3.2. Lothar Dellki

 

Manfred Peters: „Sie war die beste Mutti der Welt!“  

 

Mai 1944. Danzig ist bisher vom Krieg nahezu verschont geblieben. Doch durch das Vorrücken der Sowjetarmee wird mit  Bombenangriffen auf die Stadt gerechnet. Viele Danziger Schülerinnen und Schüler werden mit einigen ihrer Lehrerinnen und Lehrer viele Kilometer entfernt in KLV-Lager (Kinderlandverschickung) in Sicherheit gebracht.

Da heißt es zunächst einmal Abschied nehmen von Eltern und Geschwistern, von der Heimatstadt, die ihnen bis dahin eine sicherer Hort gewesen ist. Für die Jungen und Mädchen ist es eine Fahrt ins Ungewisse, doch sie sind zumeist voller jugendlicher Unbekümmertheit und erwarten manches Abenteuer. Ohnehin werden sie, dessen sind sie sicher, in absehbarer Zeit wieder heimkehren. So fällt ihnen der Abschied nicht sonderlich schwer. Wer dennoch etwas traurig ist, der gibt sich tapfer und winkt wie die anderen fröhlich aus dem Abteilfenster des abfahrenden Personenzuges heraus. Die am Bahnsteig zurückbleibenden Eltern jedoch sind voller Sorge, aber dennoch gewiss, dass es ein Wiedersehen gibt. Sie wollen den Kindern den Abschied nicht schwer machen und winken ihnen auch fröhlich hinterher.

Unter ihnen Charlotte Dellki. Nachdem ihre Ehe zerbrochen ist, hat sie mit ihrem Jungen Lothar alleine in Danzig-Langfuhr, Simsonweg 52, gelebt. Er ist ihr ein und alles, und für Lothar ist sie, wie er fünfzig Jahre später schreibt, „die beste Mutti der Welt“.

Es vergehen jedoch Monate, und immer noch ist Lothar in dem Lager, das sich in Karlsbach/Wirsitz bei Bromberg befindet. Die Sowjetarmee überschreitet die deutsche Grenze und löst mit ihren unglaublichen Gräueltaten gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung eine riesige Fluchtwelle aus. Die Front rückt näher und näher. Charlotte Dellki ist voller Sorge um ihren Jungen. Da jedoch kommt im Januar 1945 der Befehl, das KLV-Lager zu räumen und die Kinder in westlicher Richtung vor dem Zugriff der Sowjetarmee zu bewahren. Während Danzig zur Festung erklärt wird und Tausenden von Menschen ein Inferno bevorsteht, das menschliche Vorstellungskraft übersteigt, gelingt den Kindern tatsächlich die Flucht. Am 3. März 1945 erreichen Lothar und die anderen gemeinsam mit ihren Lehrern die dänische Insel Alsen.

Charlotte Dellki harrt in Danzig aus. Von Lothar hat sie lange kein Lebenszeichen mehr erhalten. Sie gibt jedoch nicht auf und schreibt ihm am 6. März 1945 folgenden Brief aus dem bedrohten Langfuhr:

Mein lieber Junge!

Hoffentlich hast Du meine beiden Briefe erhalten, damit Du weißt, daß ich noch am Leben bin. Warte jeden Tag auf Nachricht von Dir, leider vergebens. Die Post geht jetzt auch sehr schlecht. Hoffentlich, lieber Junge, bist Du noch gesund? Vielleicht liegst Du auch krank zu Bett und kannst nicht schreiben. Wollen hoffen, daß es nicht der Fall ist und Du die Strapazen gut überstanden hast

Mir geht es gesundheitlich ganz gut. Wenn doch endlich bald Frieden wäre und wieder geregelte Zeiten und Du, mein Junge, könntest wieder nach Hause. Ich bin jetzt immer alleine. Onkel Erich ist viel auf Fahrt, und meine Gedanken weilen bei Dir, was Du jetzt so treibst. Auch wirst Du denken, wenn Du von mir noch keine Post hast, wer weiß, wo Mutti ist?

Aber Deine Mutti ist noch hier und wird auch hier bleiben. Und, wenn es sein muß, in Danzig sterben. Dann, mein Junge, wenn Du am Leben bleibst, vergiß Deine Mutti nicht, wenn sie auch des öfteren geschimpft hat. Du warst doch mein lieber Junge, und ich habe, wenn es ging, Dir Deinen Wunsch erfüllt. Bleibe weiter so brav wie bisher!

Nun werde ich schließen in der Hoffnung, bald Post von Dir zu bekommen.

Es grüßt Dich herzlich aus der Ferne Deine Dich sehr vermissende Mutti.

Auf baldiges Wiedersehen!

Es geschehen auch in dieser Zeit noch Wunder: Lothar empfängt im Lager auf Alsen diesen Brief. Mit seinen dreizehn Jahren ahnt er seinen besonderen Wert und behütet ihn fortan.

Sofort antwortet er seiner lieben Mutter. Und auch dieser Brief erreicht sein Ziel. Kaum zu glauben, doch auch der Antwortbrief der Mutter vom 14. März 1945 erreicht trotz aller Kriegswirren ihren Sohn Lothar:

Mein lieber Junge!

