Micaela Helemann, geb. Loewens

  Meine Jahre im Osten

  März 1945 - Oktober 1949

(gekürzte Fassung)  

 

 

 

 

 

 

 

 


Als ich am 28. März 1945 um die Mittagszeit einen letzten Blick auf unser schönes Haus warf, das für mich den Inbegriff von Geborgenheit und Harmonie bedeutete und noch bedeutet, ahnte ich gottlob nicht, dass das Kapitel meiner glücklichen Jugend nun endgültig abgeschlossen war.

Auf der Treppe vor der großen Haustür stand meine Großmutter, die das Entsetzliche unserer Situation gar nicht begriffen hatte, und rief: „Komm sofort zurück, wo willst du denn hin?“

Der russische Posten und der rothaarige Kommissar, die uns, meinen Vater mit vieren seiner Töchter, begleiteten, hatten uns nach einigen kurzen Verhören versichert, wir müssten für zwei Stunden von zu Hause fort, um unsere Papiere in Ordnung zu bringen. Wir kannten die russischen Versprechungen nicht, und darum glaubten wir ihnen. Nicht einmal ein Stück Brot durften wir einstecken. So, wie wir gingen und standen, verließen wir das Haus, das wie durch ein Wunder von Bomben und Artilleriebeschuss fast völlig verschont geblieben war. Meine Mutter mit den beiden jüngsten Kindern blieb allein zurück.

  Die letzten Wochen in Danzig waren furchtbar gewesen. Die Bombenangriffe zwangen uns, im Keller zu hausen, zusammen mit mehreren Flüchtlingsfamilien aus Ostpreußen, die bei uns Unterschlupf gefunden hatten. So gut es ging, hatten wir uns in einem Raum häuslich eingerichtet. Etwas beengt, denn wir waren acht Personen, aber doch voller Hoffnung, dass dieser Zustand bald ein Ende haben würde. Solange es noch Strom gab, hörten wir die ausländischen Sender, die berichteten, wie es um Danzig wirklich stand. Die deutschen Sender erzählten das Märchen von den siegreichen Rückzugsgefechten und wiederholten ständig die Phrase vom Ausharren und Verteidigen bis zum letzten Mann, während die Phrasendrescher selbst ihre Koffer längst gepackt hatten, wenn sie nicht schon endgültig entschwunden waren.

  Später fiel auch der Strom aus, aber da brauchten wir die Nachrichten auch nicht mehr, besagte doch der unaufhörliche Artilleriebeschuss, wo die Russen sich befanden. Schlimmer wurde es, als es auch kein Wasser mehr gab. Es war lebensgefährlich, Wasser zu holen. Die russischen Flieger flogen dicht über den Häusern hin und nahmen einzelne Personen aufs Korn. Die Geschosse schlugen auf das Kopfsteinpflaster mit dem Geräusch von Ping-Pong-Bällen, und wir bewegten uns, nur von Haustür zu Haustür springend, vorwärts, Das war mit vollen Wassereimern kein ganz einfaches Unterfangen. Gas gab es auch nicht mehr, und wir kochten provisorisch mit Holz und Kohlen.

In den Straßen liefen Pferde herum, um die sich niemand kümmerte. Wenn sie tot waren, lagen sie mit aufgequollenen Bäuchen, alle Viere anklagend zum Himmel gestreckt, auf dem Rücken. Trotz alledem hatten wir unseren Galgenhumor nicht verloren und hofften, dass alles doch noch ein gutes Ende nehmen werde.

 

Mein Vater war Kaufmann und besaß drei Textilgeschäfte in Danzig. Nachdem wir im Radio gehört hatten, dass Danzigs Lage aussichtslos sei, beschlossen wir als echte Töchter Evas, uns noch etwas recht Hübsches zum Anziehen zu holen, nun natürlich ohne Bezugsschein.

Ich besinne mich noch an eine blaue, seidene Bluse mit kleinen, weißen Kirschen darauf, die mir ganz besonders gefiel und die ich voller Freude nach Hause brachte, um sie auch nicht ein einziges Mal anziehen zu können.

Die schönen Linden vor unserem Haus wurden abgeschlagen und zu Panzersperren verarbeitet. Ich musste weinen, als ich das sah, denn gerade diese Linden, die im Sommer so herrlich dufteten und von Bienen umsummt waren, liebte ich so sehr. Wenn ich geahnt hätte, um was ich noch alles würde weinen müssen, hätte ich mir wohl meine Tränen gespart. Die Panzersperren wurden später von den russischen Panzern wie Streichhölzer zerknackt.

  Durch die nächtlichen Bombenangriffe brannte die Stadt an allen Ecken und Enden. Der rote Schein war so hell, dass man hätte Zeitung lesen können. Wenn in der Nähe unseres Hauses eine Bombe herunterging, zerbarsten die Fensterscheiben und man hatte das Gefühl, als ob das Haus schwanke. Der Luftdruck blies die Kerzen aus und wir hockten alle dicht beieinander, weil wir, wenn, dann gemeinsam sterben wollten.

Ich war Luftschutzwart, denn ich hatte einen Luftschutzkursus absolviert. Ab und an ging ich nach oben, um zu sehen, ob alles in Ordnung sei. Ehrlich gesagt, tat ich das nur aus Neugier. Meine Mutter schwebte in Todesängsten, wenn ich aus dem Keller entschwand, um das Geschehene von oben aus zu beobachten. Wenn wirklich eine Bombe gefallen wäre, hätte ich außer Hilferufen nichts Bemerkenswertes von mir geben können.

Am Tage der unentwegte Beschuss der russischen Artillerie, nachts die Bombenangriffe, wir waren langsam mürbe geworden und irgendwie erleichtert, als in der Nacht zum 28. März brüllende Lautsprecher in deutscher Sprache verkündeten, dass die Russen in Danzig seien.

Nun war die unabwendbare Entscheidung gefallen, und das Schicksal nahm seinen Lauf. Die Tage vorher hatten die Russen rosafarbene Flugblätter fallen gelassen, die Überschrift trugen "Eintrittskarte ins Paradies". Was für ein Paradies das war, sollten wir bald erfahren.

Es war auf einmal ganz still geworden. Eine wirkliche Totenstille an diesem warmen Vorfrühlingstag im März, den ich in meinem ganzen Leben nie vergessen werde. Innerhalb von Stunden war die Stadt überschwemmt von den gedrungenen, graubraunen Gestalten, die jeder Selbstverständlichkeit unserer Zivilisation so hilflos gegenüber standen wie ein Baby einem Radioapparat. Sie drehten an den Lichtschaltern mit einer Vorsicht, als ob sie mit Dynamit geladen seien. Meine kleine Reiseschreibmaschine wurde auf alle Fälle erst einmal zertrampelt. Meine Mutter sollte die in die Holzverkleidung der Wände eingearbeiteten Wandschränke, von denen man nur das Schlüsselloch sah, sofort aufmachen. Als ihr das, ihre Hände zitterten, nicht gleich gelang, wurde das schöne Holz mit dem Gewehrkolben zerschlagen. Dass das Rosenthal-Porzellan, das in den Schränken stand, gleich mit kaputt ging, spielte keine Rolle.

Als erstes waren natürlich die Uhren fort. Wir durften das Haus, das am Stadtrand lag, nach kurzer Zeit nicht mehr verlassen. Ein Posten mit geschultertem Gewehr stand davor und ließ niemand heraus. Ein Kommissar war aufgetaucht und begann sofort mit den Verhören. Die Grundfrage war die, ob wir Parteigenossen und Kapitalistenschweine seien oder nicht Dass wir zu letzteren gehörten, war nicht zu übersehen, dass wir ersteres nicht waren, ließ sich nicht beweisen.

  Währenddessen hatten es sich die Soldaten gemütlich gemacht. Einer saß auf der Treppe, zwischen seinen gespreizten Beinen einen Tontopf mit Marmelade, aus dem er mit beiden Händen aß. Ein anderer hatte eine Flasche Kölnisch Wasser erwischt und begoss damit jeden, der an ihm vorbeikam. Die russischen „Damen“ besichtigten unsere Garderobe, das heißt,' sie rissen alles aus den Schränken und warfen es auf die Erde. Ekelhaft sahen diese Flintenweiber aus.

In der Küche ging es hoch her. Muttis mühsam gesparte Vorräte wurden dort in großen Töpfen verarbeitet. Wir bekamen natürlich nichts. Vor Aufregung hätten wir auch nichts essen können. Kurze Zeit darauf fuhren Lastwagen vor und luden alles Transportable auf, in Tischtücher gewickelt.

Als wir das Haus verließen, die Sonne schien an diesem Tag warm vom Himmel, erhielten wir nicht einmal die Erlaubnis, uns zu verabschieden. Erst später bemerkte meine Mutter, dass wir fort waren. Wir gingen, der Posten mit schussbereitem Gewehr hinter uns, über die Eisenbahnbrücke von Petershagen in Richtung Ohra.

Überall lagen tote Menschen und tote Tiere. Ab und zu pfiff etwas durch die Luft, ich glaube, es waren Artilleriegeschosse. Die Russen warfen sich hin.

Uns drang die Ahnung einer Gefahr gar nicht ins Bewusstsein. Wir hatten von einem Augenblick zum anderen schon zu viel verloren, da war die Angst einfach nicht mehr da. Unser trübseliger Zug vergrößerte sich langsam, andere Menschen und andere Posten kamen dazu. Die Russen, die überall herumliefen, suchten nach Uhren und nach Stiefeln und wollten Mädchen aus unseren Reihen herauszerren.

Wie staunte ich da über unseren hässlichen, rothaarigen Kommissar, den ich bei uns im Haus beobachtet hatte, wie er sich vor einem großen Spiegel hin und her drehte, Gesichter schnitt und von seinem eigenen Anblick anscheinend ganz entzückt war. Er bewachte uns fürsorglich, Wahrscheinlich musste er eine bestimmte Anzahl Menschen abliefern und jagte alle Soldaten fort, die sich an uns heranmachen wollten.

  Wie lange wir marschiert sind, weiß ich nicht mehr. Wir hatten seit dem vorigen Abend nichts mehr gegessen und fühlten uns schwach in den Beinen. Es ging an einer Kirche vorbei, in der die Russen auf einem Altar saßen und aßen.

Mein Vater ging am Ende des Zuges, und so oft es ging, liefen wir Schwestern nach hinten, um ihn zu sehen, Am Abend kamen wir in ein Haus, das von seinen Bewohnern verlassen war.

Zerschlagene Möbel, zerbrochene Fensterscheiben, Wäsche im Schmutz: Überall das gleiche Bild der Zerstörung. Zuerst mussten wir uns im Kreis aufstellen und die Arme hochheben. Ich war fest überzeugt, dass sie uns jetzt zusammenschießen würden. Aber die durchsuchten nur noch einmal alle Taschen. Was sie zu finden hofften, weiß ich nicht. Später hockten wir dichtgedrängt beieinander in einem kleinen Raum. Liegen konnte man nicht, so gern wir es getan hätten.

Man hatte Männer und Frauen getrennt. Mein Vater mogelte sich, mit einem Tuch um den Kopf als Frau verkleidet, bei uns ein. Als es Nacht war, fingen wieder die Verhöre an. Ab und an tauchte ein Russe mit einer Taschenlampe in der Hand bei uns auf, um sich Frauen und Mädchen zu holen, deren furchtbares Geschrei man dann aus den Nebenräumen hören konnte. Ich wagte während der Nacht nicht einmal mit dem Kopf unter einem Tuch hervorzukommen und hatte nur Sorge, dass ich mich durch das Zittern meines ganzen Körpers doch noch verraten könnte.

  Die Füße waren wundgescheuert, und als es am nächsten Tag weiterging, war das Gehen eine Qual. Mit der Zeit gewöhnten wir uns an das Marschieren sowie an viele andere Dinge. Zuerst konnte ich es nicht über mich bringen, mich irgendwo hinzusetzen, wenn es eine Marschpause gab. Später ließ ich mich fallen, wo Halt gemacht wurde, ob es auf dem bloßen Fußboden oder im Dreck war. Wir hatten weder Kamm noch Zahnbürste, keine Seife und ohnehin keine Gelegenheit, uns zu waschen. Meinem Vater wuchs der Bart, und er sah nach kurzer Zeit wie ein Räuber aus. So ging es weiter.

Oft regnete es, wir froren und hungerten. Am schlimmsten war der Durst, die Sorge um die Mutter, die zu Hause geblieben war, und die Angst, nachts auch einmal von diesen unmenschlichen Kreaturen herausgezerrt zu werden. Wie durch ein Wunder ist mir dieser schrecklichste der Schrecken während der vier einhalb Jahre meiner Gefangenschaft erspart geblieben.

  Nach ein paar Tagen wurden wir von zwei meiner Schwestern getrennt. Wir drei, mein Vater, Helga und ich, kamen, vielmehr marschierten wir, nach Matzkau, einem früheren SS-Straflager. Wer unterwegs nicht mitkam, wurde, wenn er nach einigen Kolbenschlägen nicht aufstand, erschossen. Manchmal bekamen wir von Leidensgenossen ein Stückchen Brot geschenkt. Unseren Durst stillten wir an Pfützen auf der Straße. Sobald die Posten es sahen, kamen sie gelaufen, um uns daran zu hindern. Sie fürchteten wohl, es könnte eine Seuche ausbrechen. Aber zu trinken gaben sie uns nichts. Sie hatten wahrscheinlich selber nichts. So tranken wir weiter aus Pfützen, sobald die Posten den Rücken gekehrt hatten. Erstaunlicherweise wurden wir nicht krank. Es war Anfang April und noch nass und kalt. Wir schliefen in durchnässten Kleidern und Schuhen, die wir nirgends trocknen konnten. Wir kamen wochenlang nicht aus den gleichen Sachen, übernachteten auf der bloßen Erde, oft im Freien, und blieben trotzdem gesund.

  Mit uns marschierte die Frau eines Danziger Fabrikanten. Blond gefärbt und sehr gepflegt, holte sie bei jeder Rast ihr Toilettenköfferchen hervor, das ihr Mann für sie trug. Später warf er es trotz heftigen Protestes fort, weil er einfach zu schwach zum Tragen war. Sie hatte drei Pelzmäntel bei sich und einen Foxterrier, den sie mit ihren Essvorräten fütterte, während sich bei uns beim Zusehen vor Hunger der Magen zusammenzog.

In Matzkau war schon ein ganzer Haufen von Elendsgestalten, wie wir es waren, versammelt. In dem Raum, in den wir gesteckt wurden, war so viel Platz vorhanden, dass wir uns hinlegen konnten, und das fanden wir beinahe komfortabel. Um das Lager war ein Zaun mit elektrisch geladenen Drähten, der zwar an einigen Stellen kaputt war, dort aber von russischen Posten bewacht wurde.

Trotzdem ist es meinem Vater später gelungen, von dort auszurücken, einige Tage nachdem man Helga und mich nach Graudenz abtransportiert hatte. Für uns war ein Ausrücken sinnlos, denn die ganze Gegend wimmelte von russischen Soldaten. Hier im Lager hatten wir doch einen gewissen Schutz, denn wenn nachts das berüchtigte „Frau komm mit“ ertönte, schrieen wir so fürchterlich um Hilfe, dass die Russen es vorzogen, wieder zu verschwinden. Anscheinend war das Vergewaltigen hier offiziell untersagt. Was inoffiziell geschah, das steht auf einem anderen Blatt.

  Jeden Tag gab es einen Teller Suppe, die in der großen Lagerküche außerhalb der Baracken gekocht wurde. Nachts wurde immer ein Trupp Mädchen zum Kartoffelschälen geholt. Einmal war ich auch dran. Wir gingen im Stockfinsteren durch das Gelände zur Küche. Plötzlich ein furchtbares Schreien, und ein paar Unglückliche wurden zur Seite gezogen. Das war inoffiziell. Die halbzerschossene Küche war eiskalt, der Steinfußboden mit einer dicken Schicht Schmutz bedeckt.

Wir bekamen Messer in die klammen Hände gedrückt, und ich schälte, bis ich Blasen an den Fingern hatte. Der Koch, ein Pole, vermittelte für Zigaretten Mädchen an die russischen Offiziere. Der Handel wurde ganz offen vor unseren Augen ausgetragen. Er bekam die Zigaretten in die Hand gedrückt und suchte ohne Zögern seine Opfer aus, die er zur Tür zerrte und in die Nacht hinausstieß, wo sie von den Russen in Empfang genommen wurden. Die sanitären Verhältnisse waren grauenvoll. Ein paar Gruben, darüber Bretter, stellten die Klos dar. Nach allen Seiten freie Sicht, Frauen und Männer durcheinander. Niemand konnte es sich leisten, schamhaft zu sein. Viele hungerten, viele hatten Durchfall. Die Zuckerkranken starben am Fehlen von Insulin. Man war so gleichgültig geworden dem Tod gegenüber. Wenigstens gab es Wasser, um sich zu waschen.

Jeden Morgen trafen wir uns mit meinem Vater an dem kaputten Brunnen, aus dem wir uns das Wasser in Blechbüchsen herausholten.

Dann wurde Helga krank. Sie bekam furchtbaren Durchfall, und ich brachte sie in das eben eingerichtete Lazarett, das aus ein paar Betten und aus einem russischen Arzt bestand. Dieser kümmerte sich auf mein Flehen hin um meine Schwester. Ihr Herz war sehr schwach, und ich hatte große Angst, dass sie sterben könnte.

  Nachdem wir ungefähr 14 Tage in Matzkau verbracht hatten, fuhren eines Morgens in aller Frühe Lastwagen vor. Wir wurden aus den Baracken geholt und mussten uns zum Abtransport aufstellen. Helga lag noch im Lazarett. Ich durfte nicht fort, um ihr und meinem Vater Bescheid zu sagen. Plötzlich tauchte sie auf, so schwach, dass sie kaum gehen konnte, aber fest entschlossen, mit mir zusammenzubleiben. Später erzählte sie mir, eine innere Stimme hätte ihr gesagt, sie müsse sofort aufstehen und zu mir gehen, und das hat sie dann auch getan. Heimlich natürlich, denn vermutlich hätte der Arzt sie nicht fortgelassen. Nachdem wir abgefahren waren, ist es meinem Vater ähnlich gegangen. Vielleicht war es sein Schutzengel, der ihm sagte, dass er unbedingt das Lager verlassen müsse, und zwar an einem ganz bestimmten Abend. Wie durch ein Wunder entkam: er aus dem streng bewachten Lager. Später erfuhr er, dass am nächsten Tag alle Leute aus seiner Baracke nach Russland gebracht worden waren.

Es gelang ihm, sich zu meiner Mutter nach Danzig durchzuschlagen. Die Jahre einer russischen Gefangenschaft hätte er nicht lebend überstanden. Als ich ihn das letzte Mal sah, war er nur noch ein Schatten seiner selbst.

  Wir saßen zusammengedrängt in mehreren Lastwagen. Keiner wusste, wohin es ging. An einen Abtransport nach Russland dachte niemand. Bevor wir in Graudenz, im Gefängnis, unserer letzten Sammelstelle vor der Abfahrt nach Russland, landeten, übernachteten wir noch einmal in einem großen, zerschossenen Haus. Wir schliefen wie üblich auf dem Fußboden. Es war eiskalt und durch die zerschlagenen Fensterscheiben blies ein schneidend kalter Wind. Ich kringelte mich vollkommen zusammen, um möglichst viel Wärme zu erhalten. Irgend etwas wurde über den Kopf gezogen, vielleicht um ein Gefühl der Geborgenheit zu erzeugen. Die Posten und eine Dolmetscherin hatten es sich auf einem großen Tisch, dem einzigen Möbelstück dieses Raumes, bequem gemacht. Sie hatten ein Federbett organisiert und aßen Sauerkraut. Ich beneidete sie nur um das Federbett, denn für mich ist frieren schlimmer als hungern. In der Nacht ließ uns einer der Posten keine Ruhe, er hatte bei einem Mädchen ein Paar Stiefel gesehen, die er unbedingt haben wollte. Er lief von einem zum anderen und riss alle Sachen, mit denen wir uns bedeckt hatten, hoch, weil er die Stiefel darunter zu finden meinte. Dabei fluchte er grauenvoll.

Mit dem Mädchen, es war vielmehr eine junge Frau, war ich auch in Russland noch öfter zusammen. Sie trug die Stiefel ihres Mannes. In Russland lagen wir beide mit Flecktyphus im Lazarett. Sie musste - oder durfte - sterben, während ich noch harte Jahre durchzustehen hatte. Nach meiner Heimkehr wurde ich die Frau des Mannes, dessen Stiefel sie in jener Nacht so erfolgreich versteckt hatte.

