück und musste sich mit dem begnügen,
was übriggeblieben war. Wie oft ist das später noch passiert, und in solchen
Augenblicken war ich froh, nur so wenig zu besitzen. Nach dieser
Reinigungsaktion wurden wir wieder in die Waggons getrieben, und die Fahrt
konnte weitergehen.
Helga und ich zogen nun in die oberen Pritschen, in
der Hoffnung, dort etwas weniger zu frieren. Bei unserer körperlichen
Verfassung war es nur schwierig, von oben herunter zur „Rinne“ zu
gelangen. Ich hatte Durchfall bekommen, und Helga schleppte mich, auch
manchmal nachts, dorthin. Man konnte natürlich nichts sehen und musste ganz
vorsichtig gehen, um nicht auf die anderen zu treten, die unten schliefen.
Eines Tages hielt der Zug mitten in der Steppe.
Soweit das Auge reichte, flache Hügel, die sich wellenförmig dahinzogen,
kein Baum, kein Strauch. Wir waren am Ziel.
Beim
Aussteigen gingen wir in die Knie. Viele blieben vor Schwäche einfach liegen.
Es war im Mai, das Wetter war schön, und wir befanden uns in Kasachstan, in
der Nähe des kleinen Dörfchens Kimpersai.
Unser
Barackenlager, das die Zahl 1090 trug, war erst am Vortage von Ukrainern
verlassen worden, die man in der Umgebung verteilt hatte. Die Erde um das
Lager war aufgeweicht und lehmig, und nur mit Schaudern betrachtete ich die
trostlosen Baracken, die nun unser Zuhause sein sollten. Aber die Russen ließen
uns nicht lange Zeit zum Nachdenken. Mit dem gewohnten „Dawei, Dawei“ ging
es zum Badehaus. Der Läuse wegen wurden uns erst einmal alle Körperhaare
abrasiert, von Männern natürlich. Für irgendwelche Gefühle der Scham
hatten sie nicht das geringste Verständnis.
Später wurden wir in die Baracken gebracht. Helgas
und mein Bestreben war immer nur, zusammenzubleiben, und das war oft
schwierig. Inzwischen war es Nacht geworden. Wir bekamen noch einen Teller
Suppe und gingen dann auf die uns zugewiesenen Pritschen. Eine helle Glühbirne
ohne Schirm brannte an der Decke. Das grelle Licht störte uns sehr, wir
durften es aber nicht ausmachen. Es dauerte lange, bis ich mich daran gewöhnt
hatte. Wir lagen zu dritt auf Pritschen, die nur für zwei bestimmt waren, und
man musste verdammt aufpassen, dass man nicht herunterfiel. Als später so
viele starben, gab es mehr Platz.
Erst einmal hatten wir vier Wochen Quarantäne. Das
Lager war von einem doppelten Stacheldraht umgeben, und an allen vier Ecken
standen auf einem Holzgerüst Postenhäuschen. Nachts wurden Scheinwerfer
eingeschaltet.
Eines Abends wurde eine Kinovorstellung angekündigt,
und das gesamte Lager draußen auf den freien Appellplatz beordert. Dann
zeigte man uns mit entsprechenden Erklärungen Lichtbilder aus den deutschen
Konzentrationslagern. Die Bilder waren grauenvoll, und die Russen betonten
dabei, dass sie doch sehr viel humaner seien als das deutsche sogenannte
Kulturvolk. Was konnten wir darauf erwidern?
Auch draußen wurden wir beschäftigt. Wir mussten
mit weißen Steinchen Hammer und Sichel legen. Die Steinchen wurden
aufgesammelt, an einer Stelle verlegt, um am nächsten Tage woanders von Neuem
zu dem gleichen Muster angeordnet zu werden. Wir verfertigten Besen und fegten
den Hof, ich glaube hundertmal am Tage. Nachts wurden wir oft aus den
„Betten“ geholt und mussten uns im Mittelgang der Baracke aufstellen, während
die Posten unsere Lagerstätten nach brauchbaren Gegenständen absuchten. Da
gab es dann immer die Sorte von Mitmenschen, die es nicht mit ansehen konnten,
wenn andere noch etwas hatten, und die den Posten halfen, an die Sachen
heranzukommen, die ihnen entgangen waren. Ich habe diese Menschen nie
verstehen können. Sie wurden von den Russen ausgenutzt und verachtet.
Einmal war große Versammlung auf dem Appellplatz.
Dieser Appell fand eigentlich jeden Morgen und jeden Abend statt, wobei alle
Gefangenen namentlich aufgerufen
Nachdem
die Zeit der Quarantäne vorbei war, begann die Arbeit. Alles, was irgendwie
kriechen konnte, wurde jeden Morgen mit dem Lastwagen in die Steppe gebracht,
wo Bahngleise verlegt wurden. Die russischen Chauffeure fuhren wie die
Irrsinnigen. Wir standen dichtgedrängt und hatten keine Möglichkeit, uns
festzuhalten. Da waren wir immer froh, wenn wir lebend unsere Arbeitsstätten
erreichten. Wir wurden in Arbeitsbrigaden eingeteilt, und die jeweiligen
Brigadeführer, bei uns waren es meist ältere Frauen, hatten dafür zu
sorgen, dass alles klappte. Es wurden Erdwälle aufgeschüttet und
Eisenbahnschienen gehoben und befestigt.
Inzwischen war es Sommer geworden. Die Sonne brannte
sengend heiß vom Himmel, und nirgends gab es einen Schutz vor ihren
mitleidslosen Strahlen.
Mittagspause an den Eisenbahnschienen
|
Wie
ein silbernes Band, wie
ein silbernes Band ziehst
du durchs weite, durchs
einsame Land. Oh
könnte ich mit, mein
Gott, könnt ich mit! — Ich
schau dir nach und
tu keinen Schritt. Die
Sonne brennt heiß, so
erbarmungslos heiß!— Sie
verbrennt den vom
Rücken rinnenden Schweiß. Sie
taucht die Steppe in
flirrendes Licht, das
sich, tausendfach funkelnd, auf
den Schienen zerbricht |
Nur das Lied der Lerche steigt jubelnd empor, hinauf in des Himmels göttlichen Chor, hinauf in der Sonne glitzernden Glast, die mit glühenden Händen die Steppe umfasst Sonst ist alles still, selbst der Posten Schreien schläft in der Mittagshitze ein. Ich träume von den Bäumen, vom Meer vom Strand, und schau voll Verlangen die Schienen entlang. |
Nachdem die ersten Typhusfälle aufgetaucht waren,
gab es Injektionen. Die Spritzen, natürlich viel zu wenig, waren alt und die
Kanülen rostig. Jedenfalls gab es gleich danach große Beulen auf dem Rücken,
die ekelhaft weh taten, und Fieber. Das Lazarett war überfüllt und dafür
bekannt, dass man zwar lebendig hineinkommt, aber nur tot wieder heraus.
Die Kranken mit Ruhr, Typhus, Diphtherie und
Gesichtsrose benutzten das gleiche WC wie die Gesunden. Oft brachen sie auf
dem Weg dorthin zusammen und mussten wieder zurückgeschleppt werden. Ganz
entsetzlich sahen die Gesichtsrose-Kranken aus. Ihre Gesichter waren dunkelrot
aufgedunsen und ihre Augen eitrige Schlitze. Wir gingen ihnen aus dem Wege,
voller Grauen über ihren Anblick. Furunkulose, Wasser in Beinen und Füßen,
das galt nicht als Krankheit. Man arbeitete, solange es ging, und wer nicht
mehr weiter konnte, hockte oder legte sich, von der Sonne gequält, ins
Steppengras. Mittags kam mit dem Lastwagen, der uns das Essen brachte, der
russische Arzt, um die Kranken zu inspizieren. Die meisten wurden dann wieder
mit zurück ins Lager genommen, allerdings nur bis zum nächsten Morgen.
Ich hatte ein rot verschwollenes Knie und musste mich
ab und zu ein wenig ausruhen, Helga machte dann auch meinen Arbeitsanteil, um
ja die Norm zu erfüllen. Es gab sehr unangenehme Mitgenossinnen, die gemein
und ausfällig wurden, wenn man nicht weiter konnte. Die Eisenbahnschienen
waren glühend heiß, man konnte sie mit der bloßen Hand nicht anfassen.
Eines Tages bekam ein Mädchen, das neben uns
arbeitete, einen Schwächeanfall, vielleicht war es auch ein Sonnenstich.
Jedenfalls fiel sie vornüber mit der Stirn auf die Schienen und war sofort
tot.
Doch für uns ging das Leben weiter. Meine einzige
Freude waren die Lerchen, die hell jubilierend in den blauen Himmel stiegen.
Sie brauchen keine Bäume, um zu nisten, sondern machen sich ihr Nest auf dem
Boden. Daher fand man sie in der baumlosen Steppe.
Abends, wenn unsere Arbeit beendet war und die
Lastwagen noch nicht kamen, um uns abzuholen, suchten wir im Steppengras nach
kleinen, zwiebelähnlichen Gewächsen, die auch so schmeckten, und die wir zum
trockenen Brot als angenehme Beigabe empfanden.
Es wurde immer heißer, das Steppengras sah gelb
versengt aus, und rötliche Sandwolken fegten darüber hin. Manchmal sahen wir
einen Sandwirbel, der sich wie rasend drehte und kilometerweit zu sehen war.
Oft brannte die Steppe in der Nähe der Eisenbahnlinie. Die Funken, die aus
dem Schornstein der Lokomotive kamen, entzündeten das ausgedörrte Gras. Dann
mussten die Männer los, um mit Hacken und Schaufeln breite Gräben zu machen,
die das Feuer daran hindern sollten, sich noch weiter auszubreiten. Manchmal
war es unserem Lager schon bedrohlich nahe gekommen;
Als eines Tages auch mich der Typhus erwischte (dass
es Typhus war, erfuhr ich erst später), war mein einziges Bestreben, ja
niemand etwas von meiner Krankheit merken zu lassen, denn ich wollte unter
keinen Umständen in das berüchtigte Lazarett. So kroch ich täglich mit
Helgas Hilfe von meiner Pritsche, wir schliefen oben, und schleppte mich zum
Lastwagen, um mit zur Arbeit zu fahren. Am Eisenbahndamm legte ich mich hin,
und Helga deckte mich mit unseren Jacken zu, damit der Posten nichts merkte.
Als ich nach kurzer Zeit nicht mehr stehen konnte und auch mit Helgas Unterstützung
nicht mehr von der Pritsche kam, war es aus mit dem frommen Betrug, und ich
musste ins Lazarett.
Mir war damals auch alles egal. Ich hatte mehr als 40
Grad Fieber und war sicher nicht mehr ganz klar im Kopf. Die gute Helga, die
in Danzig als Rote-Kreuz-Schwester tätig gewesen war, meldete sich sofort als
Schwester fürs Lazarett, um immer bei mir sein zu können. Da Schwester
Elisabeth, die bis dahin das Lazarett geleitet hatte, gerade an Typhus
gestorben war, wurde ihr Wunsch erfüllt. Im Lazarett lagen wir wieder so eng
wie die Heringe.
In der ersten Nacht starb das Mädchen, das neben mir
lag. Sie schlief ganz ruhig ein, aber wir waren so dicht zusammen, dass ich es
trotzdem merkte. Am Morgen kam ihre Mutter, die freiwillig mit nach Russland
gegangen war, um sie zu besuchen. An sich waren Besuche im Lazarett streng
verboten, aber irgendwie hatte sie sich doch hereingemogelt. Furchtbar waren
der Schmerz und die Verzweiflung, als sie merkte, dass ihr Kind nicht mehr
lebte. Für uns, die wir im Lazarett lagen, war das Sterben nicht so
schrecklich, denn wir erlebten es täglich. Wie friedlich schliefen sie alle
ein, viel zu schwach, um sich gegen den Tod zu wehren!
Ich hatte überhaupt keine Angst vor diesem Sterben.
Vielleicht habe ich es mir manchmal sogar gewünscht. Aber da war Helga, die
mich immer wieder ins Leben zurückholte, die mich fütterte, mir Spritzen gab
und mir die Läuse absuchte. Ja, auch das!
Obwohl jedem, der ins Lazarett kam, die Haare
abgeschoren wurden, hatte ich sie behalten dürfen. Ich hatte so sehr um
meinen Kopfschmuck gejammert, dass Helga sich aufmachte und die russische Ärztin
anflehte, zu erlauben, dass ich meine Haare nicht zu opfern brauchte. Sie ließ
sich unter der Bedingung erweichen, dass Helga dafür sorgen müsse, dass ich
keine Läuse hätte.
Das war gar nicht so einfach, denn ich war zu
schwach, um zu sitzen. So wurde ich immer von zwei Mädchen gehalten, während
Helga meinen Kopf säuberte. Später gingen mir die Haare in dicken Büscheln
aus, und als ich dann wirklich dem Tod von der Schaufel gesprungen war, wie
Dr. Hein immer sagte, hatte ich einen kahlen Kopf. Den Schock des Kahlscherens
aber hat meine gute Schwester mir erspart.
