Manfred Peters:
„Sie war die beste Mutti der Welt!“
Mai 1944. Danzig ist bisher vom Krieg nahezu
verschont geblieben. Doch durch das Vorrücken der Sowjetarmee wird mit
Bombenangriffen auf die Stadt gerechnet. Viele Danziger Schülerinnen und
Schüler werden mit einigen ihrer Lehrerinnen und Lehrer viele Kilometer
entfernt in KLV-Lager (Kinderlandverschickung) in Sicherheit gebracht.
Da heißt es zunächst einmal Abschied nehmen von
Eltern und Geschwistern, von der Heimatstadt, die ihnen bis dahin eine sicherer
Hort gewesen ist. Für die Jungen und Mädchen ist es eine Fahrt ins Ungewisse,
doch sie sind zumeist voller jugendlicher Unbekümmertheit und erwarten manches
Abenteuer. Ohnehin werden sie, dessen sind sie sicher, in absehbarer Zeit wieder
heimkehren. So fällt ihnen der Abschied nicht sonderlich schwer. Wer dennoch
etwas traurig ist, der gibt sich tapfer und winkt wie die anderen fröhlich aus
dem Abteilfenster des abfahrenden Personenzuges heraus. Die am Bahnsteig zurückbleibenden
Eltern jedoch sind voller Sorge, aber dennoch gewiss, dass es ein Wiedersehen
gibt. Sie wollen den Kindern den Abschied nicht schwer machen und winken ihnen
auch fröhlich hinterher.
Unter ihnen Charlotte Dellki. Nachdem ihre Ehe
zerbrochen ist, hat sie mit ihrem Jungen Lothar alleine in Danzig-Langfuhr,
Simsonweg 52, gelebt. Er ist ihr ein und alles, und für Lothar ist sie, wie er
fünfzig Jahre später schreibt, „die beste Mutti der Welt“.
Es vergehen jedoch Monate, und immer noch ist Lothar
in dem Lager, das sich in Karlsbach/Wirsitz bei Bromberg befindet. Die
Sowjetarmee überschreitet die deutsche Grenze und löst mit ihren unglaublichen
Gräueltaten gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung eine riesige Fluchtwelle
aus. Die Front rückt näher und näher.
Charlotte Dellki ist voller Sorge um ihren Jungen. Da jedoch kommt im Januar
1945 der Befehl, das KLV-Lager zu räumen und die Kinder in westlicher Richtung
vor dem Zugriff der Sowjetarmee zu bewahren. Während Danzig zur Festung erklärt
wird und Tausenden von Menschen ein Inferno bevorsteht, das menschliche
Vorstellungskraft übersteigt, gelingt den Kindern tatsächlich die Flucht. Am
3. März 1945 erreichen Lothar und die anderen gemeinsam mit ihren Lehrern die dänische
Insel Alsen.
Charlotte Dellki harrt in Danzig aus. Von Lothar hat
sie lange kein Lebenszeichen mehr erhalten. Sie gibt jedoch nicht auf und
schreibt ihm am 6. März 1945 folgenden Brief aus dem bedrohten Langfuhr:
Mein lieber
Junge!
Hoffentlich
hast Du meine beiden Briefe erhalten, damit Du weißt, daß ich noch am Leben
bin. Warte jeden Tag auf Nachricht von Dir, leider vergebens. Die Post geht
jetzt auch sehr schlecht. Hoffentlich, lieber Junge, bist Du noch gesund?
Vielleicht liegst Du auch krank zu Bett und kannst nicht schreiben. Wollen
hoffen, daß es nicht der Fall ist und Du die Strapazen gut überstanden hast
Mir geht es
gesundheitlich ganz gut. Wenn doch endlich bald Frieden wäre und wieder
geregelte Zeiten und Du, mein Junge, könntest wieder nach Hause. Ich bin jetzt
immer alleine. Onkel Erich ist viel auf Fahrt, und meine Gedanken weilen bei
Dir, was Du jetzt so treibst. Auch wirst Du denken, wenn Du von mir noch keine
Post hast, wer weiß, wo Mutti ist?
Aber Deine
Mutti ist noch hier und wird auch hier bleiben. Und, wenn es sein muß, in
Danzig sterben. Dann, mein Junge, wenn Du am Leben bleibst, vergiß Deine Mutti
nicht, wenn sie auch des öfteren geschimpft hat. Du warst doch mein lieber
Junge, und ich habe, wenn es ging, Dir Deinen Wunsch erfüllt. Bleibe weiter so
brav wie bisher!
Nun werde ich
schließen in der Hoffnung, bald Post von Dir zu bekommen.
Es grüßt Dich
herzlich aus der Ferne Deine Dich sehr vermissende Mutti.
Auf baldiges
Wiedersehen!
Es geschehen auch in dieser Zeit noch Wunder: Lothar
empfängt im Lager auf Alsen diesen Brief. Mit seinen dreizehn Jahren ahnt er
seinen besonderen Wert und behütet ihn fortan.