  In Graudenz blieben wir etwa drei Wochen. Wir lagen auf Pritschen, ohne Matratzen, aber immerhin nicht auf dem Fußboden. Einmal am Tage wurden wir auf den Hof geführt. Wir mussten die Hände auf dem Rücken halten und wurden bewacht wie Sträflinge oder Zuchthäusler. Die Kranken, die meistens Ruhr oder Typhus hatten, lagen im Vorhof des Gefängnisses auf den blanken Pflastersteinen. Sie waren zu schwach, um aufzustehen, und jammerten nach Wasser. Doch niemand kümmerte sich um sie. Die einzige Betreuung, die ihnen zuteil wurde, bestand darin, dass ihnen die Köpfe kahlgeschoren wurden.

Im Gefängnishof gab es mittags einen Teller mit Wassersuppe, in der ein paar Graupen schwammen, und ein Stückchen Schwarzbrot. Nach dem Essen führte uns ein Posten mit dem Gewehr im Anschlag zu einem Graben, damit wir unsere Bedürfnisse verrichten konnten. Zuerst konnte ich nicht, später, es blieb uns ja nichts anderes übrig, gewöhnten wir uns auch daran. In dem Raum, in dem wir untergebracht waren, gab es einen Eimer, der entsetzlich stank, der für die Durchfallkranken aber unentbehrlich war.

  In Graudenz bekam ich meine ersten Kleiderläuse. Ich hatte eine rote Strickjacke an, auf der ich ein paar Pünktchen entdeckte, die ich für Schmutz hielt und vergeblich abzuklopfen versuchte. Man klärte mich dann auf, dass dies die Eier der Kleiderläuse seien. Ich hatte noch nie in meinem Leben eine Laus gesehen. Diese Wissenslücke wurde von nun an gründlich beseitigt. Wir hockten täglich mehrere Stunden auf den Pritschen, um uns gegenseitig die Kopfläuse abzusuchen. Mit den Kleiderläusen beschäftigte sich jeder selbst. Sie bissen ganz schauderhaft und vermehrten sich so unheimlich schnell, dass es uns nie gelang, sie ganz zu tilgen.

  Trotz all des Furchtbaren hatte ich nie das Gefühl, zufällig einem schrecklichen Schicksal preisgegeben zu sein. Mein unbedingtes Vertrauen zu Gott war durch nichts zu erschüttern. Den Hunger merkte ich kaum noch. Der Magen hatte sich irgendwie darauf eingestellt, und wenn es möglich war, drückte ich mich vor den mittäglichen Ausgängen in den Hof. Ein Posten ging dann durch die Räume, um auch die Zurückgebliebenen auf den Hof zu treiben. Ich versteckte mich unter allerlei Kleidungsstücken auf der Pritsche und wurde nie entdeckt. Nur etwas wacklig auf den Beinen wurde ich mit der Zeit.

Ebenso plötzlich wie unsere Abfahrt aus Matzkau, die Russen machen alles plötzlich und möglichst in der Nacht, vielleicht ist das eine Taktik von ihnen, ging es fort von Graudenz zu einem schwer bewaffneten Güterzug. Gottlob kam ich mit Helga zusammen in einen Waggon. In Graudenz waren wir getrennt gewesen. Wir wurden in einen Viehwaggon verfrachtet, in dem in halber Höhe Bretter als Schlafstellen angebracht waren. In der Mitte war ein kleiner freier Raum, in dem ein Öfchen stand. Geheizt wurde aber nie. Wir waren vielleicht vierzig Mädchen und Frauen in diesem Waggon. Es war natürlich furchtbar eng, aber die Posten meinten, wenn unterwegs welche stürben, hätten wir mehr Platz, womit sie vollkommen recht hatten. Nun begann die schrecklichste Fahrt meines Lebens.

Ich litt sehr unter der Kälte. Durch alle Ritzen des Waggons pfiff der Wind, und wir besaßen weder Tücher noch Decken, um uns zu wärmen. Unser WC bestand aus einer Blechrinne, die nach draußen führte. Dort herrschte ein fürchterlicher Gestank, so dass niemand in der Nähe schlafen wollte. Weil aber der Platz so eng war, musste immer einer abwechselnd daran glauben. Später legten wir ein Mädchen dorthin, das während der Fahrt den Verstand verloren hatte und gar nicht merkte, wo es sich eigentlich befand. Das klingt grausam, war aber in unserer Situation das Gegebene.

  Helga und ich besaßen zusammen ein Paar schöne rote Fausthandschuhe mit Norwegermuster, die wir nachts als Matratze benutzten, jeder einen. Wir bildeten uns wirklich ein, damit wärmer zu liegen. Zuerst hatten wir auf dem Boden des Waggons unseren Platz. Mit einer alten Nagelfeile, die ich gefunden hatte, vergrößerte ich eine der Ritzen in der Seitenwand, um hinaussehen zu können. Das tat ich stundenlang, denn wir hatten ja den ganzen Tag Zeit. Einmal am Tage wurden eine Suppe gegeben und ein paar Stückchen Knäckebrot; es war aus Wehrmachtsbeständen. Schrecklich war der Durst. Wanda, eine dicke Deutschpolin, die mit dem Posten gut befreundet war, erbettelte manchmal einen Topf mit Wasser aus der Lokomotive, das zwar warm und ölig schmeckte, aber von allen, die etwas davon erreichen konnten, gierig getrunken wurde. Wenn der Zug hielt, bekamen wir von Kindern, die uns neugierig anstarrten, Schnee durch die Türritze hereingeschoben, den wir im Munde zergehen ließen. Jeden Morgen steckte ein Posten den Kopf zu uns herein und fragte:

„Frau kapuut?“ Das war unsere ärztliche Betreuung. Gegebenenfalls wurde die Leiche herausgeholt und auf den Bahndamm geworfen.

  Die Frau des Danziger Fabrikanten war auch bei uns im Waggon. Wo ihr Mann abgeblieben war, wusste sie nicht. Auch der Terrier war verschwunden, nur ihre drei Pelzmäntel hatte sie noch. Wer sie am Tage bediente, das heißt dafür sorgte, dass sie zu essen und zu trinken hatte, durfte sich nachts mit einem der Mäntel zudecken. Helga und ich haben es auch einmal getan, und wir schliefen wunderbar warm unter dem Mantel. Einmal erlaubte mir Wanda auch, bei ihr zu schlafen. Sie hatte allerlei warme Sachen, um sich nachts eine Art Bett zu bereiten. Man kann sich kaum vorstellen, mit welcher Begeisterung ich in Wandas dicke Arme schlüpfte, um dort warm und weich zu schlafen, obwohl die Gute uns alle an Schmutz noch bei weitem übertraf. Von ihrem Posten bekam sie des öfteren ein bisschen Zucker, den er ihr wohlaufgehoben in seiner Militärmütze überreichte. An dem Morgen bekam ich auch ein Häppchen von Wandas Vorräten.

  Die Posten waren sehr verschieden zu uns, manche gehässig, andere freundlicher, wenige sogar wirklich menschlich. Derjenige, der sich allmorgendlich mit dem Spruch „Frau kapuut?“ bei uns einstellte, war ekelhaft. Manchmal baten wir ihn, er möge doch die Waggontür ein wenig offen lassen, damit wir etwas frische Luft bekämen. Als Antwort schob er die Türe mit voller Kraft wieder zu, dass es knallte. Einmal hatte er nicht schnell genug seine Hand fortgezogen und klemmte sich einen Finger ein. Da haben wir uns mächtig gefreut.

  Aus allen Schichten der Bevölkerung, meist von der Straße fort, hatten die Russen Leute requiriert. Oft waren Frauen mitgezerrt worden, die ihre kleinen Kinder wildfremden Menschen überlassen mussten. Viele Mütter waren freiwillig mit ihren Töchtern mitgegangen, um sich nicht von ihnen trennen zu müssen. Später sind dann meistens die jungen Mädchen gestorben und die Mütter blieben allein ihrem Schicksal überlassen,

  Gisela, die Tochter des Zopotter Kurhausdirektors, hatte ihre sterbende Mutter in Graudenz zurücklassen müssen. Sie hatte langes, schwarzes, lockiges Haar und sah aus wie Schneewittchen. Ich musste sie immer ansehen. In einem Rucksack hatte sie noch allerlei Essbares bei sich und war erheblich besser bei Kräften als Helga und ich. Aber sie wollte nicht leben. Anfangs jammerte sie immer nur leise vor sich hin, später fing sie an zu schreien und trommelte mit den Fäusten gegen die Waggonwände. Sie schrie: „Ich will sterben, lasst mich zu meiner Mutter!“. Es war furchtbar anzusehen, zumal wir keine Möglichkeit hatten, ihr zu helfen.

Zu Ende der Fahrt hin, ich glaube wir fuhren drei Wochen, wurde Gisela krank. Ich weiß bis heute nicht, was für eine merkwürdige Krankheit sie hatte. Sie erbrach unentwegt Schleim, und da wir keine Gefäße hatten, spuckte sie in ihre sämtlichen Kleidungsstücke, die nach und nach den ganzen Rucksack füllten. Kurz nach Ankunft in Kasachstan im Mai ging Giselas ·Wunsch in Erfüllung, und sie konnte zu ihrer Mutter, die wohl schon längst von ihren Leiden erlöst war. Ich hockte fast immer an meiner Waggonritze und ließ die endlos weite, trostlose Landschaft an mir vorüberziehen.

Je weiter wir nach Osten kamen, um so trostloser sah es aus. Oft lag noch Schnee, und überall sah man die Verwüstung des Krieges. Dass es nach Russland ging, war jetzt selbst den größten Optimisten klargeworden.

Von dem ständigen Hocken und Sitzen in der frischen Luft, hin- und hergehen durften wir während der ganzen Fahrt nur ein einziges Mal, waren die Beine ganz steif geworden. Manchmal hielten wir an kleinen Bahnhöfen, aber immer nur nachts.

In einer Nacht hieß es plötzlich, wir hätten Moskau erreicht. Sehen konnte ich bis auf einen von ein paar Glühbirnen schwach erleuchteten Güterbahnhof nichts. Die Posten rissen die Türen auf und schrieen: „Alles aussteigen“, mit dem üblichen „Dawei, Dawei“ und „Bistra, Bistra“. Wir waren erschrocken, wusste man bei der Unberechenbarkeit der Russen doch nie, was einem blühte. Dann stellte sich heraus, dass wir zum Baden und Entlausen gehen sollten.

Nötig war es bestimmt, denn während der ganzen Zeit in Graudenz und auch während der Fahrt hatten wir uns nicht ein einziges Mal waschen können. Das Wasser reichte nicht einmal aus zum Trinken. Die Badeanstalt war grau, groß und kalt. Jede von uns bekam ein winziges Stückchen Seife in die Hand gedrückt, das mehr Sand als Seife enthielt, denn es schäumte überhaupt nicht. Wir mussten uns ausziehen und die Kleider zum Entlausen abgeben. Nun standen wir frierend in dem kalten Baderaum und mussten eine Stunde warten, ehe das Wasser angestellt wurde. Erst einmal kamen die russischen Offiziere, um unsere elenden Gestalten zu begutachten. Abschätzend betrachteten sie uns von oben bis unten; vielleicht meinten sie, die deutschen Frauen seien anders gebaut als die russischen. Wie froh waren wir, als endlich das Wasser kam und wir uns einmal richtig waschen konnten. Leider wurde das Wasser nach kurzer Zeit wieder abgestellt. Jeder suchte seine Sachen. Wer noch anständige Kleider besessen hatte, bekam sie nicht wieder zurück und musste sich mit dem begnügen, was übriggeblieben war. Wie oft ist das später noch passiert, und in solchen Augenblicken war ich froh, nur so wenig zu besitzen. Nach dieser Reinigungsaktion wurden wir wieder in die Waggons getrieben, und die Fahrt konnte weitergehen.

Helga und ich zogen nun in die oberen Pritschen, in der Hoffnung, dort etwas weniger zu frieren. Bei unserer körperlichen Verfassung war es nur schwierig, von oben herunter zur „Rinne“ zu gelangen. Ich hatte Durchfall bekommen, und Helga schleppte mich, auch manchmal nachts, dorthin. Man konnte natürlich nichts sehen und musste ganz vorsichtig gehen, um nicht auf die anderen zu treten, die unten schliefen.

Eines Tages hielt der Zug mitten in der Steppe. Soweit das Auge reichte, flache Hügel, die sich wellenförmig dahinzogen, kein Baum, kein Strauch. Wir waren am Ziel.

Beim Aussteigen gingen wir in die Knie. Viele blieben vor Schwäche einfach liegen. Es war im Mai, das Wetter war schön, und wir befanden uns in Kasachstan, in der Nähe des kleinen Dörfchens Kimpersai.

Unser Barackenlager, das die Zahl 1090 trug, war erst am Vortage von Ukrainern verlassen worden, die man in der Umgebung verteilt hatte. Die Erde um das Lager war aufgeweicht und lehmig, und nur mit Schaudern betrachtete ich die trostlosen Baracken, die nun unser Zuhause sein sollten. Aber die Russen ließen uns nicht lange Zeit zum Nachdenken. Mit dem gewohnten „Dawei, Dawei“ ging es zum Badehaus. Der Läuse wegen wurden uns erst einmal alle Körperhaare abrasiert, von Männern natürlich. Für irgendwelche Gefühle der Scham hatten sie nicht das geringste Verständnis.

Später wurden wir in die Baracken gebracht. Helgas und mein Bestreben war immer nur, zusammenzubleiben, und das war oft schwierig. Inzwischen war es Nacht geworden. Wir bekamen noch einen Teller Suppe und gingen dann auf die uns zugewiesenen Pritschen. Eine helle Glühbirne ohne Schirm brannte an der Decke. Das grelle Licht störte uns sehr, wir durften es aber nicht ausmachen. Es dauerte lange, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Wir lagen zu dritt auf Pritschen, die nur für zwei bestimmt waren, und man musste verdammt aufpassen, dass man nicht herunterfiel. Als später so viele starben, gab es mehr Platz.

Erst einmal hatten wir vier Wochen Quarantäne. Das Lager war von einem doppelten Stacheldraht umgeben, und an allen vier Ecken standen auf einem Holzgerüst Postenhäuschen. Nachts wurden Scheinwerfer eingeschaltet. Ich weiß nicht, warum sie uns eigentlich bewachten; wir waren viel zu geschwächt, um zu fliehen. Wo hätten wir auch hinsollen in dieser endlosen Weite?

  Wenn man sich dem Stacheldraht näherte, schrieen die Posten irgendwelche Flüche. Männer und Frauen waren damals noch durch einen hohen Zaun voneinander getrennt. Wir entdeckten an diesem Zaun einen Onkel von uns aus Danzig, von dessen Anwesenheit wir keine Ahnung gehabt hatten. Wie groß war da die Freude des Wiedersehens! Am Abend sprachen wir miteinander durch den Draht hindurch und brachten uns gegenseitig ein Stückchen Brot als Geschenk mit. Später kam er in ein anderes Lager und ist erst nach mir aus Russland nach Hause gekommen.

  Während der Quarantänezeit mussten wir die Baracken in Ordnung halten, das heißt, den Holzfußboden mit kleinen Holzstückchen abkratzen, eine beliebte Art der Reinigung bei den Russen, die immer wieder verlangt wurde. Entdeckten die Russen bei einer der vielen Besichtigungen irgendwo Schmutz, und das kam natürlich leicht vor, denn draußen lag dicker Lehm, und Fußmatten waren natürlich nicht vorhanden, wurde uns ein großer Vortrag über die deutsche Kultur und die mangelnde Reinlichkeit der deutschen Frau gehalten.

Eines Abends wurde eine Kinovorstellung angekündigt, und das gesamte Lager draußen auf den freien Appellplatz beordert. Dann zeigte man uns mit entsprechenden Erklärungen Lichtbilder aus den deutschen Konzentrationslagern. Die Bilder waren grauenvoll, und die Russen betonten dabei, dass sie doch sehr viel humaner seien als das deutsche sogenannte Kulturvolk. Was konnten wir darauf erwidern?

Auch draußen wurden wir beschäftigt. Wir mussten mit weißen Steinchen Hammer und Sichel legen. Die Steinchen wurden aufgesammelt, an einer Stelle verlegt, um am nächsten Tage woanders von Neuem zu dem gleichen Muster angeordnet zu werden. Wir verfertigten Besen und fegten den Hof, ich glaube hundertmal am Tage. Nachts wurden wir oft aus den „Betten“ geholt und mussten uns im Mittelgang der Baracke aufstellen, während die Posten unsere Lagerstätten nach brauchbaren Gegenständen absuchten. Da gab es dann immer die Sorte von Mitmenschen, die es nicht mit ansehen konnten, wenn andere noch etwas hatten, und die den Posten halfen, an die Sachen heranzukommen, die ihnen entgangen waren. Ich habe diese Menschen nie verstehen können. Sie wurden von den Russen ausgenutzt und verachtet.

Einmal war große Versammlung auf dem Appellplatz. Dieser Appell fand eigentlich jeden Morgen und jeden Abend statt, wobei alle Gefangenen namentlich aufgerufen wurden. Aber dieses Mal gab es einen besonderen Anlass: Mehrere von den halbverhungerten Männern, die zur Küchenarbeit herangezogen waren, hatten gemeinsam Fleisch gestohlen. Sie mussten, jeder mit einem Schild um den Hals, auf dem geschrieben stand, „Ich habe das Fleisch meiner Kameraden gestohlen“, die langen Reihen der Gefangenen passieren. Einige der Männer fühlten sich bemüßigt, diesen Wehrlosen, die zwar nicht richtig gehandelt hatten, aber doch aus dem furchtbaren Gefühl des Hungers heraus, ins Gesicht zu schlagen. Sehr zum Vergnügen der Russen, die mit Wohlgefallen diesem Schauspiel beiwohnten. Kurze Zeit nach diesem Ereignis wurde der Lagerkommandant, ein russischer Major, seines Postens enthoben, weil er einen Teil der Lebensmittel, die für uns bestimmt waren, unterschlagen hatte.

Nachdem die Zeit der Quarantäne vorbei war, begann die Arbeit. Alles, was irgendwie kriechen konnte, wurde jeden Morgen mit dem Lastwagen in die Steppe gebracht, wo Bahngleise verlegt wurden. Die russischen Chauffeure fuhren wie die Irrsinnigen. Wir standen dichtgedrängt und hatten keine Möglichkeit, uns festzuhalten. Da waren wir immer froh, wenn wir lebend unsere Arbeitsstätten erreichten. Wir wurden in Arbeitsbrigaden eingeteilt, und die jeweiligen Brigadeführer, bei uns waren es meist ältere Frauen, hatten dafür zu sorgen, dass alles klappte. Es wurden Erdwälle aufgeschüttet und Eisenbahnschienen gehoben und befestigt.

Inzwischen war es Sommer geworden. Die Sonne brannte sengend heiß vom Himmel, und nirgends gab es einen Schutz vor ihren mitleidslosen Strahlen.

 

Mittagspause an den Eisenbahnschienen

 


Wie ein silbernes Band,

wie ein silbernes Band

ziehst du durchs weite,

durchs einsame Land.

Oh könnte ich mit,

mein Gott, könnt ich mit! —

Ich schau dir nach

und tu keinen Schritt.

 

Die Sonne brennt heiß,

so erbarmungslos heiß!—

Sie verbrennt den

vom Rücken rinnenden Schweiß.

Sie taucht die Steppe

in  flirrendes Licht,

das sich, tausendfach funkelnd,

auf den Schienen zerbricht

Nur das Lied der Lerche

steigt jubelnd empor,

hinauf in des Himmels

göttlichen Chor,

hinauf in der Sonne

glitzernden Glast,

die mit glühenden Händen

die Steppe umfasst

 

Sonst ist alles still,

selbst der Posten Schreien

schläft in der Mittagshitze ein.

Ich träume von den Bäumen,

vom Meer vom Strand,

und schau voll Verlangen

die Schienen entlang.


  Wir hatten alle Sonnenbrand. Auf meinem Rücken hatten sich große Blasen gebildet. Mittags kam ein Lastwagen mit dem Essen. Von unseren Posten bewacht, es waren damals Asiaten, die meistenteils recht gutmütig waren, aßen wir die Suppe und jubelten vor Freude, wenn wir ein Stückchen Fleisch, „Sondermeldung“ genannt, fanden. Einmal am Tag kam Wasser zum Trinken. Der Wasserwagen, besser gesagt, eine Tonne auf Rädern, von einem Kamel gezogen, brachte uns das sehnsüchtig Erwartete, auf das sich alle wie die Verdurstenden stürzten. Ich hatte ein altes Kochgeschirr gefunden, das mir die ganzen Jahre hindurch als Eß- und Trinkgefäß diente und mit dem ich mir das Wasser aus der hölzernen Tonne schöpfte. Am Abend kamen wieder die Lastwagen, um uns ins Lager zurückzubringen.