Neben dem immer gleichbleibend hohen Fieber hatte ich
einen entsetzlichen Durchfall. Gottlob gab es im Lazarett jetzt schon
Steckbecken, sonst hätte ich alles schmutzig gemacht, wie es vielen Kranken
immer noch passierte, weil fast alle Durchfall hatten. Die wenigen Steckbecken
waren ständig besetzt. Wenn das Mittagessen kam, zog ich mir die Decke über
den Kopf, solch ein Grausen hatte ich vor dem Essen. Die Russen wollten ihre
Arbeitskräfte schnell gesund haben und gaben den Kranken viel zu fettes
Essen. Sie hätten es lieber den Gesunden geben sollen. —
Was die Kranken nicht aufessen konnten, reichten sie
ihren gesunden Leidensgenossen, obwohl das verboten war, durchs Fenster. Das
trug natürlich erheblich dazu bei, die Seuchen noch schneller zu verbreiten.
Schrecklich war immer wieder der Durst. Mein Hals war
wie ausgetrocknet, und ich träumte von silbern glitzernden Seen und
rauschenden Wasserhähnen. Ab und an durfte ich den Mund spülen, Helga saß
daneben und passte auf, dass ich ja nichts trank. Doch ab und zu ließ ich ein
Schlückchen die Kehle herunterrinnen, ganz vorsichtig, dass sie ja nichts
merkte.
Tag und Nacht lag ich gerade wie ein Brett auf dem Rücken.
Sobald ich mich rührte, lief der Durchfall wie Wasser. Ich wollte unter
keinen Umständen mein Bett schmutzig machen und bewegte mich darum kaum.
Schließlich war ich so schwach, dass ich nicht einmal die Hand heben konnte.
Der Rücken war vollkommen durchgelegen und tat sehr weh, Mein Gesicht bestand
nur noch aus Augen, und mehr als 15 hätte man mir trotz meiner 21 Jahre nicht
gegeben. Doch für Helga war das Ansehen meiner Leiden viel schlimmer als für
mich selbst, die ich in meinen Fieberträumen gar nicht alles begriff, was um
mich herum vorging. Als nach einiger Zeit die typischen Flecken des Typhus auf
meinem Bauch zu sehen waren, versuchte man, mir Blut abzunehmen, um die
Diagnose zu bestätigen. Man setzte mich auf einen Stuhl. Zwei Schwestern
hielten mich fest, und an jedem Arm bemühte sich ein Arzt, etwas Blut aus der
Vene zu bekommen. Vergeblich, anscheinend waren sie ausgetrocknet. Nur noch
aus Haut und Knochen bestand ich, mit Leichtigkeit konnte ich mit Daumen und
Zeigefinger meinen Oberarm umfassen. Als ich so weit war, dass ich meinen
ersten Schritt ausprobieren konnte, wurde ich zu einer Viehwaage geführt, die
dazu diente, die Lebensmittel abzuwiegen. Ich wog 35 kg!
Aber
ich sah nicht allein so aus. Alle Kranken im Lazarett boten das Bild kahlköpfiger
Skelette, und es war ein scheußlicher Anblick, wenn die Frauen, die schon
aufstehen konnten, zu mehreren in einer Wanne saßen, um gewaschen zu werden.
Besonders
viele Männer starben, manchmal zwanzig an einem Tag. Niemand kennt ihre
Namen, keiner weiß, wo das Massengrab in der Steppe liegt, in das sie nackt
hineingeworfen wurden. Es gab kein Papier, um ihre Namen aufzuschreiben, keine
Postverbindung, um ihren Angehörigen Bescheid zu geben. Täglich fuhr ein
Lastwagen mit Toten in die schweigende Steppe. Kein Priester, der ein Gebet für
sie sprach, kein Kreuz, das den Platz anzeigt, wo die Erde sich ihnen
geschlossen hatte.
Mit
so vielen Toten hatten die Russen nicht gerechnet. Es wurde ihnen unheimlich,
und sie beorderten zwei deutsche Militärärzte aus einem anderen Lager zu
uns. Sie hatten den Befehl zu helfen! Das war eine schwere Aufgabe und
Verantwortung! Es gab viel zu wenig Medikamente, um allen Kranken gerecht
werden zu können. Sanitäre Anlagen waren überhaupt nicht vorhanden. Das
einzige Desinfektionsmittel war Chlor.
Die Ärzte taten, was sie konnten. Ihnen und Helga
habe ich es zu verdanken, dass ich nicht auch in den großen Gräbern in der
Steppe mein Ende gefunden habe. Dr. Hein suchte die Kranken heraus, denen er
die meisten Lebenschancen gab, und für sie verwandte er die wenigen Mittel,
die zur Verfügung standen. So bekam ich täglich Spritzen, es waren hauptsächlich
Herz- und Kreislaufmittel. Mein dünnes Hinterteil war ganz zerspickt, und ich
jammerte. Wenn Helga mit der Spritze kam.
|
An den Tod Ich habe dir oft ins Antlitz gesehn Und gewusst, dass du täglich bei uns zu Gast Dass wir ohne dich nie im Schneesturm stehn, nie ohne dich zur Arbeit gehen, Nie ohne dich ruhn bei kurzer Rast. An den Lagern der Kranken da bist du zu Haus, hältst dort getreulich Totenwacht. Du löschst die schwachen Lichter aus.— Am Morgen fährt man sie hinaus. Die Gräber sind schon längst gemacht. |
Bei mir da standest du lange Zeit, verhießest mir Frieden, Erlösung und Ruh. Du webtest still mein Totenkleid, und doch, ich war noch nicht bereit. Da schlossest du leis die Pforte zu. Du kennst der Gräber lange Reih’n Verloren in der Steppe Weiten, sie schmückt kein Kreuz, sie ziert kein Stein, namenlos ruhen der Toten Gebein, vom Winde verweht für alle Zeiten. |
Auch Charlotte, die erste Frau meines Mannes, gehörte
zu den Auserwählten, die man hoffte, am Leben zu erhalten. Sie zeigte mir
einmal ihr Hochzeitsbild, auf dem sie so glücklich und strahlend aussah. Ich
habe es heute noch.—
Es war ihr schweres Schicksal, Russland nicht mehr
lebend zu verlassen. Helga brachte mir nach ihrem Tode ein schönes, blaues
Nachthemd und sagte: „Das ist von Charlotte.“ Ich glaube, sie hat es mir
gerne geschenkt, denn ich brauchte so etwas ja noch auf dieser Erde.
Ganz langsam erholte ich mich, und auch die Verhältnisse
im Lazarett wurden besser. Wir lagen jetzt auf Strohsäcken, und auch Bettücher
wurden beschafft. Mit Helgas Hilfe lernte ich wieder gehen, jeden Tag ein
Schrittchen mehr, und als ich das erste Mal bis vor die Türe gehen konnte,
war ich überglücklich. Zu Helgas Ärger erkannten mich meine
Arbeitsgenossinnen nicht mehr wieder oder sie riefen: „Was, du lebst noch?
Wir dachten, du wärst gestorben!“
Plötzlich, gegen Ende des Sommers, hieß es, das
Lager würde aufgelöst, es seien zu viele gestorben und der Unterhalt lohne
sich nicht. Zurück in die Heimat!
Helga stand auf der Liste des ersten Transportes.
Unter keinen Umständen wollte sie mich allein lassen und versuchte alles, um
noch dableiben zu können. Für mich war an eine solche Fahrt nicht zu denken;
ich hätte sie niemals lebend überstanden. Helga ging bis zu dem russischen
Major, der das Lager leitete, und flehte ihn an, uns nicht zu trennen. Er war
nicht zu erweichen und sagte, sie müsse für immer in Russland bleiben, wenn
sie jetzt nicht führe. Später habe ich oft daran gedacht, wie gut es war,
dass sie damals gefahren ist.
Die russische Ärztin, die nach Abfahrt des Transportes durch das Lazarett ging - sie war sehr gut zu uns - tröstete mich und sagte, bald sei auch ich an der Reihe. Wie sehr habe ich mich an diesen Trost geklammert! Ja, Helga fuhr fort, nach Hause. Aber hatten wir denn überhaupt ein Zuhause? Wir wussten nichts von Eltern und Geschwistern, ob sie lebten und wenn ja wo sie sich befanden. Auf Umwegen, nach einer schrecklichen Fahrt in Hunger und Kälte, hat Helga unsere Familie in Hamburg wiedergefunden. Aber das erfuhr ich erst zwei Jahre später.
Eine
kleine Episode möchte ich noch erzählen, über die wir oft gelacht haben.
Ich hoffe, liebes Schwesterherz, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich sie
hier wiedergebe.
Helga hatte einen Stiftzahn. Als Kind war sie einmal
auf dem Parkett ausgerutscht und auf die Vorderzähne gefallen. Dabei war der
eine abgebrochen und unser Helgalein bekam einen Stiftzahn. Selbiger hatte
sich, noch bevor wir die Fahrt nach Russland antraten, durch das Beißen von
steinhartem Brot gelockert, und als wir "auf Reisen" waren, rief
Helga plötzlich ganz entsetzt: "Mein Zahn ist weg!" Wir schliefen
oben im Waggon, und alle Mitgenossinnen begannen ein heftiges Suchen nach
Helgas Zahn. Er war nicht zu finden. Am anderen Morgen rief ein Mädchen sie
schlief unter uns: "Der Zahn ist da!" Welche Freude! Er lag auf dem
Grund ihres Trinkgefäßes, das sie soeben geleert hatte. Helga befestigte überglücklich
den Ausreißer wieder in ihrem Mund .
Das zweite Mal machte er sich selbständig, als Helga
Krankenschwester im Lazarett war. Sie teilte aus einem riesigen Kessel weißer,
runder Nudeln das Essen für die Kranken aus. In diesem Kessel, zwischen den
Tausenden von Nudeln, versank Helgas Zahn. Ihn dort zu finden war wirklich
fast unmöglich, und doch entdeckte sie ihn leise klirrend in einem
Essgeschirr wieder. Das war beinahe ein Wunder.
Das dritte Mal verschluckte Helga den geliebten
Stiftzahn und war dann gezwungen, mehrmals täglich in dem herumzustochern,
was ihr Körper selbst als wertlos wieder herausexpedierte.
Und siehe da, es dauerte nicht lange, und der Zahn
war frisch gewaschen wieder da, wo er eigentlich hingehörte. Helga hat ihn
zurück nach Deutschland mitgenommen, diesen reiselustigen Stiftzahn!
Später fuhr noch einmal ein Transport nach
Deutschland, doch von Auflösung des Lagers konnte keine Rede sein. Ich wurde
als sogenannter Dystrophiker aus dem Lazarett entlassen, das heißt, dass ich
zwar nicht mehr im Lazarett sein durfte. Es fehlte ja dort immer an Plätzen,
aber auch noch nicht in der Lage war zu arbeiten. Es war noch immer warm und
ich schlich auf wackligen Beinen, ein Gestell aus Haut und Knochen, mit einem
Tuch auf dem Kopf, denn dieser war noch fast kahl, als Kleidung einen alten
wollenen Unterrock, den mir eine mitleidige Seele geschenkt hatte, durch das
Lager. Es sah gewiss grässlich aus, da ich aber nicht die einzige
Vogelscheuche war, empfand ich meinen Anblick nicht weiter ungewöhnlich.
Einmal traf ich Dr. Hein, der mich ganz entsetzt anstarrte. Am nächsten Tag
überreichte er mir ein Kleid, das ich sogleich anzog. Es war aus schwarzer
Seide und schlotterte mir um die Glieder, aber ich war glücklich es zu
besitzen.
Hüttchen, sie stammt aus Litauen, heißt eigentlich
Maria Hütt und war, wie Helga, Schwester im Lazarett. Hüttchen sorgte auch
weiter für mich, sie war unbedingt zuverlässig, und manchen Abend kam sie
mit einem Teller Suppe an meine Pritsche. Dann rief sie so leise, dass die
anderen es nicht hörten: "Micachen, ich habe etwas für dich!" Wie
schnell war ich da munter und verspeiste Hüttchens Geschenk mit größtem
Appetit, denn den hatte ich nun, nur nicht genug, um ihn zu stillen. Hüttchen
ist dann noch vor mir nach Deutschland gekommen. Ich gab ihr die Adresse
meiner Eltern, die ich zu der Zeit schon hatte, denn sie wusste nichts von
ihrer Familie. Als ich auch nach Hause kam, konnte ich Wiedersehen feiern
mit dieser treuen Seele. Auch auf meiner Hochzeit hat Hüttchen getanzt, und
noch heute korrespondieren wir miteinander. Sie ist in Australien verheiratet
und lebt dort glücklich mit Mann und Kind.
Ja, es wurde Winter, mein erster Winter in Russland.
Wie hatte ich als Kind schon immer gefroren und konnte abends im Bett ohne
Heizkissen nicht warm werden! Und nun bei dieser Kälte, und vollkommen
unterernährt. Wir zogen uns sämtliche Sachen an, wenn möglich auch Schuhe,
wenn wir auf die Pritschen krochen. Abends kam oft ein Offizier, die Baracken
zu inspizieren. Der tobte und schrie, wenn er sah, dass wir nicht ausgezogen
waren. Er hielt uns lange Vorträge über Hygiene, von der wir anscheinend
keine Ahnung hätten. Dann mussten alle herunter von den Pritschen und sich
ausziehen. Natürlich zogen wir uns sofort wieder an, sobald er entschwunden
war, doch er hatte uns einen Teil unseres kostbaren Schlafes gestohlen!