Sofort antwortet er seiner lieben Mutter. Und auch
dieser Brief erreicht sein Ziel. Kaum zu glauben, doch auch der Antwortbrief der
Mutter vom 14. März 1945 erreicht trotz aller Kriegswirren ihren Sohn Lothar:
Mein lieber
Junge!
Endlich nach
langem Warten und Bangen ein Brieflein erhalten. Mit Freudentränen habe ich ihn
gelesen und Danke Dir herzlich dafür. Gott sei Dank hast Du alle Strapazen gut
überstanden, und Du bist gesund, und das Essen schmeckt. Meine ganze Post hast
Du gar nicht erhalten. Wirst Dir auch Gedanken gemacht haben, wo Deine Mutti
abgeblieben ist.
Ich bin noch
immer in Danzig. Wir haben in letzter Zeit viel Alarm gehabt und des öfteren im
Keller gesessen. Soweit geht es mir gut, und das Essen rutscht auch so einigermaßen.
Wieder hört
man in weiter Ferne die Artillerie. Es ist recht beängstigend. Wollen hoffen,
daß alles bald ein Ende hat. Wenigstens bist Du gut aufgehoben. Aber wäre glücklicher,
wenn ich Dich bei mir hätte. Ich bin jetzt allein. Onkel Erich kämpft auch.
Hoffentlich ist ihm Soldatenglück beschieden.
Tante Erna und
Eltern aus Mohrungen sind auch hierher geflüchtet.
Hoffentlich erhältst
Du diesen Brief, damit Du die Gewißheit hast, daß Deine Mutti noch am Leben
ist.
Bleibe
weiterhin gesund und sei recht herzlich gegrüßt u. geküßt von Deiner Mutti.
Herzlichen Gruß
auch von Onkel Erich.
Lothar behütet auch diesen Brief wie einen kostbaren
Schatz, jedoch noch nicht ahnend, dass beide Briefe das letzte Lebenszeichen
seiner lieben Mutter bleiben werden. Auch vermag er mit seinen jungen Jahren
kaum zu ahnen, was zur gleichen Zeit, in der er diesen letzten Brief liest, dort
in Langfuhr und Danzig Schreckliches geschieht.
Die Insel Alsen bleibt für Lothar und seine
Schulkameraden bis November 1946 ein sicherer Ort. Ende Januar 1947 erreicht er
Magdeburg. Dort bei Magdeburg lebt seit ihrer Vertreibung aus Danzig seine Großmutter.
Bei ihr findet der inzwischen Vierzehnjährige ein neues Zuhause.
Doch wo ist Charlotte Dellki? Was ist mit ihr
geschehen? Lebt sie überhaupt noch, oder ist sie infolge von Kriegshandlungen
umgekommen, hat sie nach der Eroberung Danzigs durch die Sowjetarmee das schwere
Schicksal vieler deutscher Frauen erleiden müssen, ist sie, wie Tausende
unschuldiger deutscher Frauen auch, nach Sibirien, Kasachstan oder sonst wohin
in jenes unendlichen Land deportiert worden? Die Großmutter weiß auf diese
Fragen keine Antwort, denn sie konnte ihre Tochter Charlotte in der schlimmen
Zeit bis zu ihrer Ausweisung trotz verzweifelter Suche nicht finden.
Für beide, den Enkel und die Großmutter, bleibt
dennoch ein Fünkchen Hoffnung. Charlotte, ihre lebenstüchtige und über alles
geliebte Mutter und Tochter, muss noch am Leben sein! Sie ist doch erst vierzig
Jahre alt und kerngesund gewesen, als beide sie zum letzten Mal gesehen haben.
Wie oft hört man in dieser Zeit nach dem Kriege, dass Verschollene oder tot
Geglaubte alle Qualen der Gefangenschaft überlebt haben und heimkehren, wenn
auch meist in einem bejammernswerten Zustand! Warum soll es diesmal nicht
wenigstens auch so sein?
Jahre vergehen, ohne dass sich beider Hoffnung erfüllt
und sie auch nur das geringste Lebenszeichen erreicht.
Maßlos enttäuschend! Drei nichtssagende Zeilen für
das Schicksal seiner über alles geliebten Mutter! „Nachforschungen des
Polnischen Roten Kreuzes“ — und was ist mit der Sowjetunion? War es nicht möglich,
auch dort nach dem Schicksal eines Menschen zu forschen?
Einem DDR-Bürger ist es nicht gestattet, sich an
eine Behörde in der Bundesrepublik Deutschland zu wenden. Lothar Dellki nimmt
das Risiko auf sich und erhält
1978 den folgenden Bescheid:

Das ernsthafte Bemühen um ein Ergebnis, wie auch
immer, ist unverkennbar. Dennoch bleibt das Schicksal von Lothar Dellkis Mutter
ungewiss! —
Er jedoch gibt die Hoffnung immer noch nicht auf.
Nach der Wende in der DDR ist es auch ihm möglich,
zum „Tag der Danziger“ nach Braunschweig zu fahren. Vielleicht begegnet er
hier jemandem, der ihm endlich Gewissheit über das Schicksal seiner Mutter
geben kann!