Nachdem die ersten Typhusfälle aufgetaucht waren, gab es Injektionen. Die Spritzen, natürlich viel zu wenig, waren alt und die Kanülen rostig. Jedenfalls gab es gleich danach große Beulen auf dem Rücken, die ekelhaft weh taten, und Fieber. Das Lazarett war überfüllt und dafür bekannt, dass man zwar lebendig hineinkommt, aber nur tot wieder heraus.

Die Kranken mit Ruhr, Typhus, Diphtherie und Gesichtsrose benutzten das gleiche WC wie die Gesunden. Oft brachen sie auf dem Weg dorthin zusammen und mussten wieder zurückgeschleppt werden. Ganz entsetzlich sahen die Gesichtsrose-Kranken aus. Ihre Gesichter waren dunkelrot aufgedunsen und ihre Augen eitrige Schlitze. Wir gingen ihnen aus dem Wege, voller Grauen über ihren Anblick. Furunkulose, Wasser in Beinen und Füßen, das galt nicht als Krankheit. Man arbeitete, solange es ging, und wer nicht mehr weiter konnte, hockte oder legte sich, von der Sonne gequält, ins Steppengras. Mittags kam mit dem Lastwagen, der uns das Essen brachte, der russische Arzt, um die Kranken zu inspizieren. Die meisten wurden dann wieder mit zurück ins Lager genommen, allerdings nur bis zum nächsten Morgen.

Ich hatte ein rot verschwollenes Knie und musste mich ab und zu ein wenig ausruhen, Helga machte dann auch meinen Arbeitsanteil, um ja die Norm zu erfüllen. Es gab sehr unangenehme Mitgenossinnen, die gemein und ausfällig wurden, wenn man nicht weiter konnte. Die Eisenbahnschienen waren glühend heiß, man konnte sie mit der bloßen Hand nicht anfassen.

Eines Tages bekam ein Mädchen, das neben uns arbeitete, einen Schwächeanfall, vielleicht war es auch ein Sonnenstich. Jedenfalls fiel sie vornüber mit der Stirn auf die Schienen und war sofort tot.

Doch für uns ging das Leben weiter. Meine einzige Freude waren die Lerchen, die hell jubilierend in den blauen Himmel stiegen. Sie brauchen keine Bäume, um zu nisten, sondern machen sich ihr Nest auf dem Boden. Daher fand man sie in der baumlosen Steppe.

Abends, wenn unsere Arbeit beendet war und die Lastwagen noch nicht kamen, um uns abzuholen, suchten wir im Steppengras nach kleinen, zwiebelähnlichen Gewächsen, die auch so schmeckten, und die wir zum trockenen Brot als angenehme Beigabe empfanden.

Es wurde immer heißer, das Steppengras sah gelb versengt aus, und rötliche Sandwolken fegten darüber hin. Manchmal sahen wir einen Sandwirbel, der sich wie rasend drehte und kilometerweit zu sehen war. Oft brannte die Steppe in der Nähe der Eisenbahnlinie. Die Funken, die aus dem Schornstein der Lokomotive kamen, entzündeten das ausgedörrte Gras. Dann mussten die Männer los, um mit Hacken und Schaufeln breite Gräben zu machen, die das Feuer daran hindern sollten, sich noch weiter auszubreiten. Manchmal war es unserem Lager schon bedrohlich nahe gekommen;

Als eines Tages auch mich der Typhus erwischte (dass es Typhus war, erfuhr ich erst später), war mein einziges Bestreben, ja niemand etwas von meiner Krankheit merken zu lassen, denn ich wollte unter keinen Umständen in das berüchtigte Lazarett. So kroch ich täglich mit Helgas Hilfe von meiner Pritsche, wir schliefen oben, und schleppte mich zum Lastwagen, um mit zur Arbeit zu fahren. Am Eisenbahndamm legte ich mich hin, und Helga deckte mich mit unseren Jacken zu, damit der Posten nichts merkte. Als ich nach kurzer Zeit nicht mehr stehen konnte und auch mit Helgas Unterstützung nicht mehr von der Pritsche kam, war es aus mit dem frommen Betrug, und ich musste ins Lazarett.

Mir war damals auch alles egal. Ich hatte mehr als 40 Grad Fieber und war sicher nicht mehr ganz klar im Kopf. Die gute Helga, die in Danzig als Rote-Kreuz-Schwester tätig gewesen war, meldete sich sofort als Schwester fürs Lazarett, um immer bei mir sein zu können. Da Schwester Elisabeth, die bis dahin das Lazarett geleitet hatte, gerade an Typhus gestorben war, wurde ihr Wunsch erfüllt. Im Lazarett lagen wir wieder so eng wie die Heringe.

In der ersten Nacht starb das Mädchen, das neben mir lag. Sie schlief ganz ruhig ein, aber wir waren so dicht zusammen, dass ich es trotzdem merkte. Am Morgen kam ihre Mutter, die freiwillig mit nach Russland gegangen war, um sie zu besuchen. An sich waren Besuche im Lazarett streng verboten, aber irgendwie hatte sie sich doch hereingemogelt. Furchtbar waren der Schmerz und die Verzweiflung, als sie merkte, dass ihr Kind nicht mehr lebte. Für uns, die wir im Lazarett lagen, war das Sterben nicht so schrecklich, denn wir erlebten es täglich. Wie friedlich schliefen sie alle ein, viel zu schwach, um sich gegen den Tod zu wehren!

Ich hatte überhaupt keine Angst vor diesem Sterben. Vielleicht habe ich es mir manchmal sogar gewünscht. Aber da war Helga, die mich immer wieder ins Leben zurückholte, die mich fütterte, mir Spritzen gab und mir die Läuse absuchte. Ja, auch das!

Obwohl jedem, der ins Lazarett kam, die Haare abgeschoren wurden, hatte ich sie behalten dürfen. Ich hatte so sehr um meinen Kopfschmuck gejammert, dass Helga sich aufmachte und die russische Ärztin anflehte, zu erlauben, dass ich meine Haare nicht zu opfern brauchte. Sie ließ sich unter der Bedingung erweichen, dass Helga dafür sorgen müsse, dass ich keine Läuse hätte.

Das war gar nicht so einfach, denn ich war zu schwach, um zu sitzen. So wurde ich immer von zwei Mädchen gehalten, während Helga meinen Kopf säuberte. Später gingen mir die Haare in dicken Büscheln aus, und als ich dann wirklich dem Tod von der Schaufel gesprungen war, wie Dr. Hein immer sagte, hatte ich einen kahlen Kopf. Den Schock des Kahlscherens aber hat meine gute Schwester mir erspart.

Neben dem immer gleichbleibend hohen Fieber hatte ich einen entsetzlichen Durchfall. Gottlob gab es im Lazarett jetzt schon Steckbecken, sonst hätte ich alles schmutzig gemacht, wie es vielen Kranken immer noch passierte, weil fast alle Durchfall hatten. Die wenigen Steckbecken waren ständig besetzt. Wenn das Mittagessen kam, zog ich mir die Decke über den Kopf, solch ein Grausen hatte ich vor dem Essen. Die Russen wollten ihre Arbeitskräfte schnell gesund haben und gaben den Kranken viel zu fettes Essen. Sie hätten es lieber den Gesunden geben sollen. —

Was die Kranken nicht aufessen konnten, reichten sie ihren gesunden Leidensgenossen, obwohl das verboten war, durchs Fenster. Das trug natürlich erheblich dazu bei, die Seuchen noch schneller zu verbreiten.

Schrecklich war immer wieder der Durst. Mein Hals war wie ausgetrocknet, und ich träumte von silbern glitzernden Seen und rauschenden Wasserhähnen. Ab und an durfte ich den Mund spülen, Helga saß daneben und passte auf, dass ich ja nichts trank. Doch ab und zu ließ ich ein Schlückchen die Kehle herunterrinnen, ganz vorsichtig, dass sie ja nichts merkte.

Tag und Nacht lag ich gerade wie ein Brett auf dem Rücken. Sobald ich mich rührte, lief der Durchfall wie Wasser. Ich wollte unter keinen Umständen mein Bett schmutzig machen und bewegte mich darum kaum. Schließlich war ich so schwach, dass ich nicht einmal die Hand heben konnte. Der Rücken war vollkommen durchgelegen und tat sehr weh, Mein Gesicht bestand nur noch aus Augen, und mehr als 15 hätte man mir trotz meiner 21 Jahre nicht gegeben. Doch für Helga war das Ansehen meiner Leiden viel schlimmer als für mich selbst, die ich in meinen Fieberträumen gar nicht alles begriff, was um mich herum vorging. Als nach einiger Zeit die typischen Flecken des Typhus auf meinem Bauch zu sehen waren, versuchte man, mir Blut abzunehmen, um die Diagnose zu bestätigen. Man setzte mich auf einen Stuhl. Zwei Schwestern hielten mich fest, und an jedem Arm bemühte sich ein Arzt, etwas Blut aus der Vene zu bekommen. Vergeblich, anscheinend waren sie ausgetrocknet. Nur noch aus Haut und Knochen bestand ich, mit Leichtigkeit konnte ich mit Daumen und Zeigefinger meinen Oberarm umfassen. Als ich so weit war, dass ich meinen ersten Schritt ausprobieren konnte, wurde ich zu einer Viehwaage geführt, die dazu diente, die Lebensmittel abzuwiegen. Ich wog 35 kg!

Aber ich sah nicht allein so aus. Alle Kranken im Lazarett boten das Bild kahlköpfiger Skelette, und es war ein scheußlicher Anblick, wenn die Frauen, die schon aufstehen konnten, zu mehreren in einer Wanne saßen, um gewaschen zu werden.

Besonders viele Männer starben, manchmal zwanzig an einem Tag. Niemand kennt ihre Namen, keiner weiß, wo das Massengrab in der Steppe liegt, in das sie nackt hineingeworfen wurden. Es gab kein Papier, um ihre Namen aufzuschreiben, keine Postverbindung, um ihren Angehörigen Bescheid zu geben. Täglich fuhr ein Lastwagen mit Toten in die schweigende Steppe. Kein Priester, der ein Gebet für sie sprach, kein Kreuz, das den Platz anzeigt, wo die Erde sich ihnen geschlossen hatte.

 

Mit so vielen Toten hatten die Russen nicht gerechnet. Es wurde ihnen unheimlich, und sie beorderten zwei deutsche Militärärzte aus einem anderen Lager zu uns. Sie hatten den Befehl zu helfen! Das war eine schwere Aufgabe und Verantwortung! Es gab viel zu wenig Medikamente, um allen Kranken gerecht werden zu können. Sanitäre Anlagen waren überhaupt nicht vorhanden. Das einzige Desinfektionsmittel war Chlor.

Die Ärzte taten, was sie konnten. Ihnen und Helga habe ich es zu verdanken, dass ich nicht auch in den großen Gräbern in der Steppe mein Ende gefunden habe. Dr. Hein suchte die Kranken heraus, denen er die meisten Lebenschancen gab, und für sie verwandte er die wenigen Mittel, die zur Verfügung standen. So bekam ich täglich Spritzen, es waren hauptsächlich Herz- und Kreislaufmittel. Mein dünnes Hinterteil war ganz zerspickt, und ich jammerte. Wenn Helga mit der Spritze kam.

 

An den Tod

 

Ich habe dir oft ins Antlitz gesehn

Und gewusst, dass du täglich bei uns zu Gast

Dass wir ohne dich nie im Schneesturm stehn,

nie ohne dich zur Arbeit gehen,

Nie ohne dich ruhn bei kurzer Rast.

 

An den Lagern der Kranken da bist du zu Haus,

hältst dort getreulich Totenwacht.

Du löschst die schwachen Lichter aus.—

Am Morgen fährt man sie hinaus.

Die Gräber sind schon längst gemacht.

 

 

Bei mir da standest du lange Zeit,

verhießest mir Frieden, Erlösung und Ruh.

Du webtest still mein Totenkleid,

und doch, ich war noch nicht bereit.

Da schlossest du leis die Pforte zu.

 

Du kennst der Gräber lange Reih’n

Verloren in der Steppe Weiten,

sie schmückt kein Kreuz, sie ziert kein Stein,

namenlos ruhen der Toten Gebein,

vom Winde verweht für alle Zeiten.




Auch Charlotte, die erste Frau meines Mannes, gehörte zu den Auserwählten, die man hoffte, am Leben zu erhalten. Sie zeigte mir einmal ihr Hochzeitsbild, auf dem sie so glücklich und strahlend aussah. Ich habe es heute noch.—

Es war ihr schweres Schicksal, Russland nicht mehr lebend zu verlassen. Helga brachte mir nach ihrem Tode ein schönes, blaues Nachthemd und sagte: „Das ist von Charlotte.“ Ich glaube, sie hat es mir gerne geschenkt, denn ich brauchte so etwas ja noch auf dieser Erde.

Ganz langsam erholte ich mich, und auch die Verhältnisse im Lazarett wurden besser. Wir lagen jetzt auf Strohsäcken, und auch Bettücher wurden beschafft. Mit Helgas Hilfe lernte ich wieder gehen, jeden Tag ein Schrittchen mehr, und als ich das erste Mal bis vor die Türe gehen konnte, war ich überglücklich. Zu Helgas Ärger erkannten mich meine Arbeitsgenossinnen nicht mehr wieder oder sie riefen: „Was, du lebst noch? Wir dachten, du wärst gestorben!“

 

Plötzlich, gegen Ende des Sommers, hieß es, das Lager würde aufgelöst, es seien zu viele gestorben und der Unterhalt lohne sich nicht. Zurück in die Heimat!

Helga stand auf der Liste des ersten Transportes. Unter keinen Umständen wollte sie mich allein lassen und versuchte alles, um noch dableiben zu können. Für mich war an eine solche Fahrt nicht zu denken; ich hätte sie niemals lebend überstanden. Helga ging bis zu dem russischen Major, der das Lager leitete, und flehte ihn an, uns nicht zu trennen. Er war nicht zu erweichen und sagte, sie müsse für immer in Russland bleiben, wenn sie jetzt nicht führe. Später habe ich oft daran gedacht, wie gut es war, dass sie damals gefahren ist.

 

Die russische Ärztin, die nach Abfahrt des Transportes durch das Lazarett ging - sie war sehr gut zu uns - tröstete mich und sagte, bald sei auch ich an der Reihe. Wie sehr habe ich mich an diesen Trost geklammert! Ja, Helga fuhr fort, nach Hause. Aber hatten wir denn überhaupt ein Zuhause? Wir wussten nichts von Eltern und Geschwistern, ob sie lebten und wenn ja wo sie sich befanden. Auf Umwegen, nach einer schrecklichen Fahrt in  Hunger und Kälte, hat Helga unsere Familie in Hamburg wiedergefunden. Aber das erfuhr ich erst zwei Jahre später.

Eine kleine Episode möchte ich noch erzählen, über die wir oft gelacht haben. Ich hoffe, liebes Schwesterherz, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich sie hier wiedergebe.

Helga hatte einen Stiftzahn. Als Kind war sie einmal auf dem Parkett ausgerutscht und auf die Vorderzähne gefallen. Dabei war der eine abgebrochen und unser Helgalein bekam einen Stiftzahn. Selbiger hatte sich, noch bevor wir die Fahrt nach Russland antraten, durch das Beißen von steinhartem Brot gelockert, und als wir "auf Reisen" waren, rief Helga plötzlich ganz entsetzt: "Mein Zahn ist weg!" Wir schliefen oben im Waggon, und alle Mitgenossinnen begannen ein heftiges Suchen nach Helgas Zahn. Er war nicht zu finden. Am anderen Morgen rief ein Mädchen sie schlief unter uns: "Der Zahn ist da!" Welche Freude! Er lag auf dem Grund ihres Trinkgefäßes, das sie soeben geleert hatte. Helga befestigte überglücklich den Ausreißer wieder in ihrem Mund .

Das zweite Mal machte er sich selbständig, als Helga Krankenschwester im Lazarett war. Sie teilte aus einem riesigen Kessel weißer, runder Nudeln das Essen für die Kranken aus. In diesem Kessel, zwischen den Tausenden von Nudeln, versank Helgas Zahn. Ihn dort zu finden war wirklich fast unmöglich, und doch entdeckte sie ihn leise klirrend in einem Essgeschirr wieder. Das war beinahe ein Wunder.

Das dritte Mal verschluckte Helga den geliebten Stiftzahn und war dann gezwungen, mehrmals täglich in dem herumzustochern, was ihr Körper selbst als wertlos wieder herausexpedierte.

Und siehe da, es dauerte nicht lange, und der Zahn war frisch gewaschen wieder da, wo er eigentlich hingehörte. Helga hat ihn zurück nach Deutschland mitgenommen, diesen reiselustigen Stiftzahn!

 

Später fuhr noch einmal ein Transport nach Deutschland, doch von Auflösung des Lagers konnte keine Rede sein. Ich wurde als sogenannter Dystrophiker aus dem Lazarett entlassen, das heißt, dass ich zwar nicht mehr im Lazarett sein durfte. Es fehlte ja dort immer an Plätzen, aber auch noch nicht in der Lage war zu arbeiten. Es war noch immer warm und ich schlich auf wackligen Beinen, ein Gestell aus Haut und Knochen, mit einem Tuch auf dem Kopf, denn dieser war noch fast kahl, als Kleidung einen alten wollenen Unterrock, den mir eine mitleidige Seele geschenkt hatte, durch das Lager. Es sah gewiss grässlich aus, da ich aber nicht die einzige Vogelscheuche war, empfand ich meinen Anblick nicht weiter ungewöhnlich. Einmal traf ich Dr. Hein, der mich ganz entsetzt anstarrte. Am nächsten Tag überreichte er mir ein Kleid, das ich sogleich anzog. Es war aus schwarzer Seide und schlotterte mir um die Glieder, aber ich war glücklich es zu besitzen.

Hüttchen, sie stammt aus Litauen, heißt eigentlich Maria Hütt und war, wie Helga, Schwester im Lazarett. Hüttchen sorgte auch weiter für mich, sie war unbedingt zuverlässig, und manchen Abend kam sie mit einem Teller Suppe an meine Pritsche. Dann rief sie so leise, dass die anderen es nicht hörten: "Micachen, ich habe etwas für dich!" Wie schnell war ich da munter und verspeiste Hüttchens Geschenk mit größtem Appetit, denn den hatte ich nun, nur nicht genug, um ihn zu stillen. Hüttchen ist dann noch vor mir nach Deutschland gekommen. Ich gab ihr die Adresse meiner Eltern, die ich zu der Zeit schon hatte, denn sie wusste nichts von ihrer Familie. Als ich auch nach Hause kam, konnte ich Wiedersehen feiern  mit dieser treuen Seele. Auch auf meiner Hochzeit hat Hüttchen getanzt, und noch heute korrespondieren wir miteinander. Sie ist in Australien verheiratet und lebt dort glücklich mit Mann und Kind.

  Als es kälter wurde, starben nicht mehr so viele. Trotzdem hatte alles Durchfall, und die fürchterlichen WC, bei uns Latrinen genannt, trugen nicht dazu bei, die Lage zu bessern. Es waren Bretterbuden, in denen über einer Grube Bretter lagen. Da die Latrinen ständig überfüllt waren und die Bretter morsch, trieben diese auf der Jauche herum und man musste schwer balancieren, um nicht hindurchzufallen. Es roch entsprechend. Klopapier gab es natürlich nicht. Wer noch Geld hatte aus Deutschland, benutzte dieses. Wer nicht, nahm Gras oder Blätter. Zum Glück blieb bei fast allen Frauen die Regel fort. Bei mir dauerte es mehr als zwei Jahre, bis mein Körper sich wieder normalisiert hatte. Später wurden diese Latrinen abgerissen und neue gebaut, die dann auch mit Chlor desinfiziert wurden, Dass man immer einer neben dem anderen auf der Stange hocken musste, war nicht zu ändern. Ich habe mich nie daran gewöhnen können, und zu meinen ständigen Träumen gehörte jener von einem schönen, warmen Klo. Im Winter war dieser Ort nämlich entsetzlich kalt, und aus den Löchern ragten gefrorene Säulen, die wir ab und zu abhacken mussten.

Ja, es wurde Winter, mein erster Winter in Russland. Wie hatte ich als Kind schon immer gefroren und konnte abends im Bett ohne Heizkissen nicht warm werden! Und nun bei dieser Kälte, und vollkommen unterernährt. Wir zogen uns sämtliche Sachen an, wenn möglich auch Schuhe, wenn wir auf die Pritschen krochen. Abends kam oft ein Offizier, die Baracken zu inspizieren. Der tobte und schrie, wenn er sah, dass wir nicht ausgezogen waren. Er hielt uns lange Vorträge über Hygiene, von der wir anscheinend keine Ahnung hätten. Dann mussten alle herunter von den Pritschen und sich ausziehen. Natürlich zogen wir uns sofort wieder an, sobald er entschwunden war, doch er hatte uns einen Teil unseres kostbaren Schlafes gestohlen!