Da wir durchweg erkältet waren, war nachts ein ständiges
Kommen und Gehen zur Latrine. Wenn ich durchfroren zurückkam, konnte ich mich
überhaupt nicht mehr erwärmen, und kaum war ich eingeschlafen, musste ich
wieder hinaus.
Der Winter war sehr streng. Kasachstan hat
Steppenklima, im Sommer sehr heiß, im Winter sehr kalt und dazu die eisigen
Winde und Schneestürme!
Nachdem ich etwas kräftiger geworden war, wurde ich
in der Nähstube als Flickerin beschäftigt. Ein begehrter Posten, denn dort
war es warm. Mit anderen Frauen zusammen flickten wir alte Hosen und Hemden
und stopften Riesenlöcher. Als wir nach einiger Zeit wieder einen neuen
Kommandanten bekamen, der alle Dystrophiker zur Arbeit beorderte, gehörte ich
auch dazu. In normalen Zeiten hätte man mich in diesem Zustand wahrscheinlich
in ein Sanatorium gesteckt, aber es waren keine normalen Zeiten. Wir mussten
mit Eispickeln Gräben hacken. Die Erde war so hart gefroren wie ein Stein,
und bei jedem Schlag löste sich nur ein Stückchen von der Größe einer
Haselnuss. Wenn ich das Gerät einmal geschwungen hatte, sanken meine Arme völlig
erschöpft herunter. Dass ich so viel nicht schaffte, kann man sich wohl
vorstellen; ich erreichte die Norm natürlich nicht und bekam deshalb auch
keine Extra-Essenzulage. Und ich hätte sie doch so nötig gehabt! Wenn ich
nicht weiter konnte, legte ich mich einfach für einen Augenblick in den
Schnee, um mich auszuruhen, bis unser ukrainischer Vorarbeiter mich wieder
aufstöberte. Unsere Kleidung war völlig unzulänglich, wir hatten Hosen und
Jacken aus Segeltuch, sogenannte "Russenhosen", und keine
Filzstiefel. Das gab es erst später.
Wenn Schneestürme gewesen waren, mussten wir die
Eisenbahnschienen wieder freischaufeln. Der eisige Wind ließ alle Glieder
erstarren und die Innenseiten der Schenkel waren so angefroren, dass sie
bluteten.
Von nun an ging nur immer die Hälfte der Mannschaft
mit doppelter Kleidung zur Arbeit. Am nächsten Tag war die andere Hälfte
dran. Mit welchem Grauen erwachte ich jeden Morgen, wenn ich mir nach
irgendwelchen Träumen darüber klar wurde, wo ich mich befand! Mit welchem
Grauen stand ich am Morgen am Lagertor, wenn es noch stockdunkel war und die
eisige Kälte mich packte, um mich bis zum Abend nicht wieder loszulassen! In
den Augenblicken war ich oft verzweifelt und wünschte mir, nicht mehr am
Leben zu sein.
Von der vielgerühmten Kameradschaft und Nächstenliebe
war nur selten etwas zu verspüren. Die Männer waren noch egoistischer als
die Frauen. Ich habe sogar Geschwister erlebt, die sich gegenseitig das Brot
fortstahlen, Nirgendwo lernt man den Menschen so gut kennen wie in der Not.
Schlimm war es, wenn der Schneesturm tobte, der von
allen, Russen wie Internierten, gleichermaßen gefürchtet wurde. Es heulte
und jammerte in den Telegraphendrähten und machte an jeder Hausecke einen Höllenlärm.
Es ist keine Übertreibung, man konnte dann tatsächlich nicht die Hand vor
Augen sehen. Wenn der „Buran“ tobte, läutete den ganzen Tag die
Appellglocke, damit diejenigen, die von der Arbeit kamen, den Weg zurück ins
Lager fanden Wenn es zu schlimm war, durften alle in den Baracken bleiben.
Dann war alleine schon der Weg zur Latrine ein hartes Vorwärtskämpfen gegen
den rasenden Sturm. Es ist mir einmal passiert, dass ich in einer falschen
Baracke gelandet bin, weil ich den rechten Weg nicht finden konnte.
Einmal fand ein Mann innerhalb des Stacheldrahtes
nicht mehr zurück und wurde am nächsten Morgen erfroren aufgefunden. Wenn
wir bei „Buran“ zur Arbeit mussten, waren unsere Gesichter bis auf schmale
Augenschlitze vollkommen zugepackt. An den Wimpern hingen dann kleine Eisstücke,
und das Tuch über dem Mund war hartgefroren durch die Feuchte des Atems. Bis
auf die Haut ging die eisige Kälte des Sturmes, zumal es den meisten an
entsprechender Kleidung fehlte, Wir mussten sehr aufpassen, dass Hände,
Gesicht oder Füße nicht anfroren, denn das war, abgesehen davon, dass es
beim Auftauen furchtbar schmerzhaft war, hochoffiziell verboten und wurde als
Sabotage bestraft!
Wenn wir in die ungenügend geheizten Baracken kamen,
entstand ein wildes Drängeln um den Herd, denn jeder wollte sich wärmen,
jeder etwas von seinen nassen Sachen trocknen. Sehr rücksichtsvoll und höflich
ging es dabei natürlich nicht zu, und so manches Mal ging ich am nächsten
Morgen mit den nassen Sachen wieder hinaus zur Arbeit. Merkwürdigerweise war
ich nie erkältet, obwohl ich zu Hause wenigstens dreimal im Jahr mit eitriger
Mandelentzündung im Bett gelegen hatte und wegen übergroßer körperlicher
Zartheit weder Arbeits- noch Kriegshilfsdienst hatte leisten müssen!
Unser Kommandant, ein Ukrainer, hieß Preuss. Er
sprach wie fast alle Ukrainer gut Deutsch und war Liebkind bei den Russen.
Sein Gesicht mit der eingeboxten Nase war immer rot, in seinem Mund blitzte es
von goldenen Zähnen, und seine große Gestalt war kräftig. Ich fand ihn
ekelhaft. Bevor wir nach Russland gekommen waren, war er Kommandant des
Ukrainerlagers gewesen, und von dieser Zeit her hatten ihn alle Ukrainer
schwer auf dem Magen. Als ich später in Orsk war, wurde von den Gefangenen,
die nach mir dorthin kamen, erzählt, man hätte Preuss eines Nachts
aufgelauert, ihm einen Sack über den Kopf geworfen und ihn dann
totgeschlagen. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, jedenfalls war’s bestimmt
nicht schade um ihn; er hatte genug auf dem Kerbholz.
Die Ukrainer waren von den Russen grausam behandelt
worden. Als man sie während des Krieges von der Ukraine nach Kasachstan
verschleppte, war es bereits Oktober, also Winter dort. Sie wurden in der
Steppe ausgeladen und mussten in Zelten den Winter überstehen! Man kann sich
vorstellen, dass nur wenige überlebten. Verpflegung sollten sie sich von den
Kasachen, die selbst in größter Armut lebten, beschaffen. Ein Ukrainer erzählte
mir, dass sie Schuhe ausgekocht hätten, Leder gegessen und manchmal
undefinierbares Fleisch von dunkler Herkunft. Es soll Menschenfleisch gewesen
sein.
Die Ukrainer meinten, wir hätten es doch gut, wir müssten
uns nur damit abfinden, in Russland zu bleiben, denn nach Hause kämen wir
gewiss nie mehr. Wir heulten vor Kummer und Wut, wenn sie etwas zum Besten
gaben. Sie lebten nun, nachdem wir von ihren Baracken, die sie sich im Laufe
der Zeit gebaut hatten, Besitz genommen hatten, in kleinen Lehmhäusern im
Dorf Kimpersai. Diese bestanden, genau wie die Baracken des Lagers, aus
selbstgemachten Ziegeln. Lehm und Wasser wurde mit Stroh vermischt, mit den Füßen
tüchtig geknetet und gestampft, und aus dieser Masse wurden große,
viereckige Klötze geformt, die man dann trocknete und aufeinander setzte, mit
Lehm verschmierte und später weiß kalkte. An Sommersonntagen auf der
Kolchose habe ich diese Art des Hausbaues oft beobachten können. In gewissen
Zeitabständen musste sich jeder Ukrainer bei einem russischen Politoffizier
melden. Sie durften ein eng begrenztes Gebiet nicht verlassen, waren praktisch
auch Gefangene, wenn auch ohne Postenbewachung. Wir hatten wenigstens die
Hoffnung, noch einmal ein normales Leben führen zu können, sie hatten diese
Hoffnung längst begraben.
Unser Essraum, Stallowa genannt, war ein kahler, hässlicher
Saal mit rohen Holztischen und -bänken und einem Essenschalter, an dem man
sich anreihen musste, um brigadeweise das Essen zu empfangen. Morgens bekamen
wir einen Schlag Kohlsuppe und ein Stück Brot. Wenn wir am Abend von der
Arbeit zurückkamen, gab es wieder Kohlsuppe und dazu den sogenannten Kascha,
einen Brei aus Hirse oder anderen Körnern, auf dem ein Tröpfchen Öl
schwamm. Die Lastwagen mit dem Mittagessen kamen nun nicht mehr zur
Arbeitsstelle, man musste sich eben das Stück Brot dafür aufheben. Wer schon
am Morgen das ganze Stück aufgegessen hatte, meistens tat ich das, musste so
bis zum Abend durchhalten. Ich fand die Stallowa scheußlich, und wenn es
irgend möglich war, holte ich mir mein Essen im Kochgeschirr auf die
Pritsche. Nicht allein, dass es dort schauderhaft kalt war und zog, weil
dauernd die Tür auf und zu gemacht wurde, nicht allein, dass die Kleckse auf
den Tischen zu trüben Pfützen erstarrten oder als Eiszapfen am Tisch
herunterhingen, die hungrige Gier der Menschen, die dort ihr Essen
herunterschlangen, war so abstoßend, dass ich es vorzog, allein zu essen. Es
gab widerliche Typen, besonders bei den Männern, die sich wie die Tiere
benahmen, wie hungrige Hunde, die sich gegenseitig einen Knochen zu entreißen
versuchen. Wenn einer eine abgelutschte Fischgräte auf den Boden warf, sprang
ein anderer dazu, um sie aufzuheben und noch einmal abzulecken. Dann diese
Angst, dass einer vielleicht ein Stückchen Fleisch mehr bekommen könnte,
dieses gegenseitige Belauern und Missgönnen. Ich empfand das irgendwie als
menschenunwürdig. Vielleicht kommt in solchen Zeiten der Not der wirkliche
Charakter des Menschen zum Vorschein, ohne die Tünche von Zivilisation und
Kultur.
Denn es waren nicht alle so, es gab auch Nächstenliebe
und Hilfsbereitschaft, aber das Gros meiner Mitgefangenen wurde erst wieder
wirklich menschlich, als die Verhältnisse sich besserten.
Wir hatten auch einige Verrückte im Lager. Ob sie
schon vor ihrem Abtransport nicht bei Verstand waren oder erst später, in der
Gefangenschaft, kann ich nicht beurteilen, Sie waren jedenfalls da und wurden
von den Russen wider Erwarten ganz anständig behandelt. Mit einer, sie hieß
Paula, arbeitete ich eine kurze Zeit in der Nähstube zusammen. Paula
arbeitete nur, wenn sie Lust hatte. Sie zupfte dann Wollfäden; hatte sie
keine, und das kam oft vor, erzählte sie die tollsten Geschichten. Am
beliebtesten war die Geschichte von dem Fliegerleutnant, die uns Paula unzählige
Male erzählt hat, weil wir sie immer wieder hören wollten. Es war auch ihre
Lieblingsgeschichte.
Der Flieger, natürlich ein großer, schöner Mann,
kam zu Paulas Mutter und bat diese um die Hand ihrer reizenden Tochter. So
begann die Geschichte. Man muss sich nun Paula dabei vorstellen – ihr Kopf
kahl geschoren. Das war keine Schande oder Strafe. Der Läuse wegen hatten
auch viele russische Offiziere kahle Köpfe. Sie war ein langes Gestell aus
Haut und Knochen, in Fetzen gekleidet, In ihrem Mund fehlten alle Vorderzähne;
die hatte man ihr noch in Deutschland bei der Gefangennahme ausgeschlagen. Ja,
und dann erzählte diese Elendsgestalt, gottlob ist sie später gestorben, von
dem schönen Flieger, der sie liebte.
Ein anderer von unseren Verrückten riss aus, wurde
nach kurzer Zeit aber wieder eingefangen, denn er war in die falsche Richtung,
also noch weiter nach Osten gelaufen. Man musste wirklich verrückt sein, um
hier das Ausreißen zu versuchen. Er war der einzige, der es je probierte. Im
Geiste ist wohl jeder davongelaufen, aber in Wirklichkeit war es undurchführbar.