„Tag der Danziger“ Mai/Juni 1997. – Im Eingang
der Braunschweiger Stadthalle stehe ich, Manfred Peters, mit einem Stand und
biete den Besuchern dieser Veranstaltung meine autobiografische Erzählung, noch
unter ihrem ersten Titel „Mit sechzehn Jahren deportiert von Danzig nach
Kasachstan“, an. Dabei kommt es auch zu sehr vielen Gesprächen mit Danzigern,
die Gleiches erleiden mussten oder deren Angehörige von einem solchen Schicksal
betroffen waren. Einige von denen, die meine Erzählung erworben und gelesen
haben, schreiben mir wenig später, rufen mich an und bringen dabei zum
Ausdruck, wie sie beim Lesen ergriffen worden sind.
Ein Brief erreicht mich aus Magdeburg: Es ist Herr
Lothar Dellki, der mir unter anderem schreibt:
Verehrter Herr
Dr. Peters!
Ein Bild liegt
hier vor mir, das ich ihnen jetzt schicken will. Es zeigt meine Mutter im Jahre
1944 in der Polizeikaserne in der
Samtgasse in Danzig. Sie arbeitete dort als Angestellte in der
Kraftfahrzeugstaffel der Deutschen Polizei...
Der Suchdienst
des Deutschen Roten Kreuzes erstellte mir ein Gutachten, das besagt, daß sie
den ähnlichen Weg wie Sie gegangen sein könnte.
In Ihrer
hochinteressanten Broschüre ... schildern Sie auf Seite 25 das Zusammentreffen
mit einer der Frauen im Lager, die Ihnen zum 17 Geburtstag gratulierte. Ob es
vielleicht meine geliebte Mutter war? Vielleicht kann Ihnen das Foto eine kleine
Gedächtnisstütze sein...

Ich jedoch kann Lothar Dellki nur folgendes
antworten:
Ihr Brief mit
dem Bild Ihrer Mutter aus der Zeit vor mehr als fünfzig Jahren hat mich tief
bewegt. Könnte ich Ihnen Gewissheit verschaffen, wie auch immer, so täte ich
das! Das Erlebnis, das ich in meiner Erzählung wiedergegeben habe, ist für
mich damals von großer Bedeutung gewesen. Aber dreiundfünfzig Jahre sind für
das Gedächtnis eine sehr lange Zeit.
... Das
Erscheinungsbild Ihrer lieben Mutter auf diesem Foto gestattet mir nicht, zu
behaupten: Nein, sie ist es nicht gewesenen. Die Gesichtszüge, der freundliche
Blick können mich eher das Gegenteil vermuten lassen. Aber: Damals mit meinen
sechzehn-siebzehn Jahren erschien mir die Frau im Lager etwas älter, heute mit
meinen achtundsechzig Jahren erscheint mir Ihre Mutter auf dem Foto zu jung...
Wenn Sie vom
Charakter Ihrer Mutter auf ihr Verhalten mir gegenüber schließen, dann ehrt
das Ihre Mutter sehr...
Was Sie verständlicherweise
von mir haben wollen, ist die hundertprozentige Gewissheit, und die kann ich
Ihnen leider nicht geben...
Dennoch werde
ich versuchen, Ihnen weiterzuhelfen. Ich habe Ihren Brief und das Foto Ihrer
Mutter gescannt und werde die überlebenden Frauen des Lagers in Kimpersai, mit
einigen bin ich in engem Kontakt, bitten, sich zu erinnern und Ihnen möglicherweise
zu helfen...
Doch leider!— So schreibt mir unter anderen
Margarete Schubert:
Lieber Manfred!
Es tut mir für
Herrn Dellki sehr leid, daß ich mich an den Namen Dellki nicht erinnere. Auch
das Gesicht der jungen Frau ist mir gänzlich fremd. Falls Frau D.
das Schicksal der Verschleppung erlitten haben soll — es gab ja viele
Lager dieser Art. Ich verstehe Herrn Dellki sehr gut, daß er sich an jeden
Strohhalm klammert, um das Schicksal seiner
Mutter aufzuklären. Die Ungewißheit ist schlimm...
Und Annemarie Kleist, sie war in der Lagerambulanz
eingesetzt, schreibt:
Der Inhalt
Deines Briefes hat mich sehr bewegt...In der Ambulanz habe ich ja viele
Kameradinnen und Kameraden kennen gelernt. Jedoch nach diesen vielen Jahren ist
es mir nicht möglich zu sagen, ob sie überhaupt in unserem Lager gewesen
sei...
Auch das Treffen der Kimpersaier im Mai 1998 in
Hannover kann die Ungewissheit über das Schicksal Charlotte Dellkis nicht
beseitigen.
Was ist mit Charlotte Dellki geschehen, nachdem sie
diese letzten beiden Briefe an ihren Sohn Lothar geschrieben hat?
Dieses Schicksal erinnert noch einmal daran, welche Wunden den Menschen einst geschlagen wurden. Uns, die wir das alles überlebt haben, werden sie nie vernarben. Und die später Geborenen müssen von uns erfahren, was damals geschah, damit die Geißel des Krieges und der Unmenschlichkeit endlich einmal für immer aus dem Leben aller Menschen verbannt werden kann!