Da wir durchweg erkältet waren, war nachts ein ständiges Kommen und Gehen zur Latrine. Wenn ich durchfroren zurückkam, konnte ich mich überhaupt nicht mehr erwärmen, und kaum war ich eingeschlafen, musste ich wieder hinaus.

Der Winter war sehr streng. Kasachstan hat Steppenklima, im Sommer sehr heiß, im Winter sehr kalt und dazu die eisigen Winde und Schneestürme! Oft fielen schon im September die ersten Schneeflocken, der Schnee schwand erst im Mai wieder. In diesem Jahr gab es besonders viel Schnee, er reichte bis zu dem Dach der Baracke, und die Fenster waren vollkommen zugedeckt. Nur der Eingang wurde freigeschaufelt. Wie in einen Fuchsbau krochen wir in unsere Baracke, in der ein trübes Halbdunkel herrschte. Es roch feucht und muffig, und die Feuerstelle war viel zu klein, der Raum zu groß und die Kohle zu schlecht, um die Baracke zu erwärmen.

Nachdem ich etwas kräftiger geworden war, wurde ich in der Nähstube als Flickerin beschäftigt. Ein begehrter Posten, denn dort war es warm. Mit anderen Frauen zusammen flickten wir alte Hosen und Hemden und stopften Riesenlöcher. Als wir nach einiger Zeit wieder einen neuen Kommandanten bekamen, der alle Dystrophiker zur Arbeit beorderte, gehörte ich auch dazu. In normalen Zeiten hätte man mich in diesem Zustand wahrscheinlich in ein Sanatorium gesteckt, aber es waren keine normalen Zeiten. Wir mussten mit Eispickeln Gräben hacken. Die Erde war so hart gefroren wie ein Stein, und bei jedem Schlag löste sich nur ein Stückchen von der Größe einer Haselnuss. Wenn ich das Gerät einmal geschwungen hatte, sanken meine Arme völlig erschöpft herunter. Dass ich so viel nicht schaffte, kann man sich wohl vorstellen; ich erreichte die Norm natürlich nicht und bekam deshalb auch keine Extra-Essenzulage. Und ich hätte sie doch so nötig gehabt! Wenn ich nicht weiter konnte, legte ich mich einfach für einen Augenblick in den Schnee, um mich auszuruhen, bis unser ukrainischer Vorarbeiter mich wieder aufstöberte. Unsere Kleidung war völlig unzulänglich, wir hatten Hosen und Jacken aus Segeltuch, sogenannte "Russenhosen", und keine Filzstiefel. Das gab es erst später.

Wenn Schneestürme gewesen waren, mussten wir die Eisenbahnschienen wieder freischaufeln. Der eisige Wind ließ alle Glieder erstarren und die Innenseiten der Schenkel waren so angefroren, dass sie bluteten.

  Wenn wir verschwinden mussten, war es fast unmöglich, mit den steifgefrorenen Händen die Hosen aufzumachen. Oft baten wir unseren Vorarbeiter darum. Er fluchte zwar über uns, tat es letzten Endes aber doch. Man hockte sich irgendwo hin. Verstecke gab es nicht, außerdem sah sowieso niemand danach. Wenn es mit dem Hosenaufmachen nicht geklappt hatte, das heißt, nicht rechtzeitig, geschah das Unglück. Es ist oft geschehen, und die Hosen froren zu steifen Brettern, welche die Haut völlig aufrieben. Das wurde immer schlimmer, und eines Tages streikten wir, besser gesagt, eines Abends. Beim abendlichen Appell, der im Winter bei schlechtem Wetter in den Baracken stattfand, ließen wir unsere Hosen herunterrutschen und offerierten dem erstaunten Offizier den Anblick unserer angefrorenen Beine. Das half!

Von nun an ging nur immer die Hälfte der Mannschaft mit doppelter Kleidung zur Arbeit. Am nächsten Tag war die andere Hälfte dran. Mit welchem Grauen erwachte ich jeden Morgen, wenn ich mir nach irgendwelchen Träumen darüber klar wurde, wo ich mich befand! Mit welchem Grauen stand ich am Morgen am Lagertor, wenn es noch stockdunkel war und die eisige Kälte mich packte, um mich bis zum Abend nicht wieder loszulassen! In den Augenblicken war ich oft verzweifelt und wünschte mir, nicht mehr am Leben zu sein.

  Seit einiger Zeit gab es nun schon zweimal täglich die geliebte Kohlsuppe, etwas Kascha (Hirsebrei oder Ähnliches) und ein Stück Brot. Satt wurden wir davon nicht, und manche Nacht schlichen wir zu dem Haufen mit Kohlrüben und Weißkohl; der immer von einem Posten bewacht wurde, und klauten uns etwas Nachtisch! Wir robbten ganz vorsichtig durch den Schnee heran und machten uns dann schnell mit der Beute davon. In der Baracke wurde dann getafelt. Der Kohl war erfroren und schmeckte etwas süßlich, was wir besonders schmackhaft fanden. Für unsere Mägen war das weniger gut, wie der ewige Durchfall bewies.

  In dieser schweren Zeit der Not, der Ungewissheit und des Hungers lernte man seine Mitmenschen wirklich kennen, und ich fand es furchtbar, wie viel Missgunst und Gemeinheit da zum Vorschein kam. Einer gönnte dem anderen nichts, jeder war auf sein Wohl bedacht, und wenn es der Tod des anderen war.

Von der vielgerühmten Kameradschaft und Nächstenliebe war nur selten etwas zu verspüren. Die Männer waren noch egoistischer als die Frauen. Ich habe sogar Geschwister erlebt, die sich gegenseitig das Brot fortstahlen, Nirgendwo lernt man den Menschen so gut kennen wie in der Not.

  Jeden Morgen, wenn die Glocke schlug, versammelten wir uns am Lagertor, um zur Arbeit zu gehen. Wenn wir heimkamen, war es schon wieder dunkel. Wir wuschen uns, so gut es ging, suchten nach Kopf- und Kleiderläusen, die immer noch reichlich vorhanden waren, und fielen nach dem Abendessen todmüde auf die Pritschen. Der Waschraum war ein kleines Zimmer, in welchem ein Holzgestell stand, das uns als Waschtisch diente. Dieses Holzgestell enthielt eine Blechrinne, die an einigen Stellen Löcher hatte. Wir gossen nun von oben Wasser in die Rinne und zogen, wenn wir uns waschen wollten, die Stöpsel aus den Öffnungen, worauf das Wasser herauslief.

Schlimm war es, wenn der Schneesturm tobte, der von allen, Russen wie Internierten, gleichermaßen gefürchtet wurde. Es heulte und jammerte in den Telegraphendrähten und machte an jeder Hausecke einen Höllenlärm. Es ist keine Übertreibung, man konnte dann tatsächlich nicht die Hand vor Augen sehen. Wenn der „Buran“ tobte, läutete den ganzen Tag die Appellglocke, damit diejenigen, die von der Arbeit kamen, den Weg zurück ins Lager fanden Wenn es zu schlimm war, durften alle in den Baracken bleiben. Dann war alleine schon der Weg zur Latrine ein hartes Vorwärtskämpfen gegen den rasenden Sturm. Es ist mir einmal passiert, dass ich in einer falschen Baracke gelandet bin, weil ich den rechten Weg nicht finden konnte.

Einmal fand ein Mann innerhalb des Stacheldrahtes nicht mehr zurück und wurde am nächsten Morgen erfroren aufgefunden. Wenn wir bei „Buran“ zur Arbeit mussten, waren unsere Gesichter bis auf schmale Augenschlitze vollkommen zugepackt. An den Wimpern hingen dann kleine Eisstücke, und das Tuch über dem Mund war hartgefroren durch die Feuchte des Atems. Bis auf die Haut ging die eisige Kälte des Sturmes, zumal es den meisten an entsprechender Kleidung fehlte, Wir mussten sehr aufpassen, dass Hände, Gesicht oder Füße nicht anfroren, denn das war, abgesehen davon, dass es beim Auftauen furchtbar schmerzhaft war, hochoffiziell verboten und wurde als Sabotage bestraft!

Wenn wir in die ungenügend geheizten Baracken kamen, entstand ein wildes Drängeln um den Herd, denn jeder wollte sich wärmen, jeder etwas von seinen nassen Sachen trocknen. Sehr rücksichtsvoll und höflich ging es dabei natürlich nicht zu, und so manches Mal ging ich am nächsten Morgen mit den nassen Sachen wieder hinaus zur Arbeit. Merkwürdigerweise war ich nie erkältet, obwohl ich zu Hause wenigstens dreimal im Jahr mit eitriger Mandelentzündung im Bett gelegen hatte und wegen übergroßer körperlicher Zartheit weder Arbeits- noch Kriegshilfsdienst hatte leisten müssen!

Unser Kommandant, ein Ukrainer, hieß Preuss. Er sprach wie fast alle Ukrainer gut Deutsch und war Liebkind bei den Russen. Sein Gesicht mit der eingeboxten Nase war immer rot, in seinem Mund blitzte es von goldenen Zähnen, und seine große Gestalt war kräftig. Ich fand ihn ekelhaft. Bevor wir nach Russland gekommen waren, war er Kommandant des Ukrainerlagers gewesen, und von dieser Zeit her hatten ihn alle Ukrainer schwer auf dem Magen. Als ich später in Orsk war, wurde von den Gefangenen, die nach mir dorthin kamen, erzählt, man hätte Preuss eines Nachts aufgelauert, ihm einen Sack über den Kopf geworfen und ihn dann totgeschlagen. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, jedenfalls war’s bestimmt nicht schade um ihn; er hatte genug auf dem Kerbholz.

Die Ukrainer waren von den Russen grausam behandelt worden. Als man sie während des Krieges von der Ukraine nach Kasachstan verschleppte, war es bereits Oktober, also Winter dort. Sie wurden in der Steppe ausgeladen und mussten in Zelten den Winter überstehen! Man kann sich vorstellen, dass nur wenige überlebten. Verpflegung sollten sie sich von den Kasachen, die selbst in größter Armut lebten, beschaffen. Ein Ukrainer erzählte mir, dass sie Schuhe ausgekocht hätten, Leder gegessen und manchmal undefinierbares Fleisch von dunkler Herkunft. Es soll Menschenfleisch gewesen sein.

Die Ukrainer meinten, wir hätten es doch gut, wir müssten uns nur damit abfinden, in Russland zu bleiben, denn nach Hause kämen wir gewiss nie mehr. Wir heulten vor Kummer und Wut, wenn sie etwas zum Besten gaben. Sie lebten nun, nachdem wir von ihren Baracken, die sie sich im Laufe der Zeit gebaut hatten, Besitz genommen hatten, in kleinen Lehmhäusern im Dorf Kimpersai. Diese bestanden, genau wie die Baracken des Lagers, aus selbstgemachten Ziegeln. Lehm und Wasser wurde mit Stroh vermischt, mit den Füßen tüchtig geknetet und gestampft, und aus dieser Masse wurden große, viereckige Klötze geformt, die man dann trocknete und aufeinander setzte, mit Lehm verschmierte und später weiß kalkte. An Sommersonntagen auf der Kolchose habe ich diese Art des Hausbaues oft beobachten können. In gewissen Zeitabständen musste sich jeder Ukrainer bei einem russischen Politoffizier melden. Sie durften ein eng begrenztes Gebiet nicht verlassen, waren praktisch auch Gefangene, wenn auch ohne Postenbewachung. Wir hatten wenigstens die Hoffnung, noch einmal ein normales Leben führen zu können, sie hatten diese Hoffnung längst begraben.

Unser Essraum, Stallowa genannt, war ein kahler, hässlicher Saal mit rohen Holztischen und -bänken und einem Essenschalter, an dem man sich anreihen musste, um brigadeweise das Essen zu empfangen. Morgens bekamen wir einen Schlag Kohlsuppe und ein Stück Brot. Wenn wir am Abend von der Arbeit zurückkamen, gab es wieder Kohlsuppe und dazu den sogenannten Kascha, einen Brei aus Hirse oder anderen Körnern, auf dem ein Tröpfchen Öl schwamm. Die Lastwagen mit dem Mittagessen kamen nun nicht mehr zur Arbeitsstelle, man musste sich eben das Stück Brot dafür aufheben. Wer schon am Morgen das ganze Stück aufgegessen hatte, meistens tat ich das, musste so bis zum Abend durchhalten. Ich fand die Stallowa scheußlich, und wenn es irgend möglich war, holte ich mir mein Essen im Kochgeschirr auf die Pritsche. Nicht allein, dass es dort schauderhaft kalt war und zog, weil dauernd die Tür auf und zu gemacht wurde, nicht allein, dass die Kleckse auf den Tischen zu trüben Pfützen erstarrten oder als Eiszapfen am Tisch herunterhingen, die hungrige Gier der Menschen, die dort ihr Essen herunterschlangen, war so abstoßend, dass ich es vorzog, allein zu essen. Es gab widerliche Typen, besonders bei den Männern, die sich wie die Tiere benahmen, wie hungrige Hunde, die sich gegenseitig einen Knochen zu entreißen versuchen. Wenn einer eine abgelutschte Fischgräte auf den Boden warf, sprang ein anderer dazu, um sie aufzuheben und noch einmal abzulecken. Dann diese Angst, dass einer vielleicht ein Stückchen Fleisch mehr bekommen könnte, dieses gegenseitige Belauern und Missgönnen. Ich empfand das irgendwie als menschenunwürdig. Vielleicht kommt in solchen Zeiten der Not der wirkliche Charakter des Menschen zum Vorschein, ohne die Tünche von Zivilisation und Kultur.

Denn es waren nicht alle so, es gab auch Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, aber das Gros meiner Mitgefangenen wurde erst wieder wirklich menschlich, als die Verhältnisse sich besserten.

Wir hatten auch einige Verrückte im Lager. Ob sie schon vor ihrem Abtransport nicht bei Verstand waren oder erst später, in der Gefangenschaft, kann ich nicht beurteilen, Sie waren jedenfalls da und wurden von den Russen wider Erwarten ganz anständig behandelt. Mit einer, sie hieß Paula, arbeitete ich eine kurze Zeit in der Nähstube zusammen. Paula arbeitete nur, wenn sie Lust hatte. Sie zupfte dann Wollfäden; hatte sie keine, und das kam oft vor, erzählte sie die tollsten Geschichten. Am beliebtesten war die Geschichte von dem Fliegerleutnant, die uns Paula unzählige Male erzählt hat, weil wir sie immer wieder hören wollten. Es war auch ihre Lieblingsgeschichte.

Der Flieger, natürlich ein großer, schöner Mann, kam zu Paulas Mutter und bat diese um die Hand ihrer reizenden Tochter. So begann die Geschichte. Man muss sich nun Paula dabei vorstellen – ihr Kopf kahl geschoren. Das war keine Schande oder Strafe. Der Läuse wegen hatten auch viele russische Offiziere kahle Köpfe. Sie war ein langes Gestell aus Haut und Knochen, in Fetzen gekleidet, In ihrem Mund fehlten alle Vorderzähne; die hatte man ihr noch in Deutschland bei der Gefangennahme ausgeschlagen. Ja, und dann erzählte diese Elendsgestalt, gottlob ist sie später gestorben, von dem schönen Flieger, der sie liebte.

Ein anderer von unseren Verrückten riss aus, wurde nach kurzer Zeit aber wieder eingefangen, denn er war in die falsche Richtung, also noch weiter nach Osten gelaufen. Man musste wirklich verrückt sein, um hier das Ausreißen zu versuchen. Er war der einzige, der es je probierte. Im Geiste ist wohl jeder davongelaufen, aber in Wirklichkeit war es undurchführbar.

 

Ich träumte ständig von zu Hause, und das Heimweh war viel schlimmer als alles andere. Im Geist sah ich unser schönes, großes Haus, ging durch alle Zimmer, über alle Treppen, deren Stufenzahl ich genau im Kopf hatte. Ich dachte an meine innig geliebte Mutter, von der ich ebenso wenig wusste wie von meinem guten Vater und von meinen Geschwistern.

 


Träume

 

Wenn ich die Augen schließe,

seh’ ich der Bilder viel,

längst vergangene Süße,

fast wie im Märchenspiel.

 

Einmal nur möchte ich sie halten,

die mich dereinst hab’n beglückt,

jene geliebten Gestalten,

die nun so ferne gerückt.

 

Vor mir sehe ich stehen

Meiner Geschwister Kreis.

Darf zu ihnen nicht gehen,

brennt es im Herzen auch heiß.

 

Spür meiner Mutter Hände,

fühl ihren liebenden Blick,

möchte ihr danken ohne Ende

für meiner Kinderzeit Glück.

 

 

Schnell sie vorübereilen,

traumhaft ein jedes Gesicht,

dürfen wohl niemals verweilen,

hören mein Rufen nicht.

 

Hör meines Vaters Lachen

So herzlich und so warm,

möchte nur Freude ihm machen,

doch ist gefesselt mein Arm.

 

Denn, ach ungreifbar ferne

ist jedes liebe Gesicht –

so wie die goldenen Sterne,

so wie der Sonne Licht.

 

Nur durch meine Träume schweben

liebliche Bilder vergangener Zeit.

Um mich ein Märchen des Glückes weben,

erhellen mir die Wirklichkeit.

 

 


Wir hatten ein so glückliches Familienleben geführt, und meine herrliche Kindheit war der leuchtende Punkt, an den ich mich in meiner furchtbaren Einsamkeit klammerte. Ja, es war so, dass ich mich in dieser Masse von Menschen so unbeschreiblich einsam fühlte wie nie zuvor in meinem Leben und wie auch später nie mehr. Am wohlsten war mir, wenn ich auf der Pritsche lag und mir die Decke über den Kopf zog. Dann bildete ich mir ein, für mich allein zu sein, dann war ich mit allen Gedanken bei den Menschen, zu denen ich gehörte. Es ist furchtbar, nie für sich sein zu können, nicht beim Essen, nicht beim Schlafen, auf dem Klo nicht und auch nicht beim Waschen.

 

Großartig waren die Sonnenauf- und -untergänge, besonders im Winter, wenn die Sonne den Schnee der fernsten Hügel blutrot färbte. Das war ein einzigartiges Schauspiel, eine Symphonie von Farben im blendenden Weiß des Schnees, dessen glitzernde Decke sich dehnte, so weit man sehen konnte. An besonders kalten Tagen war der Himmel lichtgrün und sah aus wie eine gläserne Glocke. Wenn ein Schneesturm im Anzug war, hatte die Sonne zu beiden Seiten halbkreisförmige Regenbögen, Wie schön das auch aussah, wir betrachteten diese untrüglichen Zeichen nicht gerade mit Freude.

Wenn dann im Frühjahr der Schnee taute, gab es fürchterliche Überschwemmungen. Die Schmelzwasser kamen von den Hügeln und Bergen gelaufen und bildeten an tiefer gelegenen Stellen riesige Seen und Pfützen. Im Lager gab es knöcheltiefen Dreck, der so zäh war, dass man mit den Schuhen darin stecken blieb. Wir hatten den ganzen Tag nasse Füße, da wir, wenn wir zur Arbeit gingen, mehrere Seen durchqueren mussten. Am nächsten Tag zogen wir die nassen Schuhe wieder an, froh, wenn sie nicht auseinander fielen. Und doch waren wir glücklich, dass der furchtbare Winter nun vorüber war, von dem wir jedes Jahr glaubten, dass es ganz gewiss der letzte sei.

Wir arbeiteten nun hauptsächlich in der Nickelgrube, wo wir Eisenbahnschienen verlegten, Erde planierten oder Dämme machten. Der Nickel wurde im Tagebau gewonnen. Große Bagger luden die Nickelerde auf Eisenbahnwaggons, die dann nach Orsk zur Verarbeitung gebracht wurden. Die Nickelerde, die auch viel Eisen enthielt, leuchtete in den schönsten Farben, alle Schattierungen von grün bis rot. Sie war sehr fett und entsetzlich schwer, wenn man sie hin und her schaufeln musste.

  Wenn man auch ab und an noch Schnee erblickte, so schenkte uns der Mai doch den Frühling und verwandelte die kahle Steppe in ein Meer von Blüten. Wie erstaunt und entzückt war ich über diese Vielfalt der Blumen, diese Farbenpracht, diese Schönheit. Im Mai des vorigen Jahres hatten wir zu dieser Zeit in Quarantäne gelegen und darum dieses Wunder nicht miterlebt. Es gab kleine Schwertlilien, kleine Tulpen und Schneeglöckchen, die so aussahen wie Riesengeschwister der Schneeglöckchen, die wir kennen. Es blühte eine Art Märzenbecher, nur viel größer, die Blütenglocken mit einem feinen Fellchen überzogen. Wir tauften sie Uralglocken. Vielleicht heißen sie auch wirklich so. Wir pflückten große Sträuße, die wir in Büchsen, soweit vorhanden, auf unsere Pritschen stellten. Die Erde roch ganz wundervoll, und es war für mich wie eine Offenbarung nach all dem Sterben und der trostlosen Öde ringsherum. Lange konnten wir uns an dieser Pracht nicht freuen, denn wenn im Juli die Sonne vom Himmel brennt, verbrennt sie mit ihren Strahlen all diese Schönheit, und zurück bleibt nur das gelbe Steppengras.