Ich träumte ständig von zu Hause, und das Heimweh
war viel schlimmer als alles andere. Im Geist sah ich unser schönes, großes
Haus, ging durch alle Zimmer, über alle Treppen, deren Stufenzahl ich genau
im Kopf hatte. Ich dachte an meine innig geliebte Mutter, von der ich ebenso
wenig wusste wie von meinem guten Vater und von meinen Geschwistern.
|
Träume Wenn ich die Augen schließe, seh’ ich der Bilder viel, längst vergangene Süße, fast wie im Märchenspiel. Einmal nur möchte ich sie halten, die mich dereinst hab’n beglückt, jene geliebten Gestalten, die nun so ferne gerückt. Vor mir sehe ich stehen Meiner Geschwister Kreis. Darf zu ihnen nicht gehen, brennt es im Herzen auch heiß. Spür meiner Mutter Hände, fühl ihren liebenden Blick, möchte ihr danken ohne Ende für meiner Kinderzeit Glück. |
Schnell sie vorübereilen, traumhaft ein jedes Gesicht, dürfen wohl niemals verweilen, hören mein Rufen nicht. Hör meines Vaters Lachen So herzlich und so warm, möchte nur Freude ihm machen, doch ist gefesselt mein Arm. Denn, ach ungreifbar ferne ist jedes liebe Gesicht – so wie die goldenen Sterne, so wie der Sonne Licht. Nur durch meine Träume schweben liebliche Bilder vergangener Zeit. Um mich ein Märchen des Glückes weben, erhellen mir die Wirklichkeit. |

Wir hatten ein so glückliches Familienleben geführt,
und meine herrliche Kindheit war der leuchtende Punkt, an den ich mich in
meiner furchtbaren Einsamkeit klammerte. Ja, es war so, dass ich mich in
dieser Masse von Menschen so unbeschreiblich einsam fühlte wie nie zuvor in
meinem Leben und wie auch später nie mehr. Am wohlsten war mir, wenn ich auf
der Pritsche lag und mir die Decke über den Kopf zog. Dann bildete ich mir
ein, für mich allein zu sein, dann war ich mit allen Gedanken bei den
Menschen, zu denen ich gehörte. Es ist furchtbar, nie für sich sein zu können,
nicht beim Essen, nicht beim Schlafen, auf dem Klo nicht und auch nicht beim
Waschen.
Großartig waren die Sonnenauf- und -untergänge,
besonders im Winter, wenn die Sonne den Schnee der fernsten Hügel blutrot färbte.
Das war ein einzigartiges Schauspiel, eine Symphonie von Farben im blendenden
Weiß des Schnees, dessen glitzernde Decke sich dehnte, so weit man sehen
konnte. An besonders kalten Tagen war der Himmel lichtgrün und sah aus wie
eine gläserne Glocke. Wenn ein Schneesturm im Anzug war, hatte die Sonne zu
beiden Seiten halbkreisförmige Regenbögen, Wie schön das auch aussah, wir
betrachteten diese untrüglichen Zeichen nicht gerade mit Freude.
Wenn dann im Frühjahr der Schnee taute, gab es fürchterliche
Überschwemmungen. Die Schmelzwasser kamen von den Hügeln und Bergen gelaufen
und bildeten an tiefer gelegenen Stellen riesige Seen und Pfützen. Im Lager
gab es knöcheltiefen Dreck, der so zäh war, dass man mit den Schuhen darin
stecken blieb. Wir hatten den ganzen Tag nasse Füße, da wir, wenn wir zur
Arbeit gingen, mehrere Seen durchqueren mussten. Am nächsten Tag zogen wir
die nassen Schuhe wieder an, froh, wenn sie nicht auseinander fielen. Und doch
waren wir glücklich, dass der furchtbare Winter nun vorüber war, von dem wir
jedes Jahr glaubten, dass es ganz gewiss der letzte sei.
Wir arbeiteten nun hauptsächlich in der Nickelgrube,
wo wir Eisenbahnschienen verlegten, Erde planierten oder Dämme machten. Der
Nickel wurde im Tagebau gewonnen. Große Bagger luden die Nickelerde auf
Eisenbahnwaggons, die dann nach Orsk zur Verarbeitung gebracht wurden. Die
Nickelerde, die auch viel Eisen enthielt, leuchtete in den schönsten Farben,
alle Schattierungen von grün bis rot. Sie war sehr fett und entsetzlich
schwer, wenn man sie hin und her schaufeln musste.
Oft kamen lange Güterzüge mit Kohlen, die wir
ausladen mussten. Wir bekamen grobe Gabeln, mit denen holten wir die Kohlen
aus den Waggons heraus und schaufelten sie zur Seite. Das ist keine leichte
Arbeit, und da ich immer noch sehr schmächtig war, fiel sie mir verdammt
schwer. Wenn die Waggons nachts kamen, mussten wir nachts arbeiten, nachdem
wir unseren schweren Arbeitstag schon hinter uns und oft schon geschlafen
hatten. Es schlossen sich immer Gruppen zusammen, die jeweils einen Waggon
ausluden.
Natürlich fanden sich immer die Starken zusammen, um
recht schnell fertig zu werden. Wir anderen arbeiteten oft noch, wenn der Mond
schon lange am Himmel stand und wir vor Müdigkeit fast umfielen. Ich war
selig, als man mich einmal zu den Starken wählte. Nicht etwa, weil ich plötzlich
kräftiger geworden war, sondern auf Illis Fürsprache hin. Illi war mein
guter Kumpel, der mir oft half, wenn ich nicht mehr weiter konnte. Sie war ein
so lieber, feiner Mensch und hatte jene Güte und Herzensbildung, die ich bei
den sogenannten „Gebildeten“ in Russland so oft vermisste. Ich denke noch
heute mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit an die gute Illi, die mit mir
zusammen aus der Gefangenschaft entlassen wurde und sich dann später in der
Ostzone verheiratete.
Ich war damals dazu auserkoren worden, die
Lagerzeitschrift für die Frauen herauszugeben. Ein undankbares Unterfangen.
Ich schrieb die Artikel, musste sie mit der Hand drucken und dann
illustrieren. Das Papier war schlecht und schwer zu bekommen. Buntstifte waren
Kostbarkeiten, jedes Stummelchen ein wahrer Schatz! Die Wahrheit durfte ich
natürlich nicht schreiben, sondern musste mich an das halten, was mir der
Kommissar, den wir natürlich auch im Lager hatten, vorschrieb.
Wer hat denn schon Lust, so eine verlogene
Zeitschrift zu lesen? Unser neuer Lagerkommandant wollte mich im Lager
behalten, damit ich mich ganz der Aufgabe, eine gute Frauenzeitschrift
herzustellen, widmen konnte. Das war sehr freundlich von ihm, denn ich merkte,
er wollte mir die schwere Arbeit in der Nickelgrube ersparen. Ich war nicht so
ganz begeistert von seinem Angebot, denn unserem unmittelbaren Vorgesetzten,
Herrn Preuss, den ganzen Tag unter den Augen zu sein, erschien mir nicht
erstrebenswert. Ich hatte schon üble Erfahrungen mit ihm gemacht. Er erkaufte
sich die Gunst seiner jeweiligen Favoritinnen mit Esswaren und Seife, und als
ich eines Tages ablehnte, für einen Teller Bratkartoffeln und ein Stückchen
Seife eine Nacht mit ihm zu verbringen, war er sehr böse mit mir, und ich
ging ihm, wenn möglich, aus dem Wege. Da nun gerade der beliebte Posten bei
der Nickelprobe frei war, bat ich, mich dorthin zu versetzen, und das geschah
dann auch, und ich war vom Sommer 46 bis Frühjahr 47 so etwas wie eine
Individualität, was ich als sehr wohltuend empfand.
Das war nicht ganz so einfach, denn der Puffer hatte
ein ganz nettes Gewicht, und man musste ihn ganz flink um seine Achse drehen,
um durch die Geschwindigkeit sein Gewicht zu reduzieren. Ich hatte das bald
heraus, und dann tanzte er auf der Nickelerde herum, ohne dass ich mich allzu
sehr anstrengen musste. Danach wurde die Erde gesiebt, noch einmal mit dem
Puffer bearbeitet und in ein anderes Säckchen gefüllt. Wenn das alles fertig
war, zog ich los, um die Probe ins „Labor“ zu bringen. Dort wurde die Erde
auf ihren Nickelgehalt hin geprüft; das Ergebnis musste in Orsk sein, bevor
der Zug dort eintraf.
So hockte ich denn an meinem Fensterchen und war auf
den Beinen, sobald der Pfiff der Lokomotive ertönte. Wenn nachts keine
Waggons kamen, legte ich mich auf das schmale Bänkchen und schlief, - mein
Ohr wachte für mich, denn es hörte sogar im Schlaf das Pfeifen, und nie ist
mir eine Ladung Nickel durch die Binsen gegangen. Das war nämlich meiner Vorgängerin
passiert. Sie war mit einem Ukrainer aus der Grube, mit dem sie sich
angefreundet hatte, in die Steppe gegangen, wo die zwei vor lauter
Verliebtheit das Pfeifen der Lok nicht hörten und die Waggons ohne Erdproben
gen Orsk fahren ließen. Das gab einen Riesenkrach. Bevor ich nun diesen
Posten bezog, hat mir unser guter Kommandant eine lange Rede gehalten, was
alles ich lieber nicht tun sollte und auch, was ich tun sollte, wenn ich z. B.
nachts überfallen würde usw. Ich habe mir seine Ratschläge zu Herzen
genommen und bin gut dabei gefahren.
Herrlich war's, stundenlang ganz allein zu sein, durch die Steppe zu gehen, natürlich immer nur so weit, dass ich den Grubenausgang nicht aus den Augen verlor, oder im Gras zu liegen, wenn am Abend die Sonne in den herrlichsten Farben am Horizont versank.
Himmel und Erde
Schau
des Himmels sonnenverklärtes Wolken
beschwertes, unendlich tiefes Blau, drauf
nachts im Dunkeln die Sterne funkeln wie
Diamanten am Hals einer schönen Frau! Die
Erde dagegen trägt voller Segen ein
schlichtes Arbeitskleid. Doch
strahlt sie, wenn zur Frühlingszeit die
Götter sie schmücken – zur Frucht bereit. |
Wo
Himmel und Erde sich vereinen, da
will das Ende der Welt uns scheinen. Doch
nie ein End zu finden ist, so
oft auch der Himmel die Erde küsst. Dort
steht der Mensch, Geschöpf der Welt, von
Schicksalsmächten hineingestellt, ein
Kind zu sein der Mutter Erde, auf
dass ihm einst der Himmel werde. |
Dann hörte ich nur das Trillern der Lerchen und das
Zirpen der Grillen, und nie war ich in Russland so glücklich wie in dieser
Zeit.
Im Sommer war auch der Weg ins Labor, ich ging ungefähr
eine Stunde, ein schönes Erlebnis! Diese großartige Einsamkeit der Steppe
nahm mich immer wieder gefangen. Nie begegnete ich einer menschlichen Seele,
und auch wenn ich nachts meinen Weg machen musste, das silberne Glänzen der
Eisenbahnschienen als Wegweiser, hatte ich keine Furcht.
Wenn ich nachts gearbeitet hatte, ging ich oft allein
ins Lager zurück, weil meine Begleiter noch in der Grube beschäftigt waren.
Ich machte in solchen Fällen einen Umweg und ging zu einem großen, klaren
See. Dieser See war ein Teil der alten Nickelgrube. Er lag zwischen hohen
Bergen und gehörte wohl zu den riesigen Tälern, die nimmer müde Bagger im
Laufe der Jahre geschaffen hatten. Nun war dort meine Badeanstalt, wo ich nach
Herzenslust schwimmen konnte.
Langsam fanden sich die Musiker zusammen, und nach
gar nicht langer Zeit gab es ein Saxophon, eine Geige und ein selbstgebautes
Cello. Ich beteiligte mich beim Theaterspielen, beim Chor und später auch als
Gesangssolistin. Am liebsten führten wir Märchen auf, denn in diese Themen
konnte uns kein Russe Politik und Tendenz ähnlicher Art einmischen. Ohne das
ging natürlich kein Theaterstück über die Bühne. Könige und Prinzessinnen
gab es nicht, die mussten wir durch Minister und Bauerntöchter ersetzen. Und
falls doch einmal ein König genehmigt wurde, musste er als ein so bejammernswürdiger
Trottel dargestellt werden, dass an seinen königlichen Fähigkeiten
wahrhaftig kein Zweifel bestand,
Aus alten Tüchern wurden Gewänder fabriziert,
zerrissene Gardinen dienten als Schleier, Wenn der Potitoffizier befahl, dass
dann oder dann ein „Bunter Abend“ stattzufinden habe, musste es eben
irgendwie klappen, und wenn wir uns das Material zusammenklauten. Herr Preuss,
mein besonderer Freund, inspizierte gerne die Proben und spielte Regisseur,
wenn zum Beispiel die Bauerntochter dem Schweinehirten einen Kuss zu geben
hatte. Das war vollkommen überflüssig, denn das konnten wir auch ohne seine
Hilfe.
Die Offiziere und Posten unseres Lagers führten kein
abwechslungsreiches Dasein, und jeder von ihnen war in dieses öde, klimatisch
so schwer erträgliche Gebiet versetzt worden, weil er etwas ausgefressen
hatte. Wir befanden uns in Kimpersai und später auch in Orsk in einem
ausgesprochenen Sträflingsgebiet, freiwillig kam niemand hierher.
Ich kam auch öfters dran, wurde aber immer korrekt
behandelt. Mir genügte jedoch schon allein die Angst, die ich ausstand, wenn
ich in den kahlen Raum gerufen wurde, in dem der Kommissar saß, der immer wie
ein Eisklotz auf mich wirkte, zusammen mit dem Dolmetscher, der mir das kalte
Grausen über den Rücken jagte, wenn er hämisch grinsend seine sämtlichen
Silberzähne zeigte.