Endlich nach langem Warten und Bangen ein Brieflein erhalten. Mit Freudentränen habe ich ihn gelesen und Danke Dir herzlich dafür. Gott sei Dank hast Du alle Strapazen gut überstanden, und Du bist gesund, und das Essen schmeckt. Meine ganze Post hast Du gar nicht erhalten. Wirst Dir auch Gedanken gemacht haben, wo Deine Mutti abgeblieben ist.

Ich bin noch immer in Danzig. Wir haben in letzter Zeit viel Alarm gehabt und des öfteren im Keller gesessen. Soweit geht es mir gut, und das Essen rutscht auch so einigermaßen.

Wieder hört man in weiter Ferne die Artillerie. Es ist recht beängstigend. Wollen hoffen, daß alles bald ein Ende hat. Wenigstens bist Du gut aufgehoben. Aber wäre glücklicher, wenn ich Dich bei mir hätte. Ich bin jetzt allein. Onkel Erich kämpft auch. Hoffentlich ist ihm Soldatenglück beschieden.

Tante Erna und Eltern aus Mohrungen sind auch hierher geflüchtet.

Hoffentlich erhältst Du diesen Brief, damit Du die Gewißheit hast, daß Deine Mutti noch am Leben ist.

Bleibe weiterhin gesund und sei recht herzlich gegrüßt u. geküßt von Deiner Mutti.

Herzlichen Gruß auch von Onkel Erich.

Lothar behütet auch diesen Brief wie einen kostbaren Schatz, jedoch noch nicht ahnend, dass beide Briefe das letzte Lebenszeichen seiner lieben Mutter bleiben werden. Auch vermag er mit seinen jungen Jahren kaum zu ahnen, was zur gleichen Zeit, in der er diesen letzten Brief liest, dort in Langfuhr und Danzig Schreckliches geschieht.

Die Insel Alsen bleibt für Lothar und seine Schulkameraden bis November 1946 ein sicherer Ort. Ende Januar 1947 erreicht er Magdeburg. Dort bei Magdeburg lebt seit ihrer Vertreibung aus Danzig seine Großmutter. Bei ihr findet der inzwischen Vierzehnjährige ein neues Zuhause.

Doch wo ist Charlotte Dellki? Was ist mit ihr geschehen? Lebt sie überhaupt noch, oder ist sie infolge von Kriegshandlungen umgekommen, hat sie nach der Eroberung Danzigs durch die Sowjetarmee das schwere Schicksal vieler deutscher Frauen erleiden müssen, ist sie, wie Tausende unschuldiger deutscher Frauen auch, nach Sibirien, Kasachstan oder sonst wohin in jenes unendlichen Land deportiert worden? Die Großmutter weiß auf diese Fragen keine Antwort, denn sie konnte ihre Tochter Charlotte in der schlimmen Zeit bis zu ihrer Ausweisung trotz verzweifelter Suche nicht finden.

Für beide, den Enkel und die Großmutter, bleibt dennoch ein Fünkchen Hoffnung. Charlotte, ihre lebenstüchtige und über alles geliebte Mutter und Tochter, muss noch am Leben sein! Sie ist doch erst vierzig Jahre alt und kerngesund gewesen, als beide sie zum letzten Mal gesehen haben. Wie oft hört man in dieser Zeit nach dem Kriege, dass Verschollene oder tot Geglaubte alle Qualen der Gefangenschaft überlebt haben und heimkehren, wenn auch meist in einem bejammernswerten Zustand! Warum soll es diesmal nicht wenigstens auch so sein?

Jahre vergehen, ohne dass sich beider Hoffnung erfüllt und sie auch nur das geringste Lebenszeichen erreicht. Schließlich wendet sich Lothar Dellki nach mehr als zwanzigjähriger Ungewissheit an das Deutsche Rote Kreuz in der Deutschen Demokratischen Republik.  

 

Maßlos enttäuschend! Drei nichtssagende Zeilen für das Schicksal seiner über alles geliebten Mutter! „Nachforschungen des Polnischen Roten Kreuzes“ — und was ist mit der Sowjetunion? War es nicht möglich, auch dort nach dem Schicksal eines Menschen zu forschen?

Einem DDR-Bürger ist es nicht gestattet, sich an eine Behörde in der Bundesrepublik Deutschland zu wenden. Lothar Dellki nimmt das Risiko auf sich und  erhält 1978 den folgenden Bescheid:  

 

 

 

 

Das ernsthafte Bemühen um ein Ergebnis, wie auch immer, ist unverkennbar. Dennoch bleibt das Schicksal von Lothar Dellkis Mutter ungewiss! —

Er jedoch gibt die Hoffnung immer noch nicht auf.

 

Nach der Wende in der DDR ist es auch ihm möglich, zum „Tag der Danziger“ nach Braunschweig zu fahren. Vielleicht begegnet er hier jemandem, der ihm endlich Gewissheit über das Schicksal seiner Mutter geben kann!