Oft kamen lange Güterzüge mit Kohlen, die wir ausladen mussten. Wir bekamen grobe Gabeln, mit denen holten wir die Kohlen aus den Waggons heraus und schaufelten sie zur Seite. Das ist keine leichte Arbeit, und da ich immer noch sehr schmächtig war, fiel sie mir verdammt schwer. Wenn die Waggons nachts kamen, mussten wir nachts arbeiten, nachdem wir unseren schweren Arbeitstag schon hinter uns und oft schon geschlafen hatten. Es schlossen sich immer Gruppen zusammen, die jeweils einen Waggon ausluden.

Natürlich fanden sich immer die Starken zusammen, um recht schnell fertig zu werden. Wir anderen arbeiteten oft noch, wenn der Mond schon lange am Himmel stand und wir vor Müdigkeit fast umfielen. Ich war selig, als man mich einmal zu den Starken wählte. Nicht etwa, weil ich plötzlich kräftiger geworden war, sondern auf Illis Fürsprache hin. Illi war mein guter Kumpel, der mir oft half, wenn ich nicht mehr weiter konnte. Sie war ein so lieber, feiner Mensch und hatte jene Güte und Herzensbildung, die ich bei den sogenannten „Gebildeten“ in Russland so oft vermisste. Ich denke noch heute mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit an die gute Illi, die mit mir zusammen aus der Gefangenschaft entlassen wurde und sich dann später in der Ostzone verheiratete.

  Die blonde Frau des Danziger Fabrikanten, die wir so oft um die Wärme ihrer drei Pelzmäntel beneidet hatten, starb in diesem Sommer. Sie hatte sich so sehr verändert, dass wohl niemand ihrer Angehörigen sie wiedererkannt hätte. Seelisch und körperlich vollkommen gebrochen, ließ sie sich so gehen, dass es selbst in dieser Umgebung schrecklich anzusehen war. Schmutzig und verlaust lag sie auf ihrer Pritsche, die sie nur mit Hilfe anderer verlassen konnte. Sie hatte wohl eine Nieren­erkrankung, denn ihre Beine waren dick verschwollen, und sie war nicht mehr fähig, das Wasser zu halten. Der Tod war eine Erlösung für sie, die nur noch ein Schatten ihrer selbst war.— Wanda, die sich immer um sie gekümmert hatte, erbte den letzten der vielbeneideten Pelzmäntel, die anderen waren spurlos verschwunden.

  Um diese Zeit bekamen wir einen neuen russischen Lagerleiter. Wir waren immer misstrauisch, wenn etwas Neues kam, denn es war eigentlich nie etwas Gutes. Als ich ihn zum ersten Mal sah, bekam ich einen Schrecken. Er war ein Jude von wenig ansprechendem Äußeren, und ich musste sofort an die schrecklichen Bilder aus den deutschen Konzentrationslagern denken, die man uns hier gezeigt hatte. Würde er sich nicht zu rächen versuchen, wo wir ihm so vollkommen wehrlos ausgeliefert waren? Wenige Zeit später merkte ich, wie falsch ich ihn eingeschätzt hatte und wie gut es das Schicksal mit uns meinte, dass es uns gerade diesen Menschen sandte. Wenn man mit ihm sprach, war sein unschönes Gesicht so sehr von der Güte seiner Augen überstrahlt, dass man ihn gar nicht mehr als hässlich empfand. Er wurde von allen geliebt, und wir waren dankbar, dass wir nun einmal einen Vorgesetzten gefunden hatten, der es wahrhaft gut mit uns meinte. Mit allen Mitteln versuchte er, unsere Situation zu erleichtern, indem er jedem mit Güte und Verständnis entgegenkam. Er war ein wirklicher Mensch, der uns nicht mit politischen Phrasen überschüttete, sondern das ausübte, was so selten auf dieser Erde zu finden ist: tätiges Mitleid. Es wird mir ganz warm ums Herz, wenn ich von ihm schreibe, gehörte er doch zu den lichten Punkten dieser sonst so harten Jahre. Wie oft hat er Gefangenen, die in den Karzer gesteckt worden waren, verholfen, wieder herauszukommen. Er hat versucht, uns bessere Kleidung zu verschaffen, und dafür gesorgt, dass beim Essen nichts unterschlagen wurde.

Ich war damals dazu auserkoren worden, die Lagerzeitschrift für die Frauen herauszugeben. Ein undankbares Unterfangen. Ich schrieb die Artikel, musste sie mit der Hand drucken und dann illustrieren. Das Papier war schlecht und schwer zu bekommen. Buntstifte waren Kostbarkeiten, jedes Stummelchen ein wahrer Schatz! Die Wahrheit durfte ich natürlich nicht schreiben, sondern musste mich an das halten, was mir der Kommissar, den wir natürlich auch im Lager hatten, vorschrieb.

Wer hat denn schon Lust, so eine verlogene Zeitschrift zu lesen? Unser neuer Lagerkommandant wollte mich im Lager behalten, damit ich mich ganz der Aufgabe, eine gute Frauenzeitschrift herzustellen, widmen konnte. Das war sehr freundlich von ihm, denn ich merkte, er wollte mir die schwere Arbeit in der Nickelgrube ersparen. Ich war nicht so ganz begeistert von seinem Angebot, denn unserem unmittelbaren Vorgesetzten, Herrn Preuss, den ganzen Tag unter den Augen zu sein, erschien mir nicht erstrebenswert. Ich hatte schon üble Erfahrungen mit ihm gemacht. Er erkaufte sich die Gunst seiner jeweiligen Favoritinnen mit Esswaren und Seife, und als ich eines Tages ablehnte, für einen Teller Bratkartoffeln und ein Stückchen Seife eine Nacht mit ihm zu verbringen, war er sehr böse mit mir, und ich ging ihm, wenn möglich, aus dem Wege. Da nun gerade der beliebte Posten bei der Nickelprobe frei war, bat ich, mich dorthin zu versetzen, und das geschah dann auch, und ich war vom Sommer 46 bis Frühjahr 47 so etwas wie eine Individualität, was ich als sehr wohltuend empfand.

  Ich hatte 12 Stunden Dienst und dann 12 Stunden frei. Manchmal tags, manchmal nachts. Ich wurde von einem Ukrainer abgeholt und wieder zurück ins Lager gebracht, jetzt sogar ohne Schießknarre. Die Nickelgrube war ca. eine halbe Stunde vom Lager entfernt. Wo die Eisenbahnschienen aus der Grube führten, stand ein winziges Häuschen, genau wie alle anderen aus Lehmziegeln bestehend und einen kleinen Raum enthaltend. Das war mein Aufenthaltsraum und mein neues Betätigungsfeld. An dem kleinen Fensterchen stand eine schmale Bank, praktisch nur ein Holzbrett, und an der Rückseite ein gemauerter Herd. Mehr Inventar gab es nicht, mehr war auch nicht notwendig. Meine Aufgabe bestand darin, aufzupassen, wann die mit Nickelerde vollgeladenen Waggons aus der Grube gefahren kamen und auf den Gleisen, unweit des Häuschens, stehen blieben. Dann kletterte ich auf jeden Waggon und schaufelte ein paar Hände voll Nickelerde in ein kleines Säckchen. War das Säckchen voll, brachte ich es in meine Behausung, wo ich es auf einem Blech ausschüttete, das in einer Ecke lag. Dann sauste ich zum nächsten Waggon. Ich musste sausen, denn oft fuhr der Zug schon los, wenn ich noch irgendwo oben hockte, und dann musste ich sehen, dass ich herunterkam, sonst wäre ich mit bis nach Orsk gefahren. Wenn alle Nickelproben dieses Zuges auf dem Blech lagen, nahm ich den schweren Puffer einer Lokomotive, der für diesen Zweck da war, und zerkleinerte mit ihm die Klumpen der Nickelerde.

Das war nicht ganz so einfach, denn der Puffer hatte ein ganz nettes Gewicht, und man musste ihn ganz flink um seine Achse drehen, um durch die Geschwindigkeit sein Gewicht zu reduzieren. Ich hatte das bald heraus, und dann tanzte er auf der Nickelerde herum, ohne dass ich mich allzu sehr anstrengen musste. Danach wurde die Erde gesiebt, noch einmal mit dem Puffer bearbeitet und in ein anderes Säckchen gefüllt. Wenn das alles fertig war, zog ich los, um die Probe ins „Labor“ zu bringen. Dort wurde die Erde auf ihren Nickelgehalt hin geprüft; das Ergebnis musste in Orsk sein, bevor der Zug dort eintraf.

So hockte ich denn an meinem Fensterchen und war auf den Beinen, sobald der Pfiff der Lokomotive ertönte. Wenn nachts keine Waggons kamen, legte ich mich auf das schmale Bänkchen und schlief, - mein Ohr wachte für mich, denn es hörte sogar im Schlaf das Pfeifen, und nie ist mir eine Ladung Nickel durch die Binsen gegangen. Das war nämlich meiner Vorgängerin passiert. Sie war mit einem Ukrainer aus der Grube, mit dem sie sich angefreundet hatte, in die Steppe gegangen, wo die zwei vor lauter Verliebtheit das Pfeifen der Lok nicht hörten und die Waggons ohne Erdproben gen Orsk fahren ließen. Das gab einen Riesenkrach. Bevor ich nun diesen Posten bezog, hat mir unser guter Kommandant eine lange Rede gehalten, was alles ich lieber nicht tun sollte und auch, was ich tun sollte, wenn ich z. B. nachts überfallen würde usw. Ich habe mir seine Ratschläge zu Herzen genommen und bin gut dabei gefahren.

Herrlich war's, stundenlang ganz allein zu sein, durch die Steppe zu gehen, natürlich immer nur so weit, dass ich den Grubenausgang nicht aus den Augen verlor, oder im Gras zu liegen, wenn am Abend die Sonne in den herrlichsten Farben am Horizont versank.

 

Himmel und Erde

 

Schau des Himmels sonnenverklärtes

Wolken beschwertes, unendlich tiefes Blau,

drauf nachts im Dunkeln die Sterne funkeln

wie Diamanten am Hals einer schönen Frau!

 

Die Erde dagegen trägt voller Segen

ein schlichtes Arbeitskleid.

Doch strahlt sie, wenn zur Frühlingszeit

die Götter sie schmücken – zur Frucht bereit.

 

 

 

Wo Himmel und Erde sich vereinen,

da will das Ende der Welt uns scheinen.

Doch nie ein End zu finden ist,

so oft auch der Himmel die Erde küsst.

 

Dort steht der Mensch, Geschöpf der Welt,

von Schicksalsmächten hineingestellt,

ein Kind zu sein der Mutter Erde,

auf dass ihm einst der Himmel werde.



 

 


Dann hörte ich nur das Trillern der Lerchen und das Zirpen der Grillen, und nie war ich in Russland so glücklich wie in dieser Zeit.

  Wunderbar waren die Sommernächte, und ich saß oft stundenlang vor dem Häuschen und sah in die Sterne. Der Sternenhimmel dort schien mir von überwältigender Größe und Schönheit. Die Sterne waren mir ganz nahe, und wenn ich sie anschaute, dachte ich an zu Hause, ob meine Lieben wohl am Leben seien und ob sie auch mit solcher Sehnsucht das Himmelszelt betrachteten. Ich machte viele Gedichte, die ich später in einem Heft zusammentrug. Leider ist es mir dann in Brest Litowsk abhanden gekommen.

Im Sommer war auch der Weg ins Labor, ich ging ungefähr eine Stunde, ein schönes Erlebnis! Diese großartige Einsamkeit der Steppe nahm mich immer wieder gefangen. Nie begegnete ich einer menschlichen Seele, und auch wenn ich nachts meinen Weg machen musste, das silberne Glänzen der Eisenbahnschienen als Wegweiser, hatte ich keine Furcht.

  Mit den Ukrainern, die meine Vorgesetzten waren, verstand ich mich gut. Sie mussten das Laden der Waggons beaufsichtigen und die Nummern der Waggons aufschreiben, wenn der Zug aus der Grube herausgefahren war. Riesige Bagger schaufelten die grünbraune Erde auf die Waggons Sie kamen mir vor wie ewig hungrige Riesenmäuler, deren Kettenfüße sich langsam durch die Fettschicht der Erde mahlten. Manchmal ging eines von diesen Urviechern kaputt, und der Ukrainer, der gerade Dienst hatte, musste den Grubeningenieur holen, damit der Schaden behoben wurde. Inzwischen konnte ich mich ins Gras legen und warten, bis wieder geladen wurde.

  Victor war der intelligenteste der Ukrainer – er war blond, lang und dünn und schielte fürchterlich. Victor hatte eine gute Schulbildung, sprach fließend Deutsch und war an allem interessiert, was ich ihm aus Deutschland erzählen konnte. Peter oder Pjotr war klein, gedrungen, sehr kindlich und wahnsinnig gutmütig. Ihm fiel es immer schwer, die langstelligen Ziffern der Waggons aufzuschreiben. Er drückte mir oft Papier und Bleistift in die Hand mit der Bitte, ihm zu helfen. Dafür kletterte er dann für mich auf die Waggons oder ging bei Schneesturm meinen Weg zum Labor. Mit Peter konnte man nicht diskutieren, dafür erzählte ich ihm, wenn wir nachts zusammen vor dem Häuschen saßen und auf neue Arbeit warteten, deutsche Märchen. Davon konnte er nie genug bekommen. Wahrscheinlich hatte seine Mutter für solche Dinge keine Zeit gehabt, und das holten wir nun nach.

  Fabelhaft sah Friedrich aus, der Ingenieur. Er war groß und kräftig, mit vollem dunklem Haar und Zähnen eines Filmstars. Wenn er in seinem blauen Hemd den Eisenbahndamm entlang segelte, reckten alle weiblichen Gefangenen die Hälse, und wenn er nahe genug vorbeikam, wurde er prompt nach der Uhrzeit gefragt. Mir gefiel Friedrich natürlich auch ausnehmend gut. Er hieß mit Familiennamen auch noch Schatz! Aber glücklicherweise arbeitete er in der anderen Schicht, und so kam ich gar nicht erst in Versuchung, die Mahnungen des Kommandanten außer acht zu lassen.

Wenn ich nachts gearbeitet hatte, ging ich oft allein ins Lager zurück, weil meine Begleiter noch in der Grube beschäftigt waren. Ich machte in solchen Fällen einen Umweg und ging zu einem großen, klaren See. Dieser See war ein Teil der alten Nickelgrube. Er lag zwischen hohen Bergen und gehörte wohl zu den riesigen Tälern, die nimmer müde Bagger im Laufe der Jahre geschaffen hatten. Nun war dort meine Badeanstalt, wo ich nach Herzenslust schwimmen konnte.

  Im Lager angekommen, bekam ich mein Essen, verschwand dann auf meine Pritsche und versuchte, trotz Lärm und Wanzen einzuschlafen. Die Wanzen waren noch schlimmer als der Krach. Was haben diese Biester uns gequält, rückten zu Tausenden an und ließen uns keine Ruhe. Wenn sie sich gut vollgesogen hatten, sahen sie aus wie braune Tönnchen, die unter der Last ihres Bauches davon wankten. Tippte man sie an, zerplatzten sie und hinterließen einen unangenehmen Geruch. In wie vielen Nächten packten wir unsere Strohsäcke, die wir inzwischen bekommen hatten, und zogen vor die Baracke, um dort zu nächtigen. Schrecklich war es nur, wenn dann Regen kam und wir wieder zurück in die Baracken mussten. Dann waren diese Quälgeister besonders hungrig und ließen keinen zur Ruhe kommen. Kopf- und Kleiderläuse waren durch das Entlausen alle 14 Tage zwar erheblich weniger geworden, aber immer noch in genügender Zahl vorhanden.

  So verging der Sommer, und als der erste Zug Wildgänse über die Steppe zog, wusste ich, dass es nun bald Herbst werden würde. Manches im Lager hatte sich gebessert, doch das schreckliche Heimweh war das gleiche geblieben.

  Von den Russen unterstützt, hatte sich eine Lagerkapelle gebildet, die sonnabends zum Tanz aufspielte oder an den sogenannten „Bunten Abenden“ den musikalischen Teil übernahm. Im Versammlungsraum stand als erster Bestandteil der Kapelle ein Klavier. Wie es in diese gottverlassene Gegend gekommen war, weiß ich bis heute nicht. Wahrscheinlich war es Beutegut aus Deutschland, las ich doch auf den Nickelwaggons immer wieder: München, Kassel, Wien.

Langsam fanden sich die Musiker zusammen, und nach gar nicht langer Zeit gab es ein Saxophon, eine Geige und ein selbstgebautes Cello. Ich beteiligte mich beim Theaterspielen, beim Chor und später auch als Gesangssolistin. Am liebsten führten wir Märchen auf, denn in diese Themen konnte uns kein Russe Politik und Tendenz ähnlicher Art einmischen. Ohne das ging natürlich kein Theaterstück über die Bühne. Könige und Prinzessinnen gab es nicht, die mussten wir durch Minister und Bauerntöchter ersetzen. Und falls doch einmal ein König genehmigt wurde, musste er als ein so bejammernswürdiger Trottel dargestellt werden, dass an seinen königlichen Fähigkeiten wahrhaftig kein Zweifel bestand,

Aus alten Tüchern wurden Gewänder fabriziert, zerrissene Gardinen dienten als Schleier, Wenn der Potitoffizier befahl, dass dann oder dann ein „Bunter Abend“ stattzufinden habe, musste es eben irgendwie klappen, und wenn wir uns das Material zusammenklauten. Herr Preuss, mein besonderer Freund, inspizierte gerne die Proben und spielte Regisseur, wenn zum Beispiel die Bauerntochter dem Schweinehirten einen Kuss zu geben hatte. Das war vollkommen überflüssig, denn das konnten wir auch ohne seine Hilfe.

  Wir hatten eine Tänzerin. Sie hieß Christel und verfügte über sehr hübsche Beine, die dann bei der Aufführung unseren Posten und Lageroffizieren schwer ins Auge fielen. Bertel steppte dem staunenden Publikum etwas vor, und Lottchen sang wie eine Lerche. Die Russen, die meist auch mit ihren Damen, soweit vorhanden, erschienen waren, klatschten genauso begeistert Beifall wie die Gefangenen, sie waren ein anspruchsloses Publikum.

Die Offiziere und Posten unseres Lagers führten kein abwechslungsreiches Dasein, und jeder von ihnen war in dieses öde, klimatisch so schwer erträgliche Gebiet versetzt worden, weil er etwas ausgefressen hatte. Wir befanden uns in Kimpersai und später auch in Orsk in einem ausgesprochenen Sträflingsgebiet, freiwillig kam niemand hierher.

  Die Freude der Russen an unseren Vorführungen und ihre Begeisterung für die neue Lagerkapelle hinderten sie aber gar nicht daran, uns mit ihren ewigen Verhören, die doch nichts Neues zum Vorschein brachten, das Leben zu erschweren.

Ich kam auch öfters dran, wurde aber immer korrekt behandelt. Mir genügte jedoch schon allein die Angst, die ich ausstand, wenn ich in den kahlen Raum gerufen wurde, in dem der Kommissar saß, der immer wie ein Eisklotz auf mich wirkte, zusammen mit dem Dolmetscher, der mir das kalte Grausen über den Rücken jagte, wenn er hämisch grinsend seine sämtlichen Silberzähne zeigte.

  Sehr beliebt war bei den Russen auch das Aus- und Umräumen der Baracken. Am liebsten tätigten sie das an den christlichen Feiertagen, wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten. Dann mussten wir mit unserem ganzen Krempel vor die Baracke ziehen, die gründlich inspiziert wurde. Langsam ging es dann der Reihe nach wieder hinein. Es dauerte stundenlang, denn wir waren zum Beispiel in unserer Baracke 300 Frauen. Bei Regenwetter war dieses Spiel besonders nett. Sie durchwühlten sämtliche Sachen und nahmen das, was ihnen ins Auge stach. Wenn wir Glück hatten, kamen wir zurück in die gleiche Baracke. Wenn nicht, wurde alles durcheinandergewirbelt und neu geordnet. Grässlich fanden wir das. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und wenn wir an unsere Bretter gewöhnt waren, wollten wir sie nicht mit anderen vertauschen, auch wenn diese ebenso aussahen.