Es missfiel ihnen sehr, wenn wir bei großer
Sommerhitze in selbst genähten kurzen Hosen arbeiteten. Sie starrten uns dann
ganz entsetzt an, kniffen uns in die Beine oder betasteten unsere nackten
Arme. Ein solcher Anblick war bestimmt absolut neu für sie. Es gab weniger Männer
als Frauen, und mir schien es, als hätte ein Mann mehrere Frauen. Auch die Männer
sahen sehr gut, aber irgendwie finster aus. Selbst bei der größten Hitze
trugen sie hohe Fellmützen, die wie Bienenkörbe geformt waren. Sie waren groß
und schlank gewachsen. Im Gürtel steckte ein gebogenes Messer, und wenn sie
so aufrecht die Eisenbahnschienen entlanggingen, sahen sie nicht aus wie
Gefangene.
Wie Pech und Schwefel hielten die Tschetschenen
zusammen, und irgendwie kamen die Russen nicht an sie heran. Einmal erlebte
ich, wie im Winter eine Tschetschenenfrau an der Stelle, wo die Lokomotive,
welche die Nickelerde beförderte, Kohlen und Wasser nahm, einen Korb mit
Kohlen klaute. Das tat jeder hier. Das Schwierige an der Aktion war nur, sich
nicht erwischen zu lassen. Sie wurde erwischt und von dem Russen, der die
Kohlen bewachte, festgehalten. Da stieß sie einen durchdringenden Pfiff aus,
und nach einigen Minuten erschienen mehrere Tschetschenen, die anfingen, sich
mit dem Russen zu prügeln. Bei dieser Gelegenheit entwischte die Frau mitsamt
den Kohlen. Danach war von den Tschetschenen nichts mehr zu erblicken, es war,
als hätte der Erdboden sie verschluckt.
Wir besuchten sie während der Nachtschicht. In ihren
primitiven Häuschen gab es nur einen großen Raum, dessen einziges Mobiliar
der unentbehrliche Herd war. Sie lagen auf Fellen auf der Erde, im Herd
flackerte ein helles Feuer, das den ganzen Raum in ein unruhiges Licht
tauchte. Sie hatten einen Kreis gebildet und schlugen mit den Händen auf
trommelähnliche Instrumente, die ein monotones Geräusch machten. In der
Mitte des Kreises tanzte eine mit vielen glänzenden Münzen geschmückte
Frau, die die Augen geschlossen hatte und wie in Trance zu sein schien.
Niemand beachtete uns, und wir haben ihnen eine ganze Weile zugeschaut. Plötzlich
öffnete die Tänzerin die Augen, als erwache sie aus einem tiefen Schlaf. Sie
sah mich an, streckte die Hände nach mir aus und wollte mich in den Kreis
ziehen. Das war mir in diesem Raum mit den so fremdartigen Menschen
unheimlich. Ich bekam Angst und lief hinaus in die Nacht, zurück zu meinem
Nickelhäuschen. Später haben die Tschetschenen mich nicht wieder zu einem
Besuch eingeladen.
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Das Lied der Sehnsucht |
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Das Lied der
Sehnsucht, es ist mir bekannt, es ward gar
oft mir gesungen. In diesem
fremden, öden Land hat brennend
heiß es geklungen. Wenn über
der Steppe Einsamkeit heulend die
Winde fegen, über ihr
herbstlichgelbes, dürftiges Kleid peitscht ein
nicht endender Regen. Wenn hoch in
des Himmels Unendlichkeit die wilden Gänse
fliegen, wenn jede von
ihnen so traurig schreit vor Sehnsucht
nach dem Süden. Und der Wind
wie ein scharfes Messer ist und Berge von
Schnee erbaute, wenn die Kälte
durch alle Kleider sich frisst und das Eis
am Fenster nie taute Wenn in
schneedurchpeitschter Winternacht die Wölfe so
schaurig klagen, wenn der Huf
des Pferdes im Eise kracht und keuchende
Stürme sich jagen. Wenn die Frühlingswärme
das Weiße taut, und die
ersten Tulpen erblühen, wenn das Auge
verlangend nach Westen schaut, wo die
Strahlen der Sonne verglühen. Das
Lied der Sehnsucht, dann hörst
du es singen, in Sturm und
Regen wird es dir klingen, im Schrei der
Tiere, im Sterne-Erstehn, im Frühlingserwachen,
im Herbstes-Vergehn, das Lied der
Sehnsucht, das jeder kennt, den Land und
Meer von der Heimat trennt. |
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Im Lager rüstete man sich für den Winter. Zwischen
die Doppelfenster wurde zur Abdichtung Watte gesteckt, und in der Steppe
wurden Gräben ausgehoben für diejenigen, die im Winter dran glauben mussten.
Als die Kälte richtig einsetzte, bekamen wir Wattehosen und Jacken sowie
Filzstiefel. Wie froh wir darüber waren, kann man sich kaum vorstellen. Wenn
mein Mann mir jetzt einen Nerzmantel schenken würde, es wäre nicht so ein
Ereignis wie es die warmen Sachen es damals im Winter 1946 für mich waren.
Auf die Filzstiefel musste man verdammt aufpassen. Wenn sie nicht zu nass
waren, legte ich sie mir nachts unter den Kopf. Wie oft fehlten am Morgen ein
oder zwei Paar Stiefel! Nicht nur, dass man etwas ganz Kostbares verloren
hatte, sie waren natürlich gestohlen worden, man wurde auch noch wegen
„Sabotage“ bestraft, weil man das Eigentum des Lagers missachtet hatte!
Die Täter wurden praktisch nie gefunden; sie tauschten die
In meinem Häuschen war es saukalt, denn der Wind
pfiff durch alle Ritzen und unter der Tür durch, die einen breiten Spalt
hatte. Victor und Peter schickten mich zum Kohlenstehlen. Sie meinten, ich sei
ja sowieso Sträfling, da könnte mir eigentlich nichts weiter mehr geschehen.
Ich war sehr ungeschickt beim Stehlen. Peter zeigte mir dann genau, wie ich es
machen musste. Ich stand vor der Wahl, entweder zu klauen oder zu frieren, und
da ich ganz entsetzlich fror, entschloss ich mich zum Stehlen.
Ich musste aufpassen, wenn der Russe an der
Lok-Versorgungsstelle mal den Rücken kehrte oder in seinem Postenhäuschen
verschwand, dann füllte ich ganz fix das Säckchen, das eigentlich für die
Nickelproben bestimmt war, mit Kohlen und machte, dass ich fortkam. Ging das
nicht schnell genug und ich wurde erwischt, schüttete der Russe unter
entsetzlichen Flüchen, wer einmal in Russland war, kennt diese fabelhafte
Vielfalt und Scheußlichkeit der Flüche bestimmt genau so gut wie ich, meine
Beute wieder zurück auf den Kohlenhaufen, und ich musste warten, bis sich
eine bessere Gelegenheit bot.
Die Nickelerde auf den Waggons war nun steinhart
gefroren. Ich hatte einen Hammer, um sie erst einmal loszuschlagen, bevor ich
sie in den Beutel befördern konnte. Die eisernen Leitern, die an den Waggons
hoch führten, waren ganz vereist, und es war eine Kunst, mit den dicken,
ungeschickten Filzstiefeln dort rauf- und runterzuklettern. Ab und an mogelte
ich und ließ einen Waggon aus, nahm dafür von dem gleichen die doppelte
Menge Erde. Das fiel dann gar nicht auf. Peter hatte mich auf die Idee
gebracht, und auch hier war mal wieder das Motto: „Nur nicht erwischen
lassen!“
Der Weg ins Labor war nun auch kein Vergnügen mehr,
besonders bei Schneesturm, wenn mein Gesicht ganz verpackt sein musste und der
nun endlos scheinende Weg ein hartes Kämpfen gegen den rasenden Sturm war. In
der weißen Wüste des Schnees waren die Schienen meine einzige Orientierung,
und als ich einmal ganz in meiner Nähe einen Wolf heulen hörte, vielleicht
war es auch nur ein einsamer Hund, legte ich den Rest des Weges im Laufschritt
zurück.
Bei Sturm bot auch das Häuschen wenig Schutz. Der
Schnee wurde unter der Tür hindurch in den Raum geschoben, je nach Richtung
des Windes waren bald richtige Schneewehen da, die sich rasend schnell vergrößerten.
Ich hockte mich auf den Herd, um noch den letzten Rest von Wärme zu
erhaschen. Das Feuer war am Ausgehen, und neue Kohlen konnte ich im bei
Schneesturm natürlich auch nicht holen. Eines Nachts fror ich so entsetzlich,
dass ich beschloss, mir etwas Wärme zu suchen. Bei dem Wetter konnten sowieso
keine Waggons geladen werden, und so zog ich los.
Im Postenhäuschen an der Lok-Versorgungsstelle
hockten ein paar Männer um den kleinen Kanonenofen, der vor Hitze beinahe glühte.
Hier hatte man scheinbar Kohlen?! Als die Männer mich in meiner Ecke stehen
sahen, riefen sie mich näher an das Feuer heran. Als sie sahen, dass ich todmüde
war, empfahlen sie mir eine große, mit warmem Sand gefüllte Kiste als günstigsten
Schlafplatz. Das war eine großartige Idee. Ich kuschelte mich in den warmen
Sand, und da glücklicherweise bis zum Morgen keine Waggons kamen, schlief
ich, bis es Zeit war, ins Lager zu gehen,
Es war Herr Preuss, unser vielgeliebter
Lagerkommandant. Er war mit seinem Pferdeschlitten vorgefahren, um mich zu
einer kleinen Vergnügungsfahrt einzuladen. Preuss hatte sich von den
Gefangenen im Dorf ein Haus bauen und einrichten lassen. Er war sehr stolz auf
dieses Haus, und nun sollte ich es ansehen. Herr Preuss war etwas unsicher auf
den Beinen, und als Peter ihm einen kräftigen Schubs gab, flog er nach hinten
über in den Schnee.
Er war ganz schön betrunken und ich froh und
dankbar, dass Peter mich so tatkräftig unterstützte. Natürlich war Herr
Preuss so wütend, dass er nach Luft schnappte. Als er wieder abfuhr, schwor
er fürchterliche Rache. Er rächte sich, indem er mich mit dem ersten
Transport mitschickte, der im Frühjahr nach Orsk fuhr. Ich war darüber sehr
unglücklich, hatte ich doch hier eine Arbeit, die man für russische Verhältnisse
als fabelhaft bezeichnen konnte. Außerdem hatte ich mich an meine Umgebung
gewöhnt und wusste nicht, wie es mir in Orsk ergehen würde. Leider war
inzwischen auch der russische Major, der uns allen so hilfreich zur Seite
gestanden hatte, versetzt worden. Man hatte wohl in Moskau erfahren, dass er
uns so gut oder vielleicht zu gut behandelt hatte. Sein Nachfolger versuchte
das nun wieder „auszugleichen“, indem er ein äußerst strenges Regime
einführte. Er war lang und dünn und hieß bei uns nur „der Lange“..
(Weihnachtsfest
1946)
Schweigend
liegt die Steppe
in
weißer Einsamkeit,
sie
trägt eine silberne Schleppe
wie
eine Königsmaid.
über
ihr wölbt sich der Himmel
in
ewig wechselnder Pracht,
bald
rosiger Wölkchen Gewimmel,
bald sternenbesät bei Nacht,
Kein
Baum, kein Strauch wächst hier oben.
Weite,
wohin man sieht,
nur
ferne, nebelumwoben,
von
Orsk ein Lichtermeer glüht,
Doch
auch an dieser Stelle
tönt
durch die Herzen ein Klang,
dringt
durch die Eiseshülle,
Weihnachtslieder
Gesang.
Kein
Christbaum schmückt unsre Räume,
kein
Lichtlein am Fenster steht,
und
tausend sehnsücht'ge Träume
der
Wind nach Westen weht.
Im
Herzen müssen wir schauen
die
Kerzen, die Tannen so grün,
müssen
uns Welten erbauen,
auf
denen die Christrosen blühn.
Christ
ist auch uns geboren,
die
wir verlassen sind,
auch
in der Steppe verloren
wieget
Maria ihr Kind,
Sie singt ihm mit zärtlichen Worten
das
Lied, allhergebracht.
Es klingt uns allerorten:
„Stille Nacht, Heilige Nacht“
So packte ich denn zusammen mit einigen
Leidensgenossen mein Bündelchen und zog los, dem zweiten Teil dieses Dramas
entgegen.
Gott, du allein weißt, wie alles entsteht,
du weißt auch, wie alles zu Ende geht.
du lässt uns weinen, du lässt uns lachen,
am Abend entschlummern, am Morgen erwachen.
Du allein weißt, was gut für uns ist,
weil du Deiner Kinder nie vergisst.
Und blicke ich zu den Sternen hinauf
und bedenke der Erde wechselnden Lauf,
vergess ich den Raum, vergess ich die Zeit,
und beuge mich Deiner Unendlichkeit
O r s k – Frühjahr
1947 bis Oktober 1949
Als ich nach Orsk fuhr, begann die Sonne schon wieder
wärmer zu scheinen, und auf der Fahrt sahen wir blühende Tulpen und
Schwertlilien. Zum Abschied waren Victor und Peter ans Lagertor gekommen, um
zu sagen, wie leid es ihnen täte, dass ich nun nicht mehr bei der Nickelprobe
arbeiten würde. Sie wünschten mir recht viel Gutes für die Zukunft, hauptsächlich,
dass ich doch noch einmal nach Hause kommen möge.