„Tag der Danziger“ Mai/Juni 1997. – Im Eingang der Braunschweiger Stadthalle stehe ich, Manfred Peters, mit einem Stand und biete den Besuchern dieser Veranstaltung meine autobiografische Erzählung, noch unter ihrem ersten Titel „Mit sechzehn Jahren deportiert von Danzig nach Kasachstan“, an. Dabei kommt es auch zu sehr vielen Gesprächen mit Danzigern, die Gleiches erleiden mussten oder deren Angehörige von einem solchen Schicksal betroffen waren. Einige von denen, die meine Erzählung erworben und gelesen haben, schreiben mir wenig später, rufen mich an und bringen dabei zum Ausdruck, wie sie beim Lesen ergriffen worden sind.

Ein Brief erreicht mich aus Magdeburg: Es ist Herr Lothar Dellki, der mir unter anderem schreibt:

 

Verehrter Herr Dr. Peters!

Ein Bild liegt hier vor mir, das ich ihnen jetzt schicken will. Es zeigt meine Mutter im Jahre 1944  in der Polizeikaserne in der Samtgasse in Danzig. Sie arbeitete dort als Angestellte in der Kraftfahrzeugstaffel der Deutschen Polizei...

Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes erstellte mir ein Gutachten, das besagt, daß sie den ähnlichen Weg wie Sie gegangen sein könnte.

In Ihrer hochinteressanten Broschüre ... schildern Sie auf Seite 25 das Zusammentreffen mit einer der Frauen im Lager, die Ihnen zum 17 Geburtstag gratulierte. Ob es vielleicht meine geliebte Mutter war? Vielleicht kann Ihnen das Foto eine kleine Gedächtnisstütze sein...

 

 

Ich jedoch kann Lothar Dellki nur folgendes antworten:

 

Ihr Brief mit dem Bild Ihrer Mutter aus der Zeit vor mehr als fünfzig Jahren hat mich tief bewegt. Könnte ich Ihnen Gewissheit verschaffen, wie auch immer, so täte ich das! Das Erlebnis, das ich in meiner Erzählung wiedergegeben habe, ist für mich damals von großer Bedeutung gewesen. Aber dreiundfünfzig Jahre sind für das Gedächtnis eine sehr lange Zeit.

... Das Erscheinungsbild Ihrer lieben Mutter auf diesem Foto gestattet mir nicht, zu behaupten: Nein, sie ist es nicht gewesenen. Die Gesichtszüge, der freundliche Blick können mich eher das Gegenteil vermuten lassen. Aber: Damals mit meinen sechzehn-siebzehn Jahren erschien mir die Frau im Lager etwas älter, heute mit meinen achtundsechzig Jahren erscheint mir Ihre Mutter auf dem Foto zu jung...

Wenn Sie vom Charakter Ihrer Mutter auf ihr Verhalten mir gegenüber schließen, dann ehrt das Ihre Mutter sehr...

Was Sie verständlicherweise von mir haben wollen, ist die hundertprozentige Gewissheit, und die kann ich Ihnen leider nicht geben...

Dennoch werde ich versuchen, Ihnen weiterzuhelfen. Ich habe Ihren Brief und das Foto Ihrer Mutter gescannt und werde die überlebenden Frauen des Lagers in Kimpersai, mit einigen bin ich in engem Kontakt, bitten, sich zu erinnern und Ihnen möglicherweise zu helfen...

 

Doch leider!— So schreibt mir unter anderen Margarete Schubert:

Lieber Manfred!

Es tut mir für Herrn Dellki sehr leid, daß ich mich an den Namen Dellki nicht erinnere. Auch das Gesicht der jungen Frau ist mir gänzlich fremd. Falls Frau D.  das Schicksal der Verschleppung erlitten haben soll — es gab ja viele Lager dieser Art. Ich verstehe Herrn Dellki sehr gut, daß er sich an jeden Strohhalm klammert, um das Schicksal seiner  Mutter aufzuklären. Die Ungewißheit ist schlimm...

 

Und Annemarie Kleist, sie war in der Lagerambulanz eingesetzt, schreibt:

Der Inhalt Deines Briefes hat mich sehr bewegt...In der Ambulanz habe ich ja viele Kameradinnen und Kameraden kennen gelernt. Jedoch nach diesen vielen Jahren ist es mir nicht möglich zu sagen, ob sie überhaupt in unserem Lager gewesen sei...

Auch das Treffen der Kimpersaier im Mai 1998 in Hannover kann die Ungewissheit über das Schicksal Charlotte Dellkis nicht beseitigen.

Was ist mit Charlotte Dellki geschehen, nachdem sie diese letzten beiden Briefe an ihren Sohn Lothar geschrieben hat?

Dieses Schicksal erinnert noch einmal daran, welche Wunden den Menschen einst geschlagen wurden. Uns, die wir das alles überlebt haben, werden sie nie vernarben. Und die später Geborenen müssen von uns erfahren, was damals geschah, damit die Geißel des Krieges und der Unmenschlichkeit endlich einmal für immer aus dem Leben aller Menschen verbannt werden kann!

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