  Bevor es Winter wurde, stattete ich zusammen mit Peter den Tschetschenen einen Besuch ab. Sie hatten uns einmal eingeladen, ihre Behausungen waren ganz in der Nähe unserer Nickelprobenhütte Die Tschetschenen sind ein Volksstamm aus dem Kaukasus, der genau wie die Ukrainer hierher verschleppt worden war, weil er mit den Deutschen sympathisiert hatte. Sie waren richtige Orientalen. Die Frauen, obwohl dreckig und ungepflegt, waren teilweise bildschön. Mit 15 Jahren waren sie vollkommen ausgewachsen und sahen mit 40 wie alte Frauen aus. Ich fragte eine zahnlose alte Frau, der ich mindestens 60 gegeben hatte, nach ihrem Alter, worauf sie viermal ihre zehn Finger zeigte. Wir mussten manchmal mit ihnen zusammenarbeiten, Eisenbahndämme aufschütten oder Schienen verlegen. Das hatten wir gar nicht gern, denn sie waren schrecklich faul. Sie hockten sich zusammen und redeten schnell und ohne Unterbrechung mit Mund, Händen und Füßen. Wenn der Vorarbeiter mit ihnen schimpfte, ließen sie das wie einen Regen über sich ergehen, ohne sich auch nur im geringsten an seine Befehle zu halten. Die Frauen trugen damals weiße, weite Gewänder und darunter knöchellange Pumphosen. Sie hatten herrliche lange schwarze Haare und große Ringe in den Ohren. Oft verschwanden zwei oder drei der Frauen hinter einem Hügel und kamen eine ganze Weile nicht mehr zum Vorschein. Ich schlich ihnen einmal nach, um zu sehen, was sie da wohl machten. Das eine Mal reichte mir. Ich sah sie friedlich beisammen hocken, sich die Kleiderläuse heraussammeln und verspeisen - mir wurde ganz übel bei dem Anblick. So waren sie immer beschäftigt, und da die Norm erfüllt werden musste, blieb die ganze Arbeit an uns hängen.

Es missfiel ihnen sehr, wenn wir bei großer Sommerhitze in selbst genähten kurzen Hosen arbeiteten. Sie starrten uns dann ganz entsetzt an, kniffen uns in die Beine oder betasteten unsere nackten Arme. Ein solcher Anblick war bestimmt absolut neu für sie. Es gab weniger Männer als Frauen, und mir schien es, als hätte ein Mann mehrere Frauen. Auch die Männer sahen sehr gut, aber irgendwie finster aus. Selbst bei der größten Hitze trugen sie hohe Fellmützen, die wie Bienenkörbe geformt waren. Sie waren groß und schlank gewachsen. Im Gürtel steckte ein gebogenes Messer, und wenn sie so aufrecht die Eisenbahnschienen entlanggingen, sahen sie nicht aus wie Gefangene.

Wie Pech und Schwefel hielten die Tschetschenen zusammen, und irgendwie kamen die Russen nicht an sie heran. Einmal erlebte ich, wie im Winter eine Tschetschenenfrau an der Stelle, wo die Lokomotive, welche die Nickelerde beförderte, Kohlen und Wasser nahm, einen Korb mit Kohlen klaute. Das tat jeder hier. Das Schwierige an der Aktion war nur, sich nicht erwischen zu lassen. Sie wurde erwischt und von dem Russen, der die Kohlen bewachte, festgehalten. Da stieß sie einen durchdringenden Pfiff aus, und nach einigen Minuten erschienen mehrere Tschetschenen, die anfingen, sich mit dem Russen zu prügeln. Bei dieser Gelegenheit entwischte die Frau mitsamt den Kohlen. Danach war von den Tschetschenen nichts mehr zu erblicken, es war, als hätte der Erdboden sie verschluckt.

Wir besuchten sie während der Nachtschicht. In ihren primitiven Häuschen gab es nur einen großen Raum, dessen einziges Mobiliar der unentbehrliche Herd war. Sie lagen auf Fellen auf der Erde, im Herd flackerte ein helles Feuer, das den ganzen Raum in ein unruhiges Licht tauchte. Sie hatten einen Kreis gebildet und schlugen mit den Händen auf trommelähnliche Instrumente, die ein monotones Geräusch machten. In der Mitte des Kreises tanzte eine mit vielen glänzenden Münzen geschmückte Frau, die die Augen geschlossen hatte und wie in Trance zu sein schien. Niemand beachtete uns, und wir haben ihnen eine ganze Weile zugeschaut. Plötzlich öffnete die Tänzerin die Augen, als erwache sie aus einem tiefen Schlaf. Sie sah mich an, streckte die Hände nach mir aus und wollte mich in den Kreis ziehen. Das war mir in diesem Raum mit den so fremdartigen Menschen unheimlich. Ich bekam Angst und lief hinaus in die Nacht, zurück zu meinem Nickelhäuschen. Später haben die Tschetschenen mich nicht wieder zu einem Besuch eingeladen.

  Es wurde herbstlich kühl, schon Anfang September, und die Wildgänse zogen wieder laut schreiend über die Steppe. Mit welcher Sehnsucht schaute ich ihnen nach, wie gerne wäre ich mit ihnen gezogen. Ich beneidete sie glühend und konnte mich nicht satt sehen an ihren geraden, keilförmigen Formation.



Das Lied der Sehnsucht


Das Lied der Sehnsucht, es ist mir bekannt,

es ward gar oft mir gesungen.

In diesem fremden, öden Land

hat brennend heiß es geklungen.

 

Wenn über der Steppe Einsamkeit

heulend die Winde fegen,

über ihr herbstlichgelbes, dürftiges Kleid

peitscht ein nicht endender Regen.

 

Wenn hoch in des Himmels Unendlichkeit

die wilden Gänse fliegen,

wenn jede von ihnen so traurig schreit

vor Sehnsucht nach dem Süden.

 

Und der Wind wie ein scharfes Messer ist

und Berge von Schnee erbaute,

wenn die Kälte durch alle Kleider sich frisst

und das Eis am Fenster nie taute

 

Wenn in schneedurchpeitschter Winternacht

die Wölfe so schaurig klagen,

wenn der Huf des Pferdes im Eise kracht

und keuchende Stürme sich jagen.

 

Wenn die Frühlingswärme das Weiße taut,

und die ersten Tulpen erblühen,

wenn das Auge verlangend nach Westen schaut,

wo die Strahlen der Sonne verglühen.

 

Das Lied der Sehnsucht,

dann hörst du es singen,

in Sturm und Regen wird es dir klingen,

im Schrei der Tiere, im Sterne-Erstehn,

im Frühlingserwachen, im Herbstes-Vergehn,

das Lied der Sehnsucht, das jeder kennt,

den Land und Meer von der Heimat trennt.

 

 



Im Lager rüstete man sich für den Winter. Zwischen die Doppelfenster wurde zur Abdichtung Watte gesteckt, und in der Steppe wurden Gräben ausgehoben für diejenigen, die im Winter dran glauben mussten. Als die Kälte richtig einsetzte, bekamen wir Wattehosen und Jacken sowie Filzstiefel. Wie froh wir darüber waren, kann man sich kaum vorstellen. Wenn mein Mann mir jetzt einen Nerzmantel schenken würde, es wäre nicht so ein Ereignis wie es die warmen Sachen es damals im Winter 1946 für mich waren. Auf die Filzstiefel musste man verdammt aufpassen. Wenn sie nicht zu nass waren, legte ich sie mir nachts unter den Kopf. Wie oft fehlten am Morgen ein oder zwei Paar Stiefel! Nicht nur, dass man etwas ganz Kostbares verloren hatte, sie waren natürlich gestohlen worden, man wurde auch noch wegen „Sabotage“ bestraft, weil man das Eigentum des Lagers missachtet hatte! Die Täter wurden praktisch nie gefunden; sie tauschten die Stiefel gewöhnlich gegen Lebensmittel ein. Dies gehört auch zum Kapitel Nächstenliebe!

  Nach den herbstlichen Regengüssen, die Dächer der Baracken durchweichten und als kleine oder große Bäche an den Wänden entlang liefen und auf unsere Pritschen tropften, kam Ende September der erste Schnee. Bald waren die Schlammwege des Lagers steinhart gefroren, und wenn man mit bloßen Händen eine Türklinke anfasste, blieb man daran hängen.

In meinem Häuschen war es saukalt, denn der Wind pfiff durch alle Ritzen und unter der Tür durch, die einen breiten Spalt hatte. Victor und Peter schickten mich zum Kohlenstehlen. Sie meinten, ich sei ja sowieso Sträfling, da könnte mir eigentlich nichts weiter mehr geschehen. Ich war sehr ungeschickt beim Stehlen. Peter zeigte mir dann genau, wie ich es machen musste. Ich stand vor der Wahl, entweder zu klauen oder zu frieren, und da ich ganz entsetzlich fror, entschloss ich mich zum Stehlen.

Ich musste aufpassen, wenn der Russe an der Lok-Versorgungsstelle mal den Rücken kehrte oder in seinem Postenhäuschen verschwand, dann füllte ich ganz fix das Säckchen, das eigentlich für die Nickelproben bestimmt war, mit Kohlen und machte, dass ich fortkam. Ging das nicht schnell genug und ich wurde erwischt, schüttete der Russe unter entsetzlichen Flüchen, wer einmal in Russland war, kennt diese fabelhafte Vielfalt und Scheußlichkeit der Flüche bestimmt genau so gut wie ich, meine Beute wieder zurück auf den Kohlenhaufen, und ich musste warten, bis sich eine bessere Gelegenheit bot.

Die Nickelerde auf den Waggons war nun steinhart gefroren. Ich hatte einen Hammer, um sie erst einmal loszuschlagen, bevor ich sie in den Beutel befördern konnte. Die eisernen Leitern, die an den Waggons hoch führten, waren ganz vereist, und es war eine Kunst, mit den dicken, ungeschickten Filzstiefeln dort rauf- und runterzuklettern. Ab und an mogelte ich und ließ einen Waggon aus, nahm dafür von dem gleichen die doppelte Menge Erde. Das fiel dann gar nicht auf. Peter hatte mich auf die Idee gebracht, und auch hier war mal wieder das Motto: „Nur nicht erwischen lassen!“

Der Weg ins Labor war nun auch kein Vergnügen mehr, besonders bei Schneesturm, wenn mein Gesicht ganz verpackt sein musste und der nun endlos scheinende Weg ein hartes Kämpfen gegen den rasenden Sturm war. In der weißen Wüste des Schnees waren die Schienen meine einzige Orientierung, und als ich einmal ganz in meiner Nähe einen Wolf heulen hörte, vielleicht war es auch nur ein einsamer Hund, legte ich den Rest des Weges im Laufschritt zurück.

Bei Sturm bot auch das Häuschen wenig Schutz. Der Schnee wurde unter der Tür hindurch in den Raum geschoben, je nach Richtung des Windes waren bald richtige Schneewehen da, die sich rasend schnell vergrößerten. Ich hockte mich auf den Herd, um noch den letzten Rest von Wärme zu erhaschen. Das Feuer war am Ausgehen, und neue Kohlen konnte ich im bei Schneesturm natürlich auch nicht holen. Eines Nachts fror ich so entsetzlich, dass ich beschloss, mir etwas Wärme zu suchen. Bei dem Wetter konnten sowieso keine Waggons geladen werden, und so zog ich los.

Im Postenhäuschen an der Lok-Versorgungsstelle hockten ein paar Männer um den kleinen Kanonenofen, der vor Hitze beinahe glühte. Hier hatte man scheinbar Kohlen?! Als die Männer mich in meiner Ecke stehen sahen, riefen sie mich näher an das Feuer heran. Als sie sahen, dass ich todmüde war, empfahlen sie mir eine große, mit warmem Sand gefüllte Kiste als günstigsten Schlafplatz. Das war eine großartige Idee. Ich kuschelte mich in den warmen Sand, und da glücklicherweise bis zum Morgen keine Waggons kamen, schlief ich, bis es Zeit war, ins Lager zu gehen,

  Eines Nachts, Peter und ich saßen im Häuschen und warteten auf Arbeit, klopfte es wie verrückt an der Tür. Wir sahen uns entgeistert an. Wer konnte das wohl sein, so mitten in der Nacht?

Es war Herr Preuss, unser vielgeliebter Lagerkommandant. Er war mit seinem Pferdeschlitten vorgefahren, um mich zu einer kleinen Vergnügungsfahrt einzuladen. Preuss hatte sich von den Gefangenen im Dorf ein Haus bauen und einrichten lassen. Er war sehr stolz auf dieses Haus, und nun sollte ich es ansehen. Herr Preuss war etwas unsicher auf den Beinen, und als Peter ihm einen kräftigen Schubs gab, flog er nach hinten über in den Schnee.

Er war ganz schön betrunken und ich froh und dankbar, dass Peter mich so tatkräftig unterstützte. Natürlich war Herr Preuss so wütend, dass er nach Luft schnappte. Als er wieder abfuhr, schwor er fürchterliche Rache. Er rächte sich, indem er mich mit dem ersten Transport mitschickte, der im Frühjahr nach Orsk fuhr. Ich war darüber sehr unglücklich, hatte ich doch hier eine Arbeit, die man für russische Verhältnisse als fabelhaft bezeichnen konnte. Außerdem hatte ich mich an meine Umgebung gewöhnt und wusste nicht, wie es mir in Orsk ergehen würde. Leider war inzwischen auch der russische Major, der uns allen so hilfreich zur Seite gestanden hatte, versetzt worden. Man hatte wohl in Moskau erfahren, dass er uns so gut oder vielleicht zu gut behandelt hatte. Sein Nachfolger versuchte das nun wieder „auszugleichen“, indem er ein äußerst strenges Regime einführte. Er war lang und dünn und hieß bei uns nur „der Lange“..

                                    Weihnachten in Kasachstan

(Weihnachtsfest 1946)

 

Schweigend liegt die Steppe

in weißer Einsamkeit,

sie trägt eine silberne Schleppe

wie eine Königsmaid.

 

über ihr wölbt sich der Himmel

in ewig wechselnder Pracht,

bald rosiger Wölkchen Gewimmel,

bald sternenbesät bei Nacht,

 

Kein Baum, kein Strauch wächst hier oben.

Weite, wohin man sieht,

nur ferne, nebelumwoben,

von Orsk ein Lichtermeer glüht,

 

Doch auch an dieser Stelle

tönt durch die Herzen ein Klang,

dringt durch die Eiseshülle,

Weihnachtslieder Gesang.

 

Kein Christbaum schmückt unsre Räume,

kein Lichtlein am Fenster steht,

und tausend sehnsücht'ge Träume

der Wind nach Westen weht.

 

Im Herzen müssen wir schauen

die Kerzen, die Tannen so grün,

müssen uns Welten erbauen,

auf denen die Christrosen blühn.

 

 

Christ ist auch uns geboren,

die wir verlassen sind,

auch in der Steppe verloren

wieget Maria ihr Kind,

 

Sie singt ihm mit zärtlichen Worten

das Lied, allhergebracht.

Es klingt uns allerorten:

„Stille Nacht, Heilige Nacht“

 


So packte ich denn zusammen mit einigen Leidensgenossen mein Bündelchen und zog los, dem zweiten Teil dieses Dramas entgegen.

 

                               Gott, du allein weißt, wie alles entsteht,

du weißt auch, wie alles zu Ende geht.

du lässt uns weinen, du lässt uns lachen,

am Abend entschlummern, am Morgen erwachen.

Du allein weißt, was gut für uns ist,

weil du Deiner Kinder nie vergisst.

Und blicke ich zu den Sternen hinauf

und bedenke der Erde wechselnden Lauf,

vergess ich den Raum, vergess ich die Zeit,

und beuge mich Deiner Unendlichkeit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

O r s k – Frühjahr 1947 bis Oktober 1949

Als ich nach Orsk fuhr, begann die Sonne schon wieder wärmer zu scheinen, und auf der Fahrt sahen wir blühende Tulpen und Schwertlilien. Zum Abschied waren Victor und Peter ans Lagertor gekommen, um zu sagen, wie leid es ihnen täte, dass ich nun nicht mehr bei der Nickelprobe arbeiten würde. Sie wünschten mir recht viel Gutes für die Zukunft, hauptsächlich, dass ich doch noch einmal nach Hause kommen möge. Wir fuhren wieder in Viehwagen, unter Postenbewachung. In diesen menschenleeren Gebieten gibt es nur eingleisige Schienen, und oft mussten wir an einer Ausweichstelle stundenlang warten, damit ein anderer Güterzug an uns vorbeifahren konnte. Dieser Umstand hatte auch die Hinfahrt so sehr in die Länge gezogen.

Während das Arbeits- und darum das Lebenszentrum von Kimpersai die Nickelgrube gewesen war, befanden wir uns in Orsk im Machtbereich der enorm ausgedehnten Nickelfabrik, die mit ihren hohen Schornsteinen, aus denen Tag und Nacht graue Rauchwolken zogen, ihren riesigen Schmelzöfen, ihren hässlichen dunklen Arbeitshallen das Leben aller Gefangenen bestimmte. Wir waren nicht nur Reichsdeutsche hier, sondern im Lager befanden sich auch Rumänen und Ungarn deutscher Abstammung. Es gab in der Nähe ein japanisches Gefangenenlager, und nicht zuletzt gab es Arbeitsbrigaden russischer Sträflinge, die alle von der Nickelfabrik aufgesogen wurden,

Der Posten führte uns durch das wie üblich mit dem roten Stern verzierte Lagertor. Wie üblich hingen überall die Parolen, die Stalin und die siegreiche Rote Armee feierten oder zur Arbeit anfeuern sollten. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ und ähnlich sinnige Ergüsse, die wohl in keinem Gefangenenlager fehlten. Wie üblich, lungerten auch hier die dystrophischen Elendsgestalten herum, die zu schwach waren, um zu arbeiten. Wie üblich, war der Platz vor den Baracken vollkommen aufgeweicht, so dass man knöcheltief im Dreck versank, wenn man nicht aufpasste. Die Baracken waren größer als in Kimpersai und auch besser gebaut, jedenfalls tropfte es hier bei Regenwetter nicht durch die Decke, und auch die großen und kleinen Rinnsale an den Wänden fehlten.

Die Ungarn und Rumänen erkannte man sofort an ihrem besseren Aussehen. Alle Dystrophiker waren Reichsdeutsche. Das kam daher: Als die Russen die Leute aus Ungarn und Rumänien requirierten, wurde ihnen gestattet, eine bestimmte Menge an Gepäck mitzunehmen. Kleidungsstücke, Federbetten, haltbare Esswaren. Sie wussten, dass es nach Russland ging, und hatten die Möglichkeit, sich darauf einzustellen. Das war ein großer Vorteil uns gegenüber. Zudem standen sie mit den Russen auf besserem Fuß als die Reichsdeutschen, die doch alle mehr oder weniger als Kriegsverbrecher angesehen wurden.

  Kurz nach unserer Ankunft wurde der russische Offizier, der das Lager geleitet hatte, abgesetzt. Warum weiß ich nicht, das wusste man in Russland ja eigentlich nie. Jedenfalls war das unser Glück, denn der Russe war ein ausgesprochener Deutschenhasser, der im Krieg einen Arm verloren hatte und uns wahrscheinlich dafür verantwortlich machte. Durch Schikanen jeder Art reagierte er seinen Hass ab und sorgte dafür, dass alles vor ihm zitterte. Wenn beim Appell etwas nicht klappte, mussten die Schuldigen auf dem Bauch durch den Dreck robben, bis sie nicht mehr weiter konnten. Wurde eine Frau beim Rauchen erwischt, ließ er sie kahl scheren. So atmete alles auf, als er eines Tages aus dem Lager verschwand.

Unser unmittelbarer Vorgesetzter war nun nicht mehr Herr Preuss, sondern ein Deutscher aus Rumänien. Viele der Ungarn und Rumänen konnten gar nicht deutsch sprechen; sie saßen wohl nur ihrer deutschen Vorfahren wegen hier. Ich habe diesen Rumänen nie um seinen Posten beneidet. Er hatte zwar gewisse Vorteile, wie ein eigenes Zimmer, bessere Verpflegung und beschränkte Freiheiten. Dafür wurde er für alles, was im Lager vorging, verantwortlich gemacht. Auch die Gefangenen machten ihm das Leben schwer, obwohl er sich bemühte, beiden Seiten gerecht zu werden. Meistens schimpften beide Parteien auf ihn, auch wenn er nur Übermittler irgendwelcher unangenehmer Nachrichten war.

  Die erste Woche lagen wir im Lager herum, nur damit beschäftigt, Fußböden zu reinigen oder Wasser zu tragen. Die Verpflegung war dementsprechend.

Die Frühjahrsüberschwemmungen hatten viele Bäckereien unter Wasser gesetzt, so dass dort nicht gearbeitet werden konnte. Dazu kamen die Transportschwierigkeiten auf den verschlammten Wegen. So lebten wir von kleinen Mengen Trockenbrotes, das noch nicht einmal so eine Art von Sättigung hervorzugaukeln in der Lage war und außerdem so fürchterlich hart war, dass man sich die Zähne daran ausbrechen konnte.