Während das Arbeits- und darum das Lebenszentrum von
Kimpersai die Nickelgrube gewesen war, befanden wir uns in Orsk im
Machtbereich der enorm ausgedehnten Nickelfabrik, die mit ihren hohen
Schornsteinen, aus denen Tag und Nacht graue Rauchwolken zogen, ihren riesigen
Schmelzöfen, ihren hässlichen dunklen Arbeitshallen das Leben aller
Gefangenen bestimmte. Wir waren nicht nur Reichsdeutsche hier, sondern im
Lager befanden sich auch Rumänen und Ungarn deutscher Abstammung. Es gab in
der Nähe ein japanisches Gefangenenlager, und nicht zuletzt gab es
Arbeitsbrigaden russischer Sträflinge, die alle von der Nickelfabrik
aufgesogen wurden,
Der Posten führte uns durch das wie üblich mit dem
roten Stern verzierte Lagertor. Wie üblich hingen überall die Parolen, die
Stalin und die siegreiche Rote Armee feierten oder zur Arbeit anfeuern
sollten. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ und ähnlich sinnige
Ergüsse, die wohl in keinem Gefangenenlager fehlten. Wie üblich, lungerten
auch hier die dystrophischen Elendsgestalten herum, die zu schwach waren, um
zu arbeiten. Wie üblich, war der Platz vor den Baracken vollkommen
aufgeweicht, so dass man knöcheltief im Dreck versank, wenn man nicht
aufpasste. Die Baracken waren größer als in Kimpersai und auch besser
gebaut, jedenfalls tropfte es hier bei Regenwetter nicht durch die Decke, und
auch die großen und kleinen Rinnsale an den Wänden fehlten.
Die Ungarn und Rumänen erkannte man sofort an ihrem
besseren Aussehen. Alle Dystrophiker waren Reichsdeutsche. Das kam daher: Als
die Russen die Leute aus Ungarn und Rumänien requirierten, wurde ihnen
gestattet, eine bestimmte Menge an Gepäck mitzunehmen. Kleidungsstücke,
Federbetten, haltbare Esswaren. Sie wussten, dass es nach Russland ging, und
hatten die Möglichkeit, sich darauf einzustellen. Das war ein großer Vorteil
uns gegenüber. Zudem standen sie mit den Russen auf besserem Fuß als die
Reichsdeutschen, die doch alle mehr oder weniger als Kriegsverbrecher
angesehen wurden.
Unser unmittelbarer Vorgesetzter war nun nicht mehr
Herr Preuss, sondern ein Deutscher aus Rumänien. Viele der Ungarn und Rumänen
konnten gar nicht deutsch sprechen; sie saßen wohl nur ihrer deutschen
Vorfahren wegen hier.
Die Frühjahrsüberschwemmungen hatten viele Bäckereien
unter Wasser gesetzt, so dass dort nicht gearbeitet werden konnte. Dazu kamen
die Transportschwierigkeiten auf den verschlammten Wegen. So lebten wir von
kleinen Mengen Trockenbrotes, das noch nicht einmal so eine Art von Sättigung
hervorzugaukeln in der Lage war und außerdem so fürchterlich hart war, dass
man sich die Zähne daran ausbrechen konnte.
Als es dann zur Arbeit ging, zogen wir mit den
Filzstiefeln los, die wir aus Kimpersai mitgebracht hatten und die sich auf
dem Wege zur Arbeit derart mit Wasser voll sogen, dass man meinte,
Bleigewichte an den Füßen zu haben. Früh um 7 Uhr standen wir am Lagertor
und gingen brigadeweise in die Morgendämmerung hinaus, im Winter war es noch
stockdunkel.
Hatten wir Glück, dann wurden wir in Lastwagen nach
Meisk gefahren, sonst mussten wir zu Fuß gehen. Es ging immer bergauf, und
hatten wir einen der langgestreckten Hügel erstiegen, tauchte schon wieder
der nächste vor uns auf. Rechts von unserem Weg, unterhalb der Hügelkette,
floss ein Fluss, der von der Nickelfabrik herkam und die heißen Abwässer der
Fabrik durch die Landschaft spazieren führte, um diese abzukühlen. An
manchen Stellen, die flach und sandig zum Wasser führten, fanden die reinsten
Badefeste statt. Gefangene, Russen, Männer, Frauen und Kinder schrubbten
sich, mehr oder weniger bekleidet, im heißen Wasser. Die Großmütter dieses
russischen Familienbades sahen durchweg schrecklich mager aus, sie bestanden
wirklich nur aus Haut und Knochen. Es war mir rätselhaft, wie sie den Weg zum
Wasser und wieder zurück schaffen konnten. Große Schüsseln mit Wäsche
wurden hierher gebracht und gewaschen, ebenso sämtliche Kinder der Familie.
Wir hockten immer etwas abseits am Wasser und wurden
von den Russen mit neugierigen Augen betrachtet. Doch wir ließen uns davon
nicht stören. Wenn es irgend möglich war, benutzten wir, wenn wir von der
Arbeit zurückkamen, diese Badeanstalt mit dem gleichen Eifer wie die Russen.
Manchmal war das Wasser so heiß, dass wir rot wie gesottene Krebse wieder aus
dem Wasser herauskamen und es nur ein paar Minuten darin aushalten konnten.
Wenn es am Morgen noch frisch und kühl war, sah man
schon von weitem das Wasser, das sich als weiße Dampfwolke durch das Tal
schob. In Meisk war die Luft angenehm rein, kam doch der scheußliche
Schwefelgestank der Fabrik nicht bis hier herauf. Auf den Hügeln lagen große
Gesteinsbrocken, die der Landschaft ein bizarres Aussehen gaben. Ziegen und Kälber
liefen herum, und in der Ferne sah man den Flusslauf des Urals als grünes
Band durch die Steppe ziehen. Die einzigen Bäume und Sträucher, die ich in
den Jahren der Gefangenschaft in der so armen Landschaft der Steppe sah, waren
die, welche die Ufer des Ural säumten. Voller Strudel ist sein Wasser, obwohl
er langsam und behäbig seines Weges zieht. Ich nutzte so manche Mittagspause,
um zum Fluss zu laufen und, an seinem Ufer sitzend, meine Augen am Grün der Bäume
und Pflanzen zu erfreuen,
In Meisk wurden wir nicht so streng bewacht wie in
der Fabrik oder an anderen Arbeitsstellen, und so hatten wir hier mehr Kontakt
mit den Russen, die in der Umgebung wohnten. Da blühte der Handel, Bauholz
wurde gegen Kartoffeln oder Melonen getauscht, von uns ausgeführte
Maurerarbeiten gegen Brot oder Milch.
Ich war Potzomnik, auf deutsch Zulanger, bei Stefan,
einem ungarischen Maurermeister. Ich trug Zement, Sand und Steine in so genügender
Menge, dass die Arbeit ohne Unterbrechung vorwärtsgehen konnte. Die Steine
waren große, schwere Klötze von grauer Farbe und rauer, poröser Außenseite.
Sie wurden aus Schotter und Zement gemacht und waren scheußlich zu tragen,
weil die raue Außenseite die Hände schwer malträtierte. Solange Stefan im
Erdgeschoss arbeitete, war das Heranholen des Baumaterials nicht so schwer; es
wurde erst richtig mühsam, wenn ich mit meinen Lasten aufs Gerüst klettern
musste, das meistens auch noch sehr unzulänglich aufgebaut war. Mein Rücken
tat mir oft am Abend so weh, dass ich mich nicht mehr von der Pritsche rühren
mochte. Aber darauf nahm natürlich keiner Rücksicht, und so schleppte ich,
siebte Sand, mischte Zement darunter, tat gelöschten Kalk dazu und war froh
über jeden Tag, der vorüber war. Stefan war sehr nett, wir redeten in einem
Kauderwelsch von Ungarisch und Deutsch miteinander, das heißt, er versuchte,
Deutsch zu lernen und ich Ungarisch. Wir verstanden uns trotz der
Sprachschwierigkeiten gut, und nach einigen Monaten weihte mich Stefan in die
Künste des Maurerhandwerks ein. Das war erheblich angenehmer und
interessanter als das Zutragen, und ich gab mir große Mühe, ein guter Maurer
zu werden. Schwierig wurde es, als ich lernen musste, die Decke zu verputzen.
Der verdammte Putz wollte nicht oben bleiben und fiel in dicken Klößen immer
wieder auf meinen Kopf. Es gehörte auch eine ganz schöne Portion Kraft dazu,
das Zeugs so in die Höhe zu schmettern, dass es kleben blieb. Aber so langsam
lernte ich auch das, wenn ich auch nie den Schwung und die Geschicklichkeit
Stefans erreichte, dafür war er ja auch Maurermeister, Meine Fingerspitzen
waren manchmal so angegriffen von der ständigen Arbeit mit dem kalkhaltigen
Verputz, dass sie blutig waren. Außerdem hatte ich im Handgelenk eine
Sehnenscheidenentzündung, die sehr schmerzhaft war. Es fällt einem eben
nichts in den Schoß. Für alles muss man Lehrgeld zahlen, überhaupt als
Gefangener.
Währenddessen war es wieder Sommer geworden, die heißen
Sandstürme fegten über die Steppe, zerrten an den gelb versengten Gräsern
und bildeten meterhohe Wirbel, die man schon von weitem sehen konnte.
Wenn mittags die Sirenen der Fabrik zu heulen
begannen, fielen wir erschöpft auf irgendein Brett des Neubaues, um dort
auszuruhen. Mein Brot hatte ich meistens schon zum Frühstück verputzt und
musste nun bis zum Abend aushalten. Zu trinken hatten wir gottlob genug.
Stefan war auch auf diesem Gebiet erheblich tüchtiger
als sein Lehrling, doch da er getreulich alles mit mir teilte, kam ich trotz
meiner Unfähigkeit in den Genuss von Melonen oder auch manchmal Kartoffeln.
Das war mein Glück, denn meine sämtlichen Zähne begannen bereits locker zu
werden und der Arzt hatte ganz gemütlich erklärt, ich solle zusehen, wie ich
zu Vitaminen käme. Wie ich das machen sollte, das sagte er mir nicht, er
meinte nur, ich könne ja mal versuchen, im Gemüsekeller etwas zu klauen.
Auf dem Weg nach Meisk kamen wir immer an Häusern
vorbei, die nicht wie üblich aus Lehm, sondern aus Steinen erbaut waren, die
hier überall zu finden waren. An den Außenseiten·hatten die Häuser keine
Fenster. Sie bildeten eng zusammenstehend einen Innenhof, in den kleine
Fenster und Türen gingen. Der furchtbaren Steppenwinde wegen waren die Häuser
so gebaut, sie kehrten eng aneinandergeschmiegt dem Wind ihre Rückseite zu.
Hier wohnten die Kasachen. Unverkennbar asiatischen Ursprungs, hatten sie
stark hervorstehende Backenknochen, schwarze glatte Haare und Schlitzaugen.
Sie waren klein, mager und drahtig, mit krummen Säbelbeinen. Die Frauen
trugen lange Zöpfe, in die Münzen hineingeflochten waren. Ich hielt einmal
eine von ihnen fest und machte ihr Zeichen, mir doch einmal die Münzen in
ihrem Zopf zu zeigen. Zu meinem großen Erstaunen waren es
Maria-Theresientaler. Es ist mir rätselhaft, wie die dorthin gelangt sind. Im
Gegensatz zu den Tschetschenen brauchten die Kasachen nicht für die Russen zu
arbeiten. Sie lebten ganz für sich, ihr Reichtum waren die Ziegenherden, die
sich von dem dürren Gras der Steppe ernährten und ihnen Fleisch und Milch
gaben. Einmal schaute ich in so ein armseliges Kasachenhaus und erblickte eine
Frau, die vor einem Heiligenbild kniete und betete. Nach kurzer Zeit stand sie
auf, um mit ihren schrecklich schmutzigen Füßen in einem Bottich mit Butter
herumzutrampeln. Nach kurzer Zeit des Arbeitens gab sie sich wieder dem Genuss
ihrer Andacht hin, ohne mich bemerkt zu haben.
Nach der abendlichen Kohlsuppe, die manchmal
umwerfend scheußlich schmeckte, konnten wir, wenn der Abendappell vorbei war,
noch ein wenig innerhalb des Stacheldrahtes spazieren gehen, wenn nicht gerade
eine Arbeit im Lager das bisschen freie Zeit für sich in Anspruch nahm.
Meistens war ich todmüde und froh, wenn ich schlafen konnte. Sobald es dunkel
wurde, zogen wir bei gutem Wetter mit unseren Strohsäcken vor die Barackentür,
um den ewig hungrigen Wanzenhorden zu entgehen, die drinnen schon auf ihre
Opfer warteten. Dann kam die schönste Stunde des sonst an Schönem so armen
Tages.
Der wunderbare Sternenhimmel, dessen Sterne so nahe
zu sein schienen und der eine solche Ruhe und einen so tiefen Frieden
ausstrahlte, dass ich mich bei seinem Anblick jedes Mal von neuem getröstet fühlte.