Als es dann zur Arbeit ging, zogen wir mit den Filzstiefeln los, die wir aus Kimpersai mitgebracht hatten und die sich auf dem Wege zur Arbeit derart mit Wasser voll sogen, dass man meinte, Bleigewichte an den Füßen zu haben. Früh um 7 Uhr standen wir am Lagertor und gingen brigadeweise in die Morgendämmerung hinaus, im Winter war es noch stockdunkel.

  Mein neuer Arbeitsplatz war in Meisk, einem im Werden begriffenen kleinen Dorf, besser gesagt einer Siedlung, die von Gefangenen aufgebaut wurde.

Hatten wir Glück, dann wurden wir in Lastwagen nach Meisk gefahren, sonst mussten wir zu Fuß gehen. Es ging immer bergauf, und hatten wir einen der langgestreckten Hügel erstiegen, tauchte schon wieder der nächste vor uns auf. Rechts von unserem Weg, unterhalb der Hügelkette, floss ein Fluss, der von der Nickelfabrik herkam und die heißen Abwässer der Fabrik durch die Landschaft spazieren führte, um diese abzukühlen. An manchen Stellen, die flach und sandig zum Wasser führten, fanden die reinsten Badefeste statt. Gefangene, Russen, Männer, Frauen und Kinder schrubbten sich, mehr oder weniger bekleidet, im heißen Wasser. Die Großmütter dieses russischen Familienbades sahen durchweg schrecklich mager aus, sie bestanden wirklich nur aus Haut und Knochen. Es war mir rätselhaft, wie sie den Weg zum Wasser und wieder zurück schaffen konnten. Große Schüsseln mit Wäsche wurden hierher gebracht und gewaschen, ebenso sämtliche Kinder der Familie.

Wir hockten immer etwas abseits am Wasser und wurden von den Russen mit neugierigen Augen betrachtet. Doch wir ließen uns davon nicht stören. Wenn es irgend möglich war, benutzten wir, wenn wir von der Arbeit zurückkamen, diese Badeanstalt mit dem gleichen Eifer wie die Russen. Manchmal war das Wasser so heiß, dass wir rot wie gesottene Krebse wieder aus dem Wasser herauskamen und es nur ein paar Minuten darin aushalten konnten.

Wenn es am Morgen noch frisch und kühl war, sah man schon von weitem das Wasser, das sich als weiße Dampfwolke durch das Tal schob. In Meisk war die Luft angenehm rein, kam doch der scheußliche Schwefelgestank der Fabrik nicht bis hier herauf. Auf den Hügeln lagen große Gesteinsbrocken, die der Landschaft ein bizarres Aussehen gaben. Ziegen und Kälber liefen herum, und in der Ferne sah man den Flusslauf des Urals als grünes Band durch die Steppe ziehen. Die einzigen Bäume und Sträucher, die ich in den Jahren der Gefangenschaft in der so armen Landschaft der Steppe sah, waren die, welche die Ufer des Ural säumten. Voller Strudel ist sein Wasser, obwohl er langsam und behäbig seines Weges zieht. Ich nutzte so manche Mittagspause, um zum Fluss zu laufen und, an seinem Ufer sitzend, meine Augen am Grün der Bäume und Pflanzen zu erfreuen,

In Meisk wurden wir nicht so streng bewacht wie in der Fabrik oder an anderen Arbeitsstellen, und so hatten wir hier mehr Kontakt mit den Russen, die in der Umgebung wohnten. Da blühte der Handel, Bauholz wurde gegen Kartoffeln oder Melonen getauscht, von uns ausgeführte Maurerarbeiten gegen Brot oder Milch.

Ich war Potzomnik, auf deutsch Zulanger, bei Stefan, einem ungarischen Maurermeister. Ich trug Zement, Sand und Steine in so genügender Menge, dass die Arbeit ohne Unterbrechung vorwärtsgehen konnte. Die Steine waren große, schwere Klötze von grauer Farbe und rauer, poröser Außenseite. Sie wurden aus Schotter und Zement gemacht und waren scheußlich zu tragen, weil die raue Außenseite die Hände schwer malträtierte. Solange Stefan im Erdgeschoss arbeitete, war das Heranholen des Baumaterials nicht so schwer; es wurde erst richtig mühsam, wenn ich mit meinen Lasten aufs Gerüst klettern musste, das meistens auch noch sehr unzulänglich aufgebaut war. Mein Rücken tat mir oft am Abend so weh, dass ich mich nicht mehr von der Pritsche rühren mochte. Aber darauf nahm natürlich keiner Rücksicht, und so schleppte ich, siebte Sand, mischte Zement darunter, tat gelöschten Kalk dazu und war froh über jeden Tag, der vorüber war. Stefan war sehr nett, wir redeten in einem Kauderwelsch von Ungarisch und Deutsch miteinander, das heißt, er versuchte, Deutsch zu lernen und ich Ungarisch. Wir verstanden uns trotz der Sprachschwierigkeiten gut, und nach einigen Monaten weihte mich Stefan in die Künste des Maurerhandwerks ein. Das war erheblich angenehmer und interessanter als das Zutragen, und ich gab mir große Mühe, ein guter Maurer zu werden. Schwierig wurde es, als ich lernen musste, die Decke zu verputzen. Der verdammte Putz wollte nicht oben bleiben und fiel in dicken Klößen immer wieder auf meinen Kopf. Es gehörte auch eine ganz schöne Portion Kraft dazu, das Zeugs so in die Höhe zu schmettern, dass es kleben blieb. Aber so langsam lernte ich auch das, wenn ich auch nie den Schwung und die Geschicklichkeit Stefans erreichte, dafür war er ja auch Maurermeister, Meine Fingerspitzen waren manchmal so angegriffen von der ständigen Arbeit mit dem kalkhaltigen Verputz, dass sie blutig waren. Außerdem hatte ich im Handgelenk eine Sehnenscheidenentzündung, die sehr schmerzhaft war. Es fällt einem eben nichts in den Schoß. Für alles muss man Lehrgeld zahlen, überhaupt als Gefangener.

Währenddessen war es wieder Sommer geworden, die heißen Sandstürme fegten über die Steppe, zerrten an den gelb versengten Gräsern und bildeten meterhohe Wirbel, die man schon von weitem sehen konnte.

Wenn mittags die Sirenen der Fabrik zu heulen begannen, fielen wir erschöpft auf irgendein Brett des Neubaues, um dort auszuruhen. Mein Brot hatte ich meistens schon zum Frühstück verputzt und musste nun bis zum Abend aushalten. Zu trinken hatten wir gottlob genug.

  Zu den Tauschgeschäften war ich leider ebenso ungeeignet wie zum Klauen. Ich war viel zu schüchtern, um in irgendein fremdes Haus zu gehen und einen Handel anzufangen. Als es mir ein einziges Mal gelang, einen Arm voll Holz, den ich auf dem Bauplatz gesammelt hatte (das war natürlich verboten), gegen eine herrliche goldgelbe Melone einzutauschen, war ich wahnsinnig stolz auf diese Leistung.

Stefan war auch auf diesem Gebiet erheblich tüchtiger als sein Lehrling, doch da er getreulich alles mit mir teilte, kam ich trotz meiner Unfähigkeit in den Genuss von Melonen oder auch manchmal Kartoffeln. Das war mein Glück, denn meine sämtlichen Zähne begannen bereits locker zu werden und der Arzt hatte ganz gemütlich erklärt, ich solle zusehen, wie ich zu Vitaminen käme. Wie ich das machen sollte, das sagte er mir nicht, er meinte nur, ich könne ja mal versuchen, im Gemüsekeller etwas zu klauen.

Auf dem Weg nach Meisk kamen wir immer an Häusern vorbei, die nicht wie üblich aus Lehm, sondern aus Steinen erbaut waren, die hier überall zu finden waren. An den Außenseiten·hatten die Häuser keine Fenster. Sie bildeten eng zusammenstehend einen Innenhof, in den kleine Fenster und Türen gingen. Der furchtbaren Steppenwinde wegen waren die Häuser so gebaut, sie kehrten eng aneinandergeschmiegt dem Wind ihre Rückseite zu. Hier wohnten die Kasachen. Unverkennbar asiatischen Ursprungs, hatten sie stark hervorstehende Backenknochen, schwarze glatte Haare und Schlitzaugen. Sie waren klein, mager und drahtig, mit krummen Säbelbeinen. Die Frauen trugen lange Zöpfe, in die Münzen hineingeflochten waren. Ich hielt einmal eine von ihnen fest und machte ihr Zeichen, mir doch einmal die Münzen in ihrem Zopf zu zeigen. Zu meinem großen Erstaunen waren es Maria-Theresientaler. Es ist mir rätselhaft, wie die dorthin gelangt sind. Im Gegensatz zu den Tschetschenen brauchten die Kasachen nicht für die Russen zu arbeiten. Sie lebten ganz für sich, ihr Reichtum waren die Ziegenherden, die sich von dem dürren Gras der Steppe ernährten und ihnen Fleisch und Milch gaben. Einmal schaute ich in so ein armseliges Kasachenhaus und erblickte eine Frau, die vor einem Heiligenbild kniete und betete. Nach kurzer Zeit stand sie auf, um mit ihren schrecklich schmutzigen Füßen in einem Bottich mit Butter herumzutrampeln. Nach kurzer Zeit des Arbeitens gab sie sich wieder dem Genuss ihrer Andacht hin, ohne mich bemerkt zu haben.

  Wir gingen am Abend immer mit einem Gefühl des Unbehagens wieder ins Lager zurück, denn eigentlich gab es allabendlich eine unangenehme Überraschung, der man sich nicht entziehen konnte. Sei es die ärztliche Untersuchung, von uns Viehmarkt genannt, zwecks Arbeitsgruppeneinteilung , sei es das Verpassen von Spritzen, das immer mit Fieber und Schüttelfrost als Folgeerscheinung verbunden war, sei es das immer wiederkehrende Umorganisieren von einer Baracke in die andere oder das nächtliche Ausladen von Waggons, das wir ganz besonders hassten. Im Sommer hatten wir die Möglichkeit, uns draußen im Hof zu waschen. Es gab lange Zementbecken mit Wasserhähnen. Wenn man Glück hatte, erwischte man einen Platz, ohne stundenlang darauf warten zu müssen. Im Winter war das alles, in einen Raum zusammengepresst, erheblich umständlicher. Jedenfalls gab es Wasser in genügenden Mengen, und das war nach den Zeiten, in denen ich so furchtbaren Durst gelitten hatte, eine unbeschreibliche Wohltat für mich und alle anderen.

Nach der abendlichen Kohlsuppe, die manchmal umwerfend scheußlich schmeckte, konnten wir, wenn der Abendappell vorbei war, noch ein wenig innerhalb des Stacheldrahtes spazieren gehen, wenn nicht gerade eine Arbeit im Lager das bisschen freie Zeit für sich in Anspruch nahm. Meistens war ich todmüde und froh, wenn ich schlafen konnte. Sobald es dunkel wurde, zogen wir bei gutem Wetter mit unseren Strohsäcken vor die Barackentür, um den ewig hungrigen Wanzenhorden zu entgehen, die drinnen schon auf ihre Opfer warteten. Dann kam die schönste Stunde des sonst an Schönem so armen Tages.

Der wunderbare Sternenhimmel, dessen Sterne so nahe zu sein schienen und der eine solche Ruhe und einen so tiefen Frieden ausstrahlte, dass ich mich bei seinem Anblick jedes Mal von neuem getröstet fühlte. Zwei Jahre war ich nun schon von zu Hause fort, von allen Menschen und allen Dingen, die mir etwas bedeuteten. Ich hatte noch nichts von meinen Eltern gehört, nichts von Helga, die ich bei ihnen hoffte. Ich litt wahnsinnig unter diesem Heimweh, stärker als unter all den Entbehrungen, die das Leben als Gefangener so mit sich bringt. Trotzdem kam es mir nie in den Sinn, gegen dieses mein Schicksal anzuhadern. Ich wusste, dass jedes Leid einen Sinn hat, haben muss, und dass ich wohl als ein anderer Mensch aus dieser harten Schule entlassen werden würde, falls ich am Leben bliebe.

Von ganzem Herzen war ich dankbar und froh, dass Helga damals gefahren war, hätte sie mir doch durch ihr Bleiben ein Gefühl der Schuld auferlegt. Ich war allein, hatte nur für mich einzustehen und brauchte mich nicht um einen anderen zu sorgen. Sehr bibelfest bin ich nie gewesen und auch Kirchenbesuche habe ich nie besonders geliebt, trotzdem fühlte ich mich dem Herrn allen Lebens so stark verbunden und so sicher in seiner Hut, dass mir niemals Zweifel an der Richtigkeit seiner Entscheidungen kamen und dass ich wieder fühlte, er hilft dir schon weiter, auch wenn du meinst, es gäbe keinen Weg. Ja, es war schön und tröstlich, in die Sterne zu schauen.

Wenn es nachts zu regnen begann, mussten wir wieder mit Sack und Pack in die Baracke ziehen zu den Wanzen, die ganz gewiss hocherfreut waren, uns wiederzuhaben. Jeden Sommer wurden die Baracken ausgeschwefelt, und dann kampierten wir tagelang unter freiem Himmel, was besonders bei Regenwetter sehr unangenehm war. Dann wurde alles durch und durch nass und schmutzig, und unausgeschlafen zogen wir zur Arbeit. Wenn sich die Baracken, die für diese Prozedur ganz fest verschlossen wurden, wieder öffneten, konnten wir Schaufeln voll toter Wanzen hinauskehren, und danach hatten wir für ein paar Monate Ruhe.

Alle drei Monate war ärztliche Kommission, um die Gefangenen in Arbeitsgruppen einzuteilen. Gruppe 1 waren die Schwerarbeiter, die zwar eine bessere Verpflegung bekamen, aber dafür in der Nickelfabrik an den Öfen sehr ungesunde und schwere Arbeit zu verrichten hatten, die sie nicht lange aushielten. Gottlob war ich nie dabei. Beim „Viehmarkt“ mussten wir splitternackt antreten, um vor dem Arzt zu erscheinen. In dem dafür bestimmten Raum war aber nicht nur der Arzt, sondern auch sämtliche Offiziere, die gerade nichts zu tun hatten, und oft auch der Direktor der Nickelfabrik, der dicke Herr Feinstein, der sich persönlich von dem Gesundheitszustand seiner Arbeiter überzeugen wollte. Natürlich nur dem der Frauen, für die Männer hatte er da weniger Interesse. Es war widerlich, und ich wartete möglichst bis zum Schluss dieses Schauspiels, bis es ihnen allen langweilig geworden war, nackte Frauen anzusehen. War Herr Feinstein guter Laune, liebte er es, einen Klaps auf ein nicht zu mageres Hinterteil zu geben oder auch dorthin zu kneifen. Ich hätte ihn am liebsten umgebracht, wenn er so lüstern grinste, als wären wir alle vogelfrei für ihn. Machen konnte man natürlich gar nichts, wo hätten wir uns wohl beklagen können?

Die Sommer sind heiß und trocken. Die heißen Winde fegen den roten Staub der Fabrik kilometerweit über die Steppe. Er dringt durch die Kleidung bis auf die Haut, in die Augen, in die Nase, zwischen die Zähne. Wenn wir am Abend ins Lager kommen, sind Gesicht und Haare rotverschmutzt.

Nach dem Abendappell treffen sich die verschiedenen Pärchen, die sich im Laufe der Zeit gefunden haben, zu einem kleinen Ausflug entlang des Stacheldrahtes oder zum gemeinsamen Kochen.

Innerhalb des Lagers ist das Fundament einer Baracke, die nie fertiggestellt wurde, und dort ist ein idealer Kochplatz. Überall flackern kleine Feuerchen auf, überall ist geschäftige Tätigkeit. Es gibt Brotsuppe mit Wasser gekocht, die ein stärkeres Gefühl der Sattigkeit vermittelt als das trockene Stück Brot allein. Jedenfalls bilden wir uns das ein. Manche kochen Melde, die als Spinatersatz fungiert und vitaminhaltig sein soll. Es gibt Fleischsuppe aus Zieselmaus, die überall in der Steppe zu Hause ist und in deren Löcher die Männer kochendes Wasser schütten, um die armen Tierchen dann dort rauszufischen. Die Zieselmaus hat ein braungeflecktes Fell und ist ungefähr so groß wie eine Ratte. Gekostet habe ich sie nie. Einmal wurde ich zu Ziegenbraten eingeladen. Eine kleine Ziege von der Herde eines Kasachen hatte daran glauben müssen. Sie war zwar geklaut, schmeckte aber dennoch sehr gut.

Irgendeinen Platz, um für sich allein zu sein, haben die Pärchen im Lager nicht, höchstens wenn sie zusammen arbeiten. Um so erstaunlicher ist es, dass ab und an eine Frau in andere Umstände kommt. Anfangs wurde das zu erwartende Kind auf Befehl aus Moskau beseitigt, wie auch bei den russischen Frauen Abtreibungen vom Staat durchaus gebilligt wurden. Später wurde der Eingriff verboten, besonders bei uns im Lager, wo viele Frauen versuchten, auf diese Weise die Heimfahrt zu erzwingen. Die zukünftigen Eltern müssen, wenn die Schwangerschaft nicht mehr zu verheimlichen ist, beim Kommissar ein strenges Verhör über sich ergehen lassen. Wo, wann, warum usw. Zum Schluss eine Predigt über die Unmoral der deutschen Gefangenen! —

Das erste Kind, das geboren wird, ist ein wonniger kleiner Bengel. Er heißt Karlchen, und wenn mal wieder eine Kommission ins Lager kommt, ist Karlchen der erste, der vorgezeigt wird. Trotzdem ist es furchtbar, in der Gefangenschaft ein Baby zu bekommen. Keine Windeln, keine Milch, ganz selten mal ein wenig Zucker. Bis zum Schluss müssen die Frauen arbeiten, und sehen in ihren alten Fetzen entsetzlich unförmig aus. Wenn die Geburt beginnt, werden sie im Lastwagen ins Dorf gefahren, denn dort ist das Krankenhaus. Der Weg dorthin muss für eine Frau in den Wehen schon allein eine Tortur gewesen sein. Jeder, der russische Wege sowie russische Lastwagen nebst Chauffeuren kennt, wird mir recht geben. Im Krankenhaus angekommen, werden die Frauen den Hebammen und Ärzten übergeben, die grob und wenig liebenswürdig sind. Betäubungsmittel sind nicht vorhanden.

  Ich litt eine Zeitlang unter chronischen Blinddarmschmerzen. Weil ich dabei auch erhöhte Temperatur hatte, ohne Temperatur gibt’s im Gefangenenlager keine richtige Krankheit, durfte ich für drei Wochen im Lager bleiben. Als die Sache sich, ohne besser zu werden, weiter in die Länge zog, stellte der Arbeitsoffizier mich vor die Entscheidung, entweder arbeiten zu gehen oder den Blinddarm herausnehmen zu lassen. Glücklicherweise klärte er mich darüber auf, dass die Operation selbstverständlich ohne Narkose vor sich gehen würde. Er hätte das auch schon durchgemacht, und es wäre weiter gar nicht schlimm. Man hätte nur einen kleinen Augenblick Schmerzen. Wahrscheinlich ist er nach diesem kleinen Augenblick ohnmächtig geworden. Jedenfalls verzichtete ich auf diese Operation und ging arbeiten. Den Blinddarm habe ich heute noch.

  Unsere neue Ärztin, Ärzte wechselten bei uns sehr oft, witterte überall Schwangerschaften und versuchte, jeden mit verfänglichen Fragen hereinzulegen. Mir wurde oft schwindlig, wenn ich oben auf dem Gerüst herumkletterte, wahrscheinlich vor Hunger oder Schwäche. Jedenfalls suchte ich besagte Ärztin auf, um eventuell ein paar geruhsame Tage im Lazarett herauszuschlagen. Sie kreischte mich sofort an: „Sie sind schwanger!“ Ich versuchte ihr klarzumachen, dass das völlig unmöglich sei, aber sie war nicht so leicht von ihrer Lieblingsidee abzubringen. Schließlich stellte sie TBC fest, natürlich ohne Röntgenapparat, und steckte mich für einige Tage ins Lazarett zur Beobachtung. So konnte ich mich wirklich ausruhen, wie ich es mir gewünscht hatte, außerdem war das Essen etwas besser, und nach zwei Wochen kehrte ich mit neuen Kräften an meinen Arbeitsplatz zurück.

Der Vorgänger unserer Ärztin war ein alter, gemütlicher „Onkel Doktor“ gewesen. Leider soff er wie ein Loch und wurde deshalb oft von den Offizieren ausgeschimpft, auch in unserer Gegenwart. Einmal hatten sie ihn ausgesperrt, und er saß, als wir von der Arbeit zurückkamen, total betrunken vorm Lagertor. Er hatte ein gutes Herz, und wenn es irgend möglich war, schrieb er uns krank. Wegen einer geringfügigen Sache steckte er mich ins Lazarett, zwinkerte mit den Augen und sagte: „Na, geh mal Mädchen, schlaf dich aus, hast es nötig.“ Kein Wunder, dass wir trauerten, als er fort musste.

Nie werde ich den Tag vergessen, an dem ich die erste Post von zu Hause bekam. Es war im Herbst 1947, und wir kamen aus Meisk zurück, als man mir, wir waren gerade am Lagertor angelangt, erzählte, dass Post für mich da sei. Zum ersten Mal ein Lebenszeichen von meiner Familie, endlich die Gewissheit, dass noch jemand lebte, dass ich doch nicht ganz allein auf der Welt war! Niemand, der das nicht selbst erlebt hat, kann sich diese unbeschreiblichen Gefühle der Freude und des Glückes vorstellen. Als ich die Karte meiner Mutter in der Hand hielt, konnte ich vor lauter Tränen gar nichts lesen, nur die Worte „Deine Mutti“ sah ich und war nicht fähig, auch nur ein einziges Wort herauszubringen.

Später, als es dunkel war und es im Lager still wurde, schlich ich mich hinaus, hinter die Baracke, bis zum Zaun, um für mich sein zu können, um mit denen Zwiesprache zu halten, nach denen ich mich so brennend sehnte. Es war schon herbstlich kühl, und es roch nach feuchter Erde, als ich mich ins Gras legte, um meinen Trost in den Sternen zu finden. Nun bekam ich öfters Post und durfte auch jeden Monat eine Karte nach Hause schreiben.

Helga war auf Umwegen und nach Überwindung vieler Schwierigkeiten bei meinen Eltern, die inzwischen in Hamburg eine neue Bleibe gefunden hatten, angekommen. Sie hat einige Zeit darauf geheiratet, und ich wurde Patin ihres Töchterchens Cornelia, das geboren wurde, als ich noch in Russland war.

Für jeden von uns war es das größte Glück, Post von zu Hause zu bekommen, und das Postausteilen war das aufregendste, schönste oder traurigste Ereignis der Gefangenschaft. Meine gute Mutter schrieb jahrelang täglich eine Karte an mich, und wenn auch nur ein Bruchteil davon ankam, so gehörte ich doch zu den viel Beneideten und Glücklichen, die öfters eine Karte bekamen.

Inzwischen hockte ich auf den Dächern der Meisker Siedlungshäuschen und verputzte Schornsteine. Die Dächer bestanden aus Wellblech, und meine Schuhe hatten eine dicke Holzsohle, aus einem Stück verfertigt, die beim Gehen nicht nachgab. So rutschte ich auf den Dächern herum, während ein kräftiger Herbstwind mich von allen Seiten packte und herunterzublasen versuchte, Es war sehr mühsam, unter diesen Umständen das Gleichgewicht zu halten, zumal ich dabei ja auch noch arbeiten sollte. Ich weiß selbst nicht, wie ich das zustande gebracht habe. Jedenfalls bin ich nie heruntergefallen. Als der Winter kam, waren alle Schornsteine verputzt.

Die Blätter an den Ufern des Ural färbten sich gelb, die Baracken wurden für den Winter hergerichtet, und im Lager sprach man von nichts anderem als von der Heimkehr, die bestimmt vor den Winterstürmen, die dann Teile der Bahngleise unpassierbar machen würden, erfolgen müsste. Tausend Gerüchte gingen von einer Baracke zur anderen, wir nannten sie Latrinenparolen. Keiner wollte wahrhaben, dass uns noch ein grausiger Winter bevorstand. Wie gut, dass wir damals nicht ahnten, dass es noch zwei Winter werden würden, die wir durchzustehen hatten, und dass wir erst im Herbst 1949 Russland verlassen durften.

Während des Herbstes mussten wir oft übers Wochenende auf die Kolchose, um zu helfen, noch vor der großen Kälte die Kartoffeln aus der Erde zu bringen. Da war dann auch der Sonntag futsch, den wir so dringend zum Ausruhen und auch zum Instandhalten der wenigen Kleidungsstücke brauchten. Wenn wir am Sonnabend gegen Abend von der Arbeit zurückkamen und die Lastwagen vor dem Lagertor stehen sahen, hatten wir schon den Kanal voll, wie man so schön sagt. Noch in der Nacht ging’s los, ca. zwei Stunden lang bis zu den Kolchosen. Dort war ein Teil der Internierten schon seit Monaten zur Frühjahrsbestellung, zur Bewässerung und zur Ernte. Die Bewässerung war das wichtigste Problem hier in der Steppe. Die Felder waren von Bewässerungsgräben durchzogen, die das lebensspendende Nass an die Pflanzen heranführten. Das Wasser kam aus einem Stausee und wurde von einem Pumpwerk in die Gräben gepumpt. Die Gefangenen, meistens Frauen, mussten die Gräben machen, das Einlaufen des Wassers regulieren, pflanzen, Unkraut jäten und vieles mehr. Im Sommer brannte die Sonne erbarmungslos vom Himmel. Es gab auch hier keine schattenspendenden Bäume, und die Arbeit war nicht leicht. Wer nicht fähig war, seine Norm zu erfüllen, musste entweder nachts auf dem Felde bleiben, oder ihm wurde dasEssen gekürzt. Im großen und ganzen war das Essen hier besser als im Lager, denn es gab auf den Feldern Kohl, Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten und Paprikaschoten.

Wenn wir zur Zeit der Ernte nachts auf den Kolchosen ankamen, war natürlich nichts für unsere Ankunft vorbereitet. Wir wurden mit dem Befehl entlassen, uns irgendwo eine Stelle zu suchen, wo wir den Rest der Nacht verbringen konnten. Das war ein Kunststück, denn draußen war es saukalt und die Baracken ohnehin schon überfüllt.

Sonntag ging es früh hinaus zur Arbeit. Wir mussten Kartoffeln nachlesen. Es war herbstlich kalt und feucht, und wir arbeiteten so schnell wie möglich, um die Norm zu erfüllen und auch, um warm zu werden. Dass bei dieser Normerfüllung, jeder hatte ein bestimmtes Stück des Feldes von Kartoffeln zu säubern, viele Kartoffeln liegen blieben und dann erfroren, ist sicher ganz natürlich. Die Leute auf den Kolchosen, auch die Russen, hatten gar kein Interesse für ihre Arbeit, keine Verbundenheit mit der Erde, die sie bearbeiteten. Es war das Land, das dem Staat gehörte, warum sollten sie mehr tun als unbedingt notwendig? Die Russen auf den Kolchosen lebten auch hier in kleinen Lehmhäusern, die von einem Stückchen Land umgeben waren, wo sie für sich pflanzen und ernten konnten. Wenn sie besser gestellt waren, besaßen sie eine Kuh und konnten sich den Luxus der Milch leisten. Am Sonntagabend ging es wieder zurück ins Lager.

Meist mussten wir stundenlang warten, bis endlich die Lastwagenchauffeure kamen, um uns abzuholen. Die hatten nämlich wenig Lust, am Sonntag zu arbeiten, und so ließen sie sich Zeit. Das einzig Gute dieser Kolchosenfahrt war, dass wir uns einmal richtig an rohem Gemüse satt essen konnten. Spät in der Nacht kamen wir wieder im Lager an, die Taschen vollgestopft mit Tomaten, Zwiebeln oder Paprikaschoten. Früh am nächsten Morgen ging’s wieder hinaus nach Meisk.

Als der Winter begann, musste die Arbeit in Meisk unterbrochen werden. Nur noch in den Häusern selbst konnte gearbeitet werden. Und auch dort nur, wenn Wasser und Sand auf primitiven Koksöfchen vorher angewärmt werden konnten. Doch das war oft vergeblich, und der ganze Verputz fiel wieder von den Wänden, wenn es im Frühjahr anfing zu tauen.

Ein paar Häuser waren schon fertiggestellt worden, und die Leute zogen sofort ein. An Möbeln hatten sie so gut wie nichts, wenn es hochkam ein Bett für eine Familie. Doch an den Fenstern standen Töpfe mit Pflanzen, und das sah immer so versöhnlich aus.

Als wir einmal von Meisk zurückkamen, war ich vorausgelaufen zum heißen Wasser, das nun, in Dampfwolken gehüllt, seines Weges zog, um irgend etwas auszuwaschen. Wir mussten gemeinsam am Lagertor ankommen, und wer waschen wollte, musste sich beeilen, um rechtzeitig fertig zu werden. Ich hockte am Wasser und beobachtete die russischen Sträflinge, die auf der anderen Seite des Wassers beschäftigt waren, einen Wall von schwarzem Schotter glatt zu planieren. Das andere Ufer ging steil in die Höhe, und ich konnte genau sehen, was sich da oben abspielte. Der Posten, der die Sträflinge bewachte, schimpfte auf zwei von ihnen, die anscheinend nicht richtig oder nicht schnell genug arbeiteten. Die beiden wurden wütend, und ich hörte ein heftiges Geschrei. Dann knallten mehrere Schüsse, und zwei Gestalten rollten den Abhang zum Wasser hinunter. Sie waren tot. Nie werde ich diesen Anblick vergessen. Später sollte ich die Sträflinge näher kennen lernen, denn ich wurde dazu abgeteilt, ihnen Essen und Wasser zu bringen.

Als die Arbeit in Meisk aufhören musste, kamen wir zu Ausbesserungsarbeiten in die Nickelfabrik. Zum ersten Mal musste ich ohne Stefans Hilfe selbständiger Maurer sein! Das heißt, ich reparierte nicht nur kaputte Stellen an der Wand oder in der Decke, sondern ich musste mir auch selbst alles organisieren, was zu diesen Reparaturen gehörte, wie Gerüst, Leiter, Eimer und vieles mehr. Da alle diese Dinge nur äußerst mangelhaft vorhanden waren, klaute ich, wo ich sie irgend erwischen konnte.

Da ich von Natur aus nicht kleptomanisch veranlagt bin, fiel mir das schwer, und ich sehnte mich nach Stefan, der das sonst immer bestens organisiert hatte. Ebenso schwierig war es, ein Gerüst so zu montieren, dass es nicht zusammenbrach, wenn man darauf stand, um Riesenlöcher in der Decke fachgemäß zu schließen. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, zumal ich im Mittelpunkt des Interesses der Leute stand, die ihre Arbeitsstelle in der Nähe hatten und sich über diese Abwechslung freuten. Inzwischen war es wirklich Winter geworden; in den Fabrikhallen war es eiskalt und zog wie verrückt. Ich fror ganz entsetzlich, und wenn ich mal unbemerkt entwischen konnte, kroch ich hinter eine Maschine oder einen mir unbekannten Riesenapparat, der Wärme ausstrahlte oder wenigstens Windschutz gewährte. Stefan und die anderen Mitglieder unserer Meisker Arbeitsbrigade arbeiteten auch meist in der Nähe, und wir trafen uns dann manchmal an diesen warmen Plätzchen. Natürlich war es nicht gestattet, während der Arbeitszeit Wärmepausen zu machen, und wenn ein Natschalnik in der Nähe war, kam das selbstverständlich nicht in Frage. Gottlob konnten die Natschalniks nicht überall gleichzeitig sein! Sehr beliebt waren bei uns auch die Stellen, an denen man heißes Wasser durchleitete und wo man sich wunderbar die Hände wärmen konnte.

Wenn am Abend die Arbeit beendet war, ging’s zum Fabriktor, wo immer ein paar Posten standen, die jeden untersuchten, das heißt, nach geklauten Sachen abtasteten, der die Fabrik verließ. Dort gab es nämlich so allerlei, was man als Sträfling außerordentlich gut gebrauchen konnte: Kohlen und Koks, Nägel und Nickelstückchen, die als Kämme, Ringe oder Anhänger verarbeitet wurden. Es gab große und kleine Stücke Stoff, die aus grobem Baumwollfaden bestanden und zum Filtern von nickelhaltiger Flüssigkeit gebraucht wurden.

Durch das Filtern waren sie meist hellgrün gefärbt und sahen sehr hübsch aus. Aus diesen Stoffstückchen wurden die Fäden herausgezogen, aneinandergeknotet und zu sämtlichen Kleidungsstücken verarbeitet, das heißt verstrickt, die wir so dringend notwendig brauchten. Sozusagen als Sonntagsgarderobe sämtlicher Männer und Frauen des Lagers. Ich glaube, es gab keinen, der nicht irgendein Stück dieser geknoteten Baumwolle am Leibe trug.

Ich besaß ein gestricktes Höschen, eine Bluse und eine selbstgemachte Jacke. Für Stefan strickte ich Socken, wobei sogar die Hacke anstandslos hinkam. Während meiner Schulzeit hatte meine Großmutter sich immer dieses Teiles erbarmen müssen; nun musste ich allein damit fertig werden und wurde es auch.

Die Stücke Stoff, sie sahen aus wie grob gewebtes Leinen, mitzunehmen war natürlich streng verboten. Sie wurden unter der Wattekleidung eng um den Leib gewickelt und befestigt. Selten wurde jemand erwischt, hatten die Posten am Fabriktor doch gar nicht soviel Zeit, jeden einzelnen genau zu prüfen, zumal auch die Russen kontrolliert wurden. Im Lager florierte ein flotter Handel mit den Stoffstückchen, und wer nicht den Mut zum Klauen und Durchmogeln hatte, konnte auch gegen einige Brotrationen in den Besitz von Strickgarn kommen.

Wenn gegen Abend die Fabriksirene pfiff und ich möglichst schon ein bisschen früher mein Arbeitszeug verpackt hatte, versuchte ich, in irgendeiner Zeche ein Bad ohne Aufsicht zu erwischen, um zu duschen. Da wir als Maurer keiner bestimmten Zeche angehörten, hatten wir kein Anrecht auf Sauberkeit. Die Wärterinnen in den Duschräumen waren gräuliche alte Hexen, die uns sofort hinauswarfen, wenn sie uns bemerkten. Es war die einzige Möglichkeit, sich rasend schnell auszuziehen und unter die Dusche zu laufen. Splitternackt konnten uns diese Weiber schlecht hinausjagen. Mein Gott, was bin ich da geschimpft worden, und manche von ihnen wurden sogar handgreiflich, zumal sie genau wussten, dass wir zu den „woina plenni“ gehörten, die kein Recht hatten, sich irgendwo zu beklagen.

Vom Lager gingen wir alle 14 Tage zum Baden und Entlausen, und zwar in der Nacht! Wir wurden dann geweckt und marschierten zur „Banja“, die in der Stadt Orsk lag. Hatten wir Glück, kamen wir sofort dran. Wenn nicht, mussten wir warten, bis das Bad frei war. Das Bad bestand aus einem großen Raum zum An- und Ausziehen und einem noch größeren zum Baden. Dort standen lange Holzbänke mit Metall- oder Holzschüsseln. An den Wänden gab es Hähne mit kaltem und heißem Wasser. Jeder bekam ein winziges Stückchen Schwimmseife, und dann konnte es losgehen. Der Baderaum war so voller Dampf, dass man keine zwei Schritte weit sehen konnte. Der Boden war glitschig von der vielen Feuchtigkeit, und man musste aufpassen, dass man nicht ausrutschte. Während wir uns wuschen, waren unsere Kleider in der Entlausung, es gab nämlich immer noch Läuse, die man sich stets von neuem holte, besonders wenn wir mit den Russen zusammenarbeiteten.

Nach dem Baden wurden Freiwillige gesucht, die Sachen aus der Entlausungskammer wieder herausholten. Niemand wollte gehen, denn es war dort drinnen so unerträglich heiß, dass ich es mir in der Hölle kaum schlimmer vorstellen könnte. Die eisernen Bügel, auf welche die Kleider aufgehängt wurden, waren so heiß, dass man sie nur mit dicken Wattehandschuhen anfassen konnte. Es blieb einem die Luft weg, und wer nicht vollkommen gesund war, der brauchte in diese höllische Kammer nicht hineinzugehen. Natürlich waren in diesem Moment alle leidend... Wenn die Kleider glücklich wieder herauskamen, so heiß, dass man sie kaum anfassen konnte, begann das große Schubsen, Drängeln und Suchen. Wattekleidung sieht sich sehr ähnlich, und es gab liebe Mitgenossinnen, die bei diesen Gelegenheiten versuchten, zu besseren Klamotten zu kommen. Da musste man schwer aufpassen.

Nachdem alle angezogen waren, ging’s wieder zurück, ungefähr eine Stunde, bis zum Lager. Im Winter schlug uns nach der Hitze des Badens die Kälte wie mit Messern ins Gesicht, und wehe ein nasses Haar sah irgendwo aus der Verpackung heraus. Es war in Sekundenschnelle so hart gefroren, dass man es abbrechen konnte.

Mir war immer so merkwürdig ums Herz, wenn wir so in der Nacht durch die Stille des schlafenden Ortes zogen. Da und dort brannte in einem Fenster ein Licht, und ich musste denken, wer da wohl wohnt, was für ein Mensch es ist und ob er vielleicht auch so einsam und traurig ist wie ich. Im Sommer lagen die meisten Bewohner draußen vor ihren Häusern. Sie hatten genauso unter den Wanzen zu leiden wie wir. Ganz friedlich schliefen sie, ganze Familien beieinander, auf ihren Strohsäcken, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie zu jenen wilden Horden gehören könnten, die damals in Danzig so grausam gewütet hatten.

Wenn in der Fabrik keine Ausbesserungsarbeiten waren oder es an Zement und Kalk fehlte, wurden wir zu Straßenkommandos abgeteilt, In Kippwagen fuhren wir, mit Schaufel und Pickel bewaffnet, zu den Riesenlöchern der Straßen innerhalb des Fabrikgeländes, die wir zu füllen hatten. Oder wir bekamen hölzerne Tragen, mit denen wir Steine schleppen mussten.

Es war saukalt, überall heulte der Wind, und die grauen, trüben Tage schlichen nur langsam vorbei. Meine Füße, die mit Zeitungspapier oder alten Lappen umwickelt, in den Filzstiefeln steckten, waren ewig eiskalt, ebenso wie meine Hände, die in den riesigen Segeltuchhandschuhen denkbar ungeschickt waren, Hier gab es kein Aufwärmen hinter dicken Maschinen, keine windgeschützten Ecken. Unser Natschalnik hier war ein Ekel, das immer gerade dann auftauchte, wenn man es am wenigsten erwartete. Dabei stand schon immer einer Schmiere, damit jeder sich einmal ausruhen konnte. Da war ich dann froh, wenn es wieder zurück zur Fabrik ging, wo ich doch etwas mehr Schutz fand vor Kälte und Wind.

Weihnachten 1947, es ist mir unvergesslich, hockte ich allein auf meinem mühsam erbauten Gerüst und verschmierte aufgeplatzte Ritzen und abgestoßene Ecken. Ich sang leise Weihnachtslieder vor mich hin, heulte zwischendurch ein bisschen und hatte ganz entsetzliche Sehnsucht nach zu Hause, nach den unvergesslich schönen Weihnachtsfeiern in unserem großen Familienkreis. Ich dachte an die herrliche große Blautanne, die wir mit Mutti zusammen auf dem großen Platz nahe unseres Hauses kauften. Ich ging so gern dorthin, denn es duftete da so gut nach den vielen Tannen, die zum Verkauf standen. Die Wochen vor Weihnachten waren immer voller Spannung, voller Geheimnisse, und ich glaube, es gibt nichts Schöneres als diese Adventszeit in einem harmonischen, großen Familienkreis, so wie das bei uns der Fall war. Unser gemütliches und geräumiges Musikzimmer, in dem der Bechstein-Flügel stand, auf dem Helga und ich so gerne gespielt hatten, war zu Weihnachten wunderbar geschmückt, und wir Kinder, sechs an der Zahl, hatten jedes unseren Tisch mit den liebevoll ausgesuchten Geschenken. Wie schön war der Baum, wenn er im Lichterglanz erstrahlte, wie feierlich war es, wenn mein Vater die Weihnachtsgeschichte las und wir dann gemeinsam die lieben alten Weihnachtslieder sangen, die ich auch als Kind so ganz besonders liebte.  

Wie gern hätte ich jetzt ein kleines Stückchen Pfefferkuchen gegessen, von dem wir damals so viel hatten, dass ich manchmal in meiner Nachttischschublade fast bis zu Ostern kleine, steinharte Stückchen liegen hatte. Nun hockte ich frierend im tiefsten Russland, mich an die Hoffnung klammernd, dass es doch noch einmal ein Wiedersehen geben würde, ein Wiedersehen mit all den Menschen und den Dingen, die das Leben lebenswert machen.

 


 

 

 

 

 

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