Zwei Jahre war ich nun schon von zu Hause fort, von allen Menschen und allen
Dingen, die mir etwas bedeuteten. Ich hatte noch nichts von meinen Eltern gehört,
nichts von Helga, die ich bei ihnen hoffte. Ich litt wahnsinnig unter diesem
Heimweh, stärker als unter all den Entbehrungen, die das Leben als Gefangener
so mit sich bringt. Trotzdem kam es mir nie in den Sinn, gegen dieses mein
Schicksal anzuhadern. Ich wusste, dass jedes Leid einen Sinn hat, haben muss,
und dass ich wohl als ein anderer Mensch aus dieser harten Schule entlassen
werden würde, falls ich am Leben bliebe.
Von ganzem Herzen war ich dankbar und froh, dass
Helga damals gefahren war, hätte sie mir doch durch ihr Bleiben ein Gefühl
der Schuld auferlegt. Ich war allein, hatte nur für mich einzustehen und
brauchte mich nicht um einen anderen zu sorgen. Sehr bibelfest bin ich nie
gewesen und auch Kirchenbesuche habe ich nie besonders geliebt, trotzdem fühlte
ich mich dem Herrn allen Lebens so stark verbunden und so sicher in seiner
Hut, dass mir niemals Zweifel an der Richtigkeit seiner Entscheidungen kamen
und dass ich wieder fühlte, er hilft dir schon weiter, auch wenn du meinst,
es gäbe keinen Weg. Ja, es war schön und tröstlich, in die Sterne zu
schauen.
Wenn es nachts zu regnen begann, mussten wir wieder
mit Sack und Pack in die Baracke ziehen zu den Wanzen, die ganz gewiss
hocherfreut waren,
Alle drei Monate war ärztliche Kommission, um die
Gefangenen in Arbeitsgruppen einzuteilen. Gruppe 1 waren die Schwerarbeiter,
die zwar eine bessere Verpflegung bekamen, aber dafür in der Nickelfabrik an
den Öfen sehr ungesunde und schwere Arbeit zu verrichten hatten, die sie
nicht lange aushielten. Gottlob war ich nie dabei. Beim „Viehmarkt“
mussten wir splitternackt antreten, um vor dem Arzt zu erscheinen. In dem dafür
bestimmten Raum war aber nicht nur der Arzt, sondern auch sämtliche
Offiziere, die gerade nichts zu tun hatten, und oft auch der Direktor der
Nickelfabrik, der dicke Herr Feinstein, der sich persönlich von dem
Gesundheitszustand seiner Arbeiter überzeugen wollte. Natürlich nur dem der
Frauen, für die Männer hatte er da weniger Interesse. Es war widerlich, und
ich wartete möglichst bis zum Schluss dieses Schauspiels, bis es ihnen allen
langweilig geworden war, nackte Frauen anzusehen. War Herr Feinstein guter
Laune, liebte er es, einen Klaps auf ein nicht zu mageres Hinterteil zu geben
oder auch dorthin zu kneifen. Ich hätte ihn am liebsten umgebracht, wenn er
so lüstern grinste, als wären wir alle vogelfrei für ihn. Machen konnte man
natürlich gar nichts, wo hätten wir uns wohl beklagen können?
Die Sommer sind heiß und trocken. Die heißen Winde
fegen den roten Staub der Fabrik kilometerweit über die Steppe. Er dringt
durch die Kleidung bis auf die Haut, in die Augen, in die Nase, zwischen die Zähne.
Wenn wir am Abend ins Lager kommen, sind Gesicht und Haare rotverschmutzt.
Nach dem Abendappell treffen sich die verschiedenen Pärchen,
die sich im Laufe der Zeit gefunden haben, zu einem kleinen Ausflug entlang
des Stacheldrahtes oder zum gemeinsamen Kochen.
Innerhalb des Lagers ist das Fundament einer Baracke,
die nie fertiggestellt wurde, und dort ist ein idealer Kochplatz. Überall
flackern kleine Feuerchen auf, überall ist geschäftige Tätigkeit. Es gibt
Brotsuppe mit Wasser gekocht, die ein stärkeres Gefühl der Sattigkeit
vermittelt als das trockene Stück Brot allein. Jedenfalls bilden wir uns das
ein. Manche kochen Melde, die als Spinatersatz fungiert und vitaminhaltig sein
soll. Es gibt Fleischsuppe aus Zieselmaus, die überall in der Steppe zu Hause
ist und in deren Löcher die Männer kochendes Wasser schütten, um die armen
Tierchen dann dort rauszufischen. Die Zieselmaus hat ein braungeflecktes Fell
und ist ungefähr so groß wie eine Ratte. Gekostet habe ich sie nie.
Irgendeinen Platz, um für sich allein zu sein, haben
die Pärchen im Lager nicht, höchstens wenn sie zusammen arbeiten. Um so
erstaunlicher ist es, dass ab und an eine Frau in andere Umstände kommt.
Anfangs wurde das zu erwartende Kind auf Befehl aus Moskau beseitigt, wie auch
bei den russischen Frauen Abtreibungen vom Staat durchaus gebilligt wurden. Später
wurde der Eingriff verboten, besonders bei uns im Lager, wo viele Frauen
versuchten, auf diese Weise die Heimfahrt zu erzwingen. Die zukünftigen
Eltern müssen, wenn die Schwangerschaft nicht mehr zu verheimlichen ist, beim
Kommissar ein strenges Verhör über sich ergehen lassen. Wo, wann, warum usw.
Zum Schluss eine Predigt über die Unmoral der deutschen Gefangenen! —
Das erste Kind, das geboren wird, ist ein wonniger
kleiner Bengel. Er heißt Karlchen, und wenn mal wieder eine Kommission ins
Lager kommt, ist Karlchen der erste, der vorgezeigt wird. Trotzdem ist es
furchtbar, in der Gefangenschaft ein Baby zu bekommen. Keine Windeln, keine
Milch, ganz selten mal ein wenig Zucker. Bis zum Schluss müssen die Frauen
arbeiten, und sehen in ihren alten Fetzen entsetzlich unförmig aus. Wenn die
Geburt beginnt, werden sie im Lastwagen ins Dorf gefahren, denn dort ist das
Krankenhaus. Der Weg dorthin muss für eine Frau in den Wehen schon allein
eine Tortur gewesen sein. Jeder, der russische Wege sowie russische Lastwagen
nebst Chauffeuren kennt, wird mir recht geben. Im Krankenhaus angekommen,
werden die Frauen den Hebammen und Ärzten übergeben, die grob und wenig
liebenswürdig sind. Betäubungsmittel sind nicht vorhanden.
Der Vorgänger unserer Ärztin war ein alter, gemütlicher
„Onkel Doktor“ gewesen. Leider soff er wie ein Loch und wurde deshalb oft
von den Offizieren ausgeschimpft, auch in unserer Gegenwart. Einmal hatten sie
ihn ausgesperrt, und er saß, als wir von der Arbeit zurückkamen, total
betrunken vorm Lagertor. Er hatte ein gutes Herz, und wenn es irgend möglich
war, schrieb er uns krank. Wegen einer geringfügigen Sache steckte er mich
ins Lazarett, zwinkerte mit den Augen und sagte: „Na, geh mal Mädchen,
schlaf dich aus, hast es nötig.“ Kein Wunder, dass wir trauerten, als er
fort musste.
Nie werde ich den Tag vergessen, an dem ich die erste
Post von zu Hause bekam. Es war im Herbst 1947, und wir kamen aus Meisk zurück,
als man mir, wir waren gerade am Lagertor angelangt, erzählte, dass Post für
mich da sei. Zum ersten Mal ein Lebenszeichen von meiner Familie, endlich die
Gewissheit, dass noch jemand lebte, dass ich doch nicht ganz allein auf der
Welt war! Niemand, der das nicht selbst erlebt hat, kann sich diese
unbeschreiblichen Gefühle der Freude und des Glückes vorstellen. Als ich die
Karte meiner Mutter in der Hand hielt, konnte ich vor lauter Tränen gar
nichts lesen, nur die Worte „Deine Mutti“ sah ich und war nicht fähig,
auch nur ein einziges Wort herauszubringen.
Später, als es dunkel war und es im Lager still
wurde, schlich ich mich hinaus, hinter die Baracke, bis zum Zaun, um für mich
sein zu können, um mit denen Zwiesprache zu halten, nach denen ich mich so
brennend sehnte. Es war schon herbstlich kühl, und es roch nach feuchter
Erde, als ich mich ins Gras legte, um meinen Trost in den Sternen zu finden.
Helga war auf Umwegen und nach Überwindung vieler
Schwierigkeiten bei meinen Eltern, die inzwischen in Hamburg eine neue Bleibe
gefunden hatten, angekommen. Sie hat einige Zeit darauf geheiratet, und ich
wurde Patin ihres Töchterchens Cornelia, das geboren wurde, als ich noch in
Russland war.
Für jeden von uns war es das größte Glück, Post
von zu Hause zu bekommen, und das Postausteilen war das aufregendste, schönste
oder traurigste Ereignis der Gefangenschaft. Meine gute Mutter schrieb
jahrelang täglich eine Karte an mich, und wenn auch nur ein Bruchteil davon
ankam, so gehörte ich doch zu den viel Beneideten und Glücklichen, die öfters
eine Karte bekamen.
Inzwischen hockte ich auf den Dächern der Meisker
Siedlungshäuschen und verputzte Schornsteine. Die Dächer bestanden aus
Wellblech, und meine Schuhe hatten eine dicke Holzsohle, aus einem Stück
verfertigt, die beim Gehen nicht nachgab. So rutschte ich auf den Dächern
herum, während ein kräftiger Herbstwind mich von allen Seiten packte und
herunterzublasen versuchte, Es war sehr mühsam, unter diesen Umständen das
Gleichgewicht zu halten, zumal ich dabei ja auch noch arbeiten sollte. Ich weiß
selbst nicht, wie ich das zustande gebracht habe. Jedenfalls bin ich nie
heruntergefallen. Als der Winter kam, waren alle Schornsteine verputzt.
Die Blätter an den Ufern des Ural färbten sich
gelb, die Baracken wurden für den Winter hergerichtet, und im Lager sprach
man von nichts anderem als von der Heimkehr, die bestimmt vor den Winterstürmen,
die dann Teile der Bahngleise unpassierbar machen würden, erfolgen müsste.
Tausend Gerüchte gingen von einer Baracke zur anderen, wir nannten sie
Latrinenparolen. Keiner wollte wahrhaben, dass uns noch ein grausiger Winter
bevorstand. Wie gut, dass wir damals nicht ahnten, dass es noch zwei Winter
werden würden, die wir durchzustehen hatten, und dass wir erst im Herbst 1949
Russland verlassen durften.
Während des Herbstes mussten wir oft übers Wochenende auf die Kolchose, um zu helfen, noch vor der großen Kälte die Kartoffeln aus der Erde zu bringen. Da war dann auch der Sonntag futsch, den wir so dringend zum Ausruhen und auch zum Instandhalten der wenigen Kleidungsstücke brauchten. Wenn wir am Sonnabend gegen Abend von der Arbeit zurückkamen und die Lastwagen vor dem Lagertor stehen sahen, hatten wir schon den Kanal voll, wie man so schön sagt. Noch in der Nacht ging’s los, ca. zwei Stunden lang bis zu den Kolchosen. Dort war ein Teil der Internierten schon seit Monaten zur Frühjahrsbestellung, zur Bewässerung und zur Ernte. Die Bewässerung war das wichtigste Problem hier in der Steppe. Die Felder waren von Bewässerungsgräben durchzogen, die das lebensspendende Nass an die Pflanzen heranführten. Das Wasser kam aus einem Stausee und wurde von einem Pumpwerk in die Gräben gepumpt. Die Gefangenen, meistens Frauen, mussten die Gräben machen, das Einlaufen des Wassers regulieren, pflanzen, Unkraut jäten und vieles mehr. Im Sommer brannte die Sonne erbarmungslos vom Himmel. Es gab auch hier keine schattenspendenden Bäume, und die Arbeit war nicht leicht. Wer nicht fähig war, seine Norm zu erfüllen, musste entweder nachts auf dem Felde bleiben, oder ihm wurde dasEssen gekürzt. Im großen und ganzen war das Essen hier besser als im Lager, denn es gab auf den Feldern Kohl, Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten und Paprikaschoten.
Wenn wir zur Zeit der Ernte nachts auf den Kolchosen
ankamen, war natürlich nichts für unsere Ankunft vorbereitet. Wir wurden mit
dem Befehl entlassen, uns irgendwo eine Stelle zu suchen, wo wir den Rest der
Nacht verbringen konnten. Das war ein Kunststück, denn draußen war es
saukalt und die Baracken ohnehin schon überfüllt.
Sonntag ging es früh hinaus zur Arbeit. Wir mussten
Kartoffeln nachlesen. Es war herbstlich kalt und feucht, und wir arbeiteten so
schnell wie möglich, um die Norm zu erfüllen und auch, um warm zu werden.
Dass bei dieser Normerfüllung, jeder hatte ein bestimmtes Stück des Feldes
von Kartoffeln zu säubern, viele Kartoffeln liegen blieben und dann erfroren,
ist sicher ganz natürlich. Die Leute auf den Kolchosen, auch die Russen,
hatten gar kein Interesse für ihre Arbeit, keine Verbundenheit mit der Erde,
die sie bearbeiteten. Es war das Land, das dem Staat gehörte, warum sollten
sie mehr tun als unbedingt notwendig? Die Russen auf den Kolchosen lebten auch
hier in kleinen Lehmhäusern, die von einem Stückchen Land umgeben waren, wo
sie für sich pflanzen und ernten konnten. Wenn sie besser gestellt waren,
besaßen sie eine Kuh und konnten sich den Luxus der Milch leisten. Am
Sonntagabend ging es wieder zurück ins Lager.
Meist mussten wir stundenlang warten, bis endlich die
Lastwagenchauffeure kamen, um uns abzuholen. Die hatten nämlich wenig Lust,
am Sonntag zu arbeiten, und so ließen sie sich Zeit. Das einzig Gute dieser
Kolchosenfahrt war, dass wir uns einmal richtig an rohem Gemüse satt essen
konnten. Spät in der Nacht kamen wir wieder im Lager an, die Taschen
vollgestopft mit Tomaten, Zwiebeln oder Paprikaschoten. Früh am nächsten
Morgen ging’s wieder hinaus nach Meisk.
Als der Winter begann, musste die Arbeit in Meisk
unterbrochen werden. Nur noch in den Häusern selbst konnte gearbeitet werden.
Und auch dort nur, wenn Wasser und Sand auf primitiven Koksöfchen vorher
angewärmt werden konnten. Doch das war oft vergeblich, und der ganze Verputz
fiel wieder von den Wänden, wenn es im Frühjahr anfing zu tauen.
Ein paar Häuser waren schon fertiggestellt worden,
und die Leute zogen sofort ein. An Möbeln hatten sie so gut wie nichts, wenn
es hochkam ein Bett für eine Familie. Doch an den Fenstern standen Töpfe mit
Pflanzen, und das sah immer so versöhnlich aus.
Als wir einmal von Meisk zurückkamen, war ich
vorausgelaufen zum heißen Wasser, das nun, in Dampfwolken gehüllt, seines
Weges zog, um irgend etwas auszuwaschen. Wir mussten gemeinsam am Lagertor
ankommen, und wer waschen wollte, musste sich beeilen, um rechtzeitig fertig
zu werden.
Als die Arbeit in Meisk aufhören musste, kamen wir
zu Ausbesserungsarbeiten in die Nickelfabrik. Zum ersten Mal musste ich ohne
Stefans Hilfe selbständiger Maurer sein! Das heißt, ich reparierte nicht nur
kaputte Stellen an der Wand oder in der Decke, sondern ich musste mir auch
selbst alles organisieren, was zu diesen Reparaturen gehörte, wie Gerüst,
Leiter, Eimer und vieles mehr. Da alle diese Dinge nur äußerst mangelhaft
vorhanden waren, klaute ich, wo ich sie irgend erwischen konnte.
Da ich von Natur aus nicht kleptomanisch veranlagt
bin, fiel mir das schwer, und ich sehnte mich nach Stefan, der das sonst immer
bestens organisiert hatte. Ebenso schwierig war es, ein Gerüst so zu
montieren, dass es nicht zusammenbrach, wenn man darauf stand, um Riesenlöcher
in der Decke fachgemäß zu schließen. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt,
zumal ich im Mittelpunkt des Interesses der Leute stand, die ihre
Arbeitsstelle in der Nähe hatten und sich über diese Abwechslung freuten.
Inzwischen war es wirklich Winter geworden; in den Fabrikhallen war es eiskalt
und zog wie verrückt. Ich fror ganz entsetzlich, und wenn ich mal unbemerkt
entwischen konnte, kroch ich hinter eine Maschine oder einen mir unbekannten
Riesenapparat, der Wärme ausstrahlte oder wenigstens Windschutz gewährte.
Stefan und die anderen Mitglieder unserer Meisker Arbeitsbrigade arbeiteten
auch meist in der Nähe, und wir trafen uns dann manchmal an diesen warmen Plätzchen.
Natürlich war es nicht gestattet, während der Arbeitszeit Wärmepausen zu
machen, und wenn ein Natschalnik in der Nähe war, kam das selbstverständlich
nicht in Frage. Gottlob konnten die Natschalniks nicht überall gleichzeitig
sein! Sehr beliebt waren bei uns auch die Stellen, an denen man heißes Wasser
durchleitete und wo man sich wunderbar die Hände wärmen konnte.
Wenn am Abend die Arbeit beendet war, ging’s zum
Fabriktor, wo immer ein paar Posten standen, die jeden untersuchten, das heißt,
nach geklauten Sachen abtasteten, der die Fabrik verließ. Dort gab es nämlich
so allerlei, was man als Sträfling außerordentlich gut gebrauchen konnte:
Kohlen und Koks, Nägel und Nickelstückchen, die als Kämme, Ringe oder Anhänger
verarbeitet wurden. Es gab große und kleine Stücke Stoff, die aus grobem
Baumwollfaden bestanden und zum Filtern von nickelhaltiger Flüssigkeit
gebraucht wurden.
Durch das Filtern waren sie meist hellgrün gefärbt
und sahen sehr hübsch aus. Aus diesen Stoffstückchen wurden die Fäden
herausgezogen, aneinandergeknotet und zu sämtlichen Kleidungsstücken
verarbeitet, das heißt verstrickt, die wir so dringend notwendig brauchten.
Sozusagen als Sonntagsgarderobe sämtlicher Männer und Frauen des Lagers. Ich
glaube, es gab keinen, der nicht irgendein Stück dieser geknoteten Baumwolle
am Leibe trug.
Ich besaß ein gestricktes Höschen, eine Bluse und
eine selbstgemachte Jacke. Für Stefan strickte ich Socken, wobei sogar die
Hacke anstandslos hinkam. Während meiner Schulzeit hatte meine Großmutter
sich immer dieses Teiles erbarmen müssen; nun musste ich allein damit fertig
werden und wurde es auch.
Die Stücke Stoff, sie sahen aus wie grob gewebtes
Leinen, mitzunehmen war natürlich streng verboten. Sie wurden unter der
Wattekleidung eng um den Leib gewickelt und befestigt. Selten wurde jemand
erwischt, hatten die Posten am Fabriktor doch gar nicht soviel Zeit, jeden
einzelnen genau zu prüfen, zumal auch die Russen kontrolliert wurden. Im
Lager florierte ein flotter Handel mit den Stoffstückchen, und wer nicht den
Mut zum Klauen und Durchmogeln hatte, konnte auch gegen einige Brotrationen in
den Besitz von Strickgarn kommen.
Wenn gegen Abend die Fabriksirene pfiff und ich möglichst
schon ein bisschen früher mein Arbeitszeug verpackt hatte, versuchte ich, in
irgendeiner Zeche ein Bad ohne Aufsicht zu erwischen, um zu duschen. Da wir
als Maurer keiner bestimmten Zeche angehörten, hatten wir kein Anrecht auf
Sauberkeit. Die Wärterinnen in den Duschräumen waren gräuliche alte Hexen,
die uns sofort hinauswarfen, wenn sie uns bemerkten. Es war die einzige Möglichkeit,
sich rasend schnell auszuziehen und unter die Dusche zu laufen. Splitternackt
konnten uns diese Weiber schlecht hinausjagen. Mein Gott, was bin ich da
geschimpft worden, und manche von ihnen wurden sogar handgreiflich, zumal sie
genau wussten, dass wir zu den „woina plenni“ gehörten, die kein Recht
hatten, sich irgendwo zu beklagen.
Vom Lager gingen wir alle 14 Tage zum Baden und
Entlausen, und zwar in der Nacht! Wir wurden dann geweckt und marschierten zur
„Banja“, die in der Stadt Orsk lag. Hatten wir Glück, kamen wir sofort
dran. Wenn nicht, mussten wir warten, bis das Bad frei war. Das Bad bestand
aus einem großen Raum zum An- und Ausziehen und einem noch größeren zum
Baden. Dort standen lange Holzbänke mit Metall- oder Holzschüsseln. An den Wänden
gab es Hähne mit kaltem und heißem Wasser. Jeder bekam ein winziges Stückchen
Schwimmseife, und dann konnte es losgehen. Der Baderaum war so voller Dampf,
dass man keine zwei Schritte weit sehen konnte. Der Boden war glitschig von
der vielen Feuchtigkeit, und man musste aufpassen, dass man nicht ausrutschte.
Während wir uns wuschen, waren unsere Kleider in der Entlausung, es gab nämlich
immer noch Läuse, die man sich stets von neuem holte, besonders wenn wir mit
den Russen zusammenarbeiteten.
Nach dem Baden wurden Freiwillige gesucht, die Sachen
aus der Entlausungskammer wieder herausholten. Niemand wollte gehen, denn es
war dort drinnen so unerträglich heiß, dass ich es mir in der Hölle kaum
schlimmer vorstellen könnte. Die eisernen Bügel, auf welche die Kleider
aufgehängt wurden, waren so heiß, dass man sie nur mit dicken
Wattehandschuhen anfassen konnte. Es blieb einem die Luft weg, und wer nicht
vollkommen gesund war, der brauchte in diese höllische Kammer nicht
hineinzugehen. Natürlich waren in diesem Moment alle leidend... Wenn die
Kleider glücklich wieder herauskamen, so heiß, dass man sie kaum anfassen
konnte, begann das große Schubsen, Drängeln und Suchen. Wattekleidung sieht
sich sehr ähnlich, und es gab liebe Mitgenossinnen, die bei diesen
Gelegenheiten versuchten, zu besseren Klamotten zu kommen. Da musste man
schwer aufpassen.
Nachdem alle angezogen waren, ging’s wieder zurück,
ungefähr eine Stunde, bis zum Lager. Im Winter schlug uns nach der Hitze des
Badens die Kälte wie mit Messern ins Gesicht, und wehe ein nasses Haar sah
irgendwo aus der Verpackung heraus. Es war in Sekundenschnelle so hart
gefroren, dass man es abbrechen konnte.
Mir war immer so merkwürdig ums Herz, wenn wir so in
der Nacht durch die Stille des schlafenden Ortes zogen. Da und dort brannte in
einem Fenster ein Licht, und ich musste denken, wer da wohl wohnt, was für
ein Mensch es ist und ob er vielleicht auch so einsam und traurig ist wie ich.
Im Sommer lagen die meisten Bewohner draußen vor ihren Häusern. Sie hatten
genauso unter den Wanzen zu leiden wie wir. Ganz friedlich schliefen sie,
ganze Familien beieinander, auf ihren Strohsäcken, und ich konnte mir nicht
vorstellen, dass sie zu jenen wilden Horden gehören könnten, die damals in
Danzig so grausam gewütet hatten.
Wenn in der Fabrik keine Ausbesserungsarbeiten waren
oder es an Zement und Kalk fehlte, wurden wir zu Straßenkommandos abgeteilt,
In Kippwagen fuhren wir, mit Schaufel und Pickel bewaffnet, zu den Riesenlöchern
der Straßen innerhalb des Fabrikgeländes, die wir zu füllen hatten. Oder
wir bekamen hölzerne Tragen, mit denen wir Steine schleppen mussten.
Es war saukalt, überall heulte der Wind, und die
grauen, trüben Tage schlichen nur langsam vorbei. Meine Füße, die mit
Zeitungspapier oder alten Lappen umwickelt, in den Filzstiefeln steckten,
waren ewig eiskalt, ebenso wie meine Hände, die in den riesigen
Segeltuchhandschuhen denkbar ungeschickt waren, Hier gab es kein Aufwärmen
hinter dicken Maschinen, keine windgeschützten Ecken. Unser Natschalnik hier
war ein Ekel, das immer gerade dann auftauchte, wenn man es am wenigsten
erwartete. Dabei stand schon immer einer Schmiere, damit jeder sich einmal
ausruhen konnte. Da war ich dann froh, wenn es wieder zurück zur Fabrik ging,
wo ich doch etwas mehr Schutz fand vor Kälte und Wind.
Weihnachten 1947, es ist mir unvergesslich, hockte
ich allein auf meinem mühsam erbauten Gerüst und verschmierte aufgeplatzte
Ritzen und abgestoßene Ecken. Ich sang leise Weihnachtslieder vor mich hin,
heulte zwischendurch ein bisschen und hatte ganz entsetzliche Sehnsucht nach
zu Hause, nach den unvergesslich schönen Weihnachtsfeiern in unserem großen
Familienkreis. Ich dachte an die herrliche große Blautanne, die wir mit Mutti
zusammen auf dem großen Platz nahe unseres Hauses kauften. Ich ging so gern
dorthin, denn es duftete da so gut nach den vielen Tannen, die zum Verkauf
standen. Die Wochen vor Weihnachten waren immer voller Spannung, voller
Geheimnisse, und ich glaube, es gibt nichts Schöneres als diese Adventszeit
in einem harmonischen, großen Familienkreis, so wie das bei uns der Fall war.
Wie gern hätte ich jetzt ein kleines Stückchen
Pfefferkuchen gegessen, von dem wir damals so viel hatten, dass ich manchmal
in meiner Nachttischschublade fast bis zu Ostern kleine, steinharte Stückchen
liegen hatte. Nun hockte ich frierend im tiefsten Russland, mich an die
Hoffnung klammernd, dass es doch noch einmal ein Wiedersehen geben würde, ein
Wiedersehen mit all den Menschen und den Dingen, die das Leben lebenswert
